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Politische Erziehung und Einstellung der Kaiserin Friedrich.
Die Kaiserin Friedrich, geborene Princess Royal von Großbritannien und Irland, wurde am 21. November 1840 in London geboren. Sie war das älteste Kind der Königin Viktoria von England und des Prinzgemahls Albert von Sachsen-Koburg. Prinz Albert leitete die Erziehung seiner Lieblingstochter selbst und führte sie schon früh in seine geistige Ideenwelt ein.[1] Dabei berücksichtigte er von vornherein die zukünftige Stellung und die damit verbundene Aufgabe seiner Tochter,[2] denn der Gedanke an eine Ehe zwischen der Prinzessin Viktoria von England und dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen scheint schon früh aufgetaucht zu sein. Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, der zur Zeit der Vermählung des jungen Paares Flügeladjutant König Friedrich Wilhelms IV. war, berichtet darüber: "Wir wissen, daß diese Verbindung seit der Geburt dieser Prinzessin ein Lieblingsplan des Königs war. Der Gewandtheit der Königin von England und der Prinzessin von Preußen ist es zu danken, daß sich diese Verbindung aus Neigung machte. Gewiß ein seltener Fall, daß eine politische Ehe auch eine Neigungsehe ist:[3] Und die Königin Viktoria selbst schreibt über die bevorstehende Verlobung ihrer Tochter an König Leopold I. von Belgien: ".... Unsere Wünsche inbezug auf eine künftige Heirat Vickys haben sich in der angenehmsten und befriedigendsten Weise erfüllt".[4] - Die lange Verlobungszeit der Prinzessin Viktoria benutzte Prinz Albert dazu, seine Tochter mit den sie erwartenden Aufgaben vertraut zu machen. Er erteilte ihr täglich eine Stunde Unterricht in Politik und Geschichte und führte sie dabei in seine Anschauungen über die Lösung der deutschen Frage ein. Er zeigte ihr den Weg, wie er sich die Bildung des deutschen Nationalstaates dachte, nämlich durch die moralische Eroberung Deutschlands durch Preußen.[5] Nach seiner Meinung erhob Preußen bisher wohl den Anspruch an der Spitze Deutschlands zu stehen, aber sein Verhalten sei nicht deutsch. Der Zollverein wäre die einzige wirklich deutsche Tat Preußens. Und doch sei eine große, liberale, edle Politik die Vorbedingung für die Hegemonie Preußens in Deutschlands.[6] Von dieser Art waren die Ideen, die Prinz Albert seiner Tochter vermittelte, und die diese begierig aufnahm; seine Erziehung setzte er auch noch fort, als Viktoria schon Kronprinzessin von Preußen war.[7] |
| Die Princess Royal brachte also eine feste politische Ueberzeugung mit nach Deutschland, die auch diejenige ihres Vaters war, eine Ueberzeugung, von der sie ihr ganzes Leben lang nicht abgewichen ist. Als Gattin des preußischen Thronfolgers machte sie sich mit dem ganzen Eifer ihres regen Geistes daran, die Gedanken ihres zärtlich geliebten Vaters und Lehrers in die Tat umzusetzen. Sie war davon überzeugt, Deutschland den besten Dienst leisten zu können, wenn sie die Ideale des englischen Liberalismus zu verwirklichen suchte. Diese Einstellung ist verständlich, denn ihre Jugend fiel in die Zeit, in der in England das bürgerlich-liberale Ideal aufkam und die Prinzessin hatte gesehen, wie es sich in England bewährt hatte, wo es möglich war, "ohne jede revolutionäre Erschütterung den alten aristokratischen Staat und die aristokratisch gegliederte Gesellschaft in die modernen Lebensformen schrittweise hinüberzuführen."[8] Zu ihren liberalen Anschauungen paßt auch der Glaube an die Aufwärtsentwicklung der Menschheit, von dem Bülow schreibt, die Kaiserin Friedrich sei der Meinung gewesen, daß sich die fortschreitende Vervollkommnung der Menschheit am besten im Sinne englischer Ideen und Sitten vollziehe, Preußen-Deutschland soll daher stets für englische Interessen eintreten, weil die sich nun einmal mit dem Fortschritt der Menschheit und den höchsten Idealen decken. Aus diesem Grunde soll es auch im Verein mit England dem barbarischen, russischen Bären entgegentreten.[9] Man kann Bülows Meinung hier Glauben schenken, denn sie deckt sich ganz mit den Lebensanschauungen der Prinzessin. Das russische Regiment hat sie stets tief verabscheut. "Das autokratische Wesen, die ganze rüde Art des Regierens dort war ihr schrecklich",[10] und mit dem russischen Volk hätte sie großes Mitleid. Sie baut auf die Intelligenz des Volkes, "das ist eine große Macht", sagt sie zu Hohenlohe[11] und tritt für die Volksbildung ein, die die Leute unabhängig und frei machen wird. - Auch in religiöser Hinsicht war sie liberal und gegen alles Orthodoxe eingenommen. Delbrück erklärt ihre Absage an die orthodoxe Richtung, die damals allein am preußischen Hofe herrschte, daraus, daß die Orthodoxie im Bunde mit der politischen Reaktion stand und die Ideale des deutschen Volkes nicht hochkommen ließ.[12] |
| Wie jede Persönlichkeit, die von ihrer eigenen Meinung über zeugt ist, alles daransetzt, ihren Ansichten weithin Geltung zu verschaffen, so tat es auch die Kaiserin Friedrich. Ihrer ganzen Einstellung nach mußte sie zweierlei verlangen: innenpolitisch, die konstitutionelle Regierungsform nach englischem Muster, außenpolitisch antirussischen und proenglischen Kurs der deutschen Politik. |
| Da sie bei ihrem "grundsätzlichen" Wesen, das sie, wie sie überhaupt das getreue Ebenbild ihres Vaters war, von dem Prinzgemahl Albert geerbt hatte,[13] hartnäckig auf ihrer einmal gefaßten Meinung blieb und sich von ihren "Prinzipien" nicht abbringen ließ, war es klar, daß sie schon aus diesem Grunde für einen Bismarck und dessen Realpolitik kein Verständnis aufbringen konnte. Wie konnte eine starre Doktrinärin, die keine Kompromisse kannte, wie ich im einzelnen später noch nachweisen werde, Bismarcks "Kunst des Möglichen" begreifen? Diese beiden Persönlichkeiten mußten naturgemäß wegen ihrer Andersartigkeit aufeinanderstoßen und sich gegenseitig ablehnen. Bismarck haßte in ihr die "liberale Engländerin". Von Anfang an hatte ihm das Englische an dieser Heirat nicht gefallen, und leider war sein Mißtrauen berechtigt.[14] Wir haben viele Beweise dafür, daß die Prinzessin ihr Heimatland über alles liebte. Aus den schriftlichen Zeugnissen aller derjenigen, die die Kronprinzessin und spätere Kaiserin Friedrich kannten, geht hervor - und ihre Briefe erhärten es -, daß sie England über alles stellte. Diese Einstellung wird man, rein menschlich gesehen, verstehen können. Aber andererseits muß man auch von einer deutschen Fürstin verlangen, daß sie das Wohl des deutschen Volkes allen anderen Interessen und Gefühlen überordnet. Die deutsche Kronprinzessin darf sich doch nicht mit den englischen Interessen identifizieren und über die "unangenehme" und "aufgeregte", dazu nicht immer "faire" Konkurrenz klagen, die der deutsche Kaufmann dem englischen mache.[15] Dagegen ist es für sie selbstverständlich, daß England bei erster Gelegenheit im russisch-türkischen Kriege Fuß in Aegypten fassen muß. "I hope and pray that Egypt may be ours", schreibt sie an ihre Mutter, denn England hat dort eine große Mission zu erfüllen.[16] Und als Konstantinopel 1876 von den Russen besetzt zu werden drohte, verlangt die englische Königstochter, daß sich England stark zeigen soll, ja, sie sehnt sich nach "dem lauten Gebrüll des britischen Löwen und nach dem Donner einer britischen Breitseite."[17] Diese unmenschlichen Mittel billigt sie England zu, trotzdem sie es gleich hinterher als das Land preist, das "allen anderen Ländern in der Höhe der Zivilisation und des Fortschritts weit voraus ist" und "the only really happy, the only really free, and, above all, the only really humane country"[18] ist. |
| Aus ihrer Vorliebe für England hat sie auch nie ein Hehl gemacht. Sie hat stets ihr Herz auf der Zunge getragen und ihre Meinung frei geäußert. Ehrlichkeit und Offenheit waren wohl ihre Haupttugenden, trotzdem ihre unvorsichtig ausgesprochenen Urteile oft doch recht unklug waren, besonders wenn sich ihre englische Gesinnung darin verriet. Sie selbst wußte auch ganz genau, daß sie sich dadurch in Preußen unpopulär machte und litt darunter sehr.[19] Aber weil es ihr Wesen war, konnte sie nicht anders sein. Bei allen Geistesgaben, die diese hochbedeutende Frau auszeichneten, und bei all ihrer Aufgeschlossenheit für politische Probleme muß doch gesagt werden, daß sie in einem Punkte sehr kurzsichtig war und wenig politisches Verständnis bewies, indem sie nämlich glaubte, die Gesetze und Einrichtungen eines Landes einfach auf ein anderes Land übertragen zu können. Jedes Land hat sein eigenes Lebensgesetz, und der preußische Staat ist anders gewachsen als der englische, und darum wollte er auch nach seiner eigenen ihm zukommenden Weise regiert werden. Die junge Prinzessin kam mit den besten Vorsätzen nach Deutschland, und es fehlt auch nicht an Aeußerungen der Liebe zu ihrem neuen Vaterland, von dem sie zeitweise sogar in Ausdrücken des Stolzes gesprochen hat.[20] Auch entsprang es durchaus den besten Motiven, wenn sie das Land ihres Gemahls nach englischem Muster umgestalten wollte, denn sie hielt dies für den einzigen Weg, Deutschland "glücklich" und "frei" zu machen. Weil sie die nun einmal gesetzten Schranken mit Gewalt brechen wollte, und weil ihre Reformpläne allzu englisch aussahen, ist sie gescheitert. Darum hat sie ihre Lebensaufgabe, die sie sich gesetzt hatte, nicht lösen können; darin besteht die eigentliche Tragik ihres Lebens. |