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In memoriam

Kaiserin Friedrich und das deutsche Kunstgewerbe

Baron von Falkenegg

Berlin, 1901

In der Friedenskirche in Potsdam ruht nun an der Seite ihres hohen Gemahls, des unvergesslichen Kaisers Friedrich des Dulders, was sterblich war an Kaiserin Victoria, die als "princess royal" von glanzvollen Hoffnungen umgeben, das Licht der Welt erblickt und als unglückliche vom Schicksal tief gebeugte Wittwe des zweiten deutschen Kaisers von dem Gleichmacher Tod in das Reich der Schatten gerufen wurde.
Es war ein ereignissreiches, von Freud und Leid ausgefülltes Leben, das dort in Kronberg im Taunuswaldgebirge sein Ende gefunden und die Nachwelt wird in höherem Maasse als die Mitwelt, deren Blick begreiflicherweise noch in manchen Dingen befangen und durch Vorurtheile getrübt ist, der heimgegangenen Fürstin das Zeugniss nicht versagen, dass den grossgeistigen Herrscherinnen, die von ihrer hohen Stelle aus Edles und Gutes gestiftet, die Kaiserin Friedrich zweifellos zuzuzählen sei.
Wenn das Schicksal ihr auch versagt hatte, als regierende Kaiserin für Deutschland die Wirksamkeit zu entfalten, die nach menschlicher Voraussicht ihr hier beschieden war, so hatte sie doch als Kronprinzessin in einer durch eigenartige Verhältnisse geschaffenen Ausnahme-Stellung Gelegenheit, nach bestimmten Richtungen der Entwickelung deutschen Kultur- und Geisteslebens hervorragend nützlich zu sein. -
Zumal die deutsche Reichshauptstadt kann in gewissem Sinne ebenfalls von einem "victorianischen" Zeitalter sprechen, wenn man die grossen Gebiete des Kunstgewerbes und der Wohlfahrtstiftungen für Frauenerwerb und Frauenbildung ins Auge fasst.
So recht bezeichnend für das Wirken der hohen Fürstin und weit über den Rahmen conventionellen Beileidstyles hinausreichend ist jener Passus in der Kondolenz-Adresse der Berliner Stadtverwaltung, der von den Verdiensten der Verstorbenen spricht.
Es heisst da:
"Aus weiter Ferne war die edle Fürstentochter zu uns gekommen; empfangen von dem Jubel eines stammverwandten Hauses, war sie uns nicht eine Fremde. Schnell gelang es ihr, unser zu werden und die Zierde unseres Volkes zu sein. Ihr war es gegeben, an der Seite des jetzt in Gott ruhenden hohen Gemahls die grösste Zeit deutscher Geschichte zu durchleben und Zeugin zu sein der grossen Ereignisse, die die Einigung des Vaterlandes herbeigeführt haben. Wir betrauern aber in ihr nicht blos die erhabene Fürstin, welche in entscheidungsschwerer Zeit des Vaterlandes auf der Höhe gestanden, unserem Herzen steht sie näher durch die innige Theilnahme, welche sie, die reichbegabte Fürstentochter, allen Bestrebungen auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft entgegentrug, welche zu mehren und zum Gedeihen zu bringen, sie für eine ihrer höchsten Aufgaben ansah. Unvergessen wird bleiben, dass die hohe und edle Frau der Bedürftigen in unserem Volke nicht vergass; nicht nur zahllose Werke thätiger Liebe sind mit der Erinnerung an die geschiedene hohe Wohlthäterin auf immer verknüpft, auch zahlreiche Wohlthätigkeitsvereine, welche ihrer Anregung das Entstehen und der von der hohen Verblichenen ausgehenden Förderung das Gedeihen verdanken, trauern um die Unersetzliche."
An diesem Nachruf ist nichts überschwenglich, nichts übertrieben, die verewigte Kaiserin war in der That eine Frau von hohen Herzens- und Geistesgaben, die sie, wo es anging in den Dienst der Allgemeinheit stellte, um den Nebenmenschen zu nützen und zu helfen.
Und die Heimgegangene war besonders (wie das die Beileid-Adresse der deutschen Reichshauptstadt den kommenden Geschlechtern eindringlich überliefert) eine Freundin und Förderin der Künste und Wissenschaften, auf den Höhen der Menschheit wandelnd und das Höchste ihrer Kultur beschützend.
Wenn der Bildhauer, der einmal dazu berufen sein wird, das ihr gebührende Denkmal zu fertigen, die Allegorie zu Hilfe nehmen würde, dann müssten zwei Gestalten vor Allem seiner Phantasie lebendig werden: Die Charitas, von Frauen und Mädchen umgeben, die dankbarlich zu ihr, als der Retterin aufschauen, und die Kunst, die das Handwerk in die lichten Höhen des Geistes führt.
So stellt sich uns, ins Allegorische übertragen das Lebenswirken der Heimgegangenen dar, hilfreich und kunstbegeistert.
Nur hämisches Uebelwollen und die Sucht, unter allen Umständen, der allgemeinen Stimmung Entgegengesetzes zu sagen, können das Wirken der Heimgegangenen auf diesem Gebiete verkleinern und (s. No. 46 der "Zukunft") darüber wie folgt schreiben
"Wie sie zu unheilvollem Leben ein Kunstgewerbe erweckte, das keinem Bedürfniss der Deutschen von heute entsprach, für den "altdeutschen" Tand der Täfelungen, schwer beweglicher Sessel, Schränke, Truhen schwärmte, die in Renaissanceschlösser, nicht in die enge Zufallswohnung moderner Nomaden taugten etc."
Mit solchen auf die blosse Nützlichkeit abzielenden Argumenten kann man jede Kunstbestrebung im Sinne der Banausen bespötteln. Mit solchen nüchternen Verkleinerungen aller Kunstbestrebungen kann man zuletzt beweisen, dass die Kunst überhaupt nicht in das Leben der Menschen passe, da weder der Durchschnitts-Bürger sich ein Gemälde von Rafael oder Tizian anschaffen, noch eine Statue von Michel Angelo in seinem Hause aufstellen könne. Das sind Sophismen, die dem verdutzten Leser die Freude am Schönen, an der Kunstentfaltung verleiden können und zum Mindesten darauf berechnet sind.
Doch dies nebenbei. Es steht hier nicht zum Beweise, dass Kunst und Kunstgewerbe Äusserungen jeder Kultur sein werden - würde uns auch zu weit führen. Seien wir denen dankbar, die die Neigung, die Bildung und die Macht haben, die Interessen der Kunst und des Kunstgewerbes zu fördern und damit das Gedanken-Niveau ihrer Zeitgenossen zu erhöhen.
Und welche Verdienste vor Allem die hochselige Kaiserin Friedrich in ihrer Kronprinzessinnenzeit sich um das Kunstgewerbe der deutschen Reichshauptstadt und damit des neuen deutschen Reiches, im Allgemeinen erworben, welcher hohe Anteil ihr an der Hebung des Kunstsinnes in Deutschland gebührt - das soll in Folgendem des Näheren dargelegt werden.
Drei Momente besonders verliehen der jungen "princess royal" eine geistige Superiorität, als sie dem Erwählten ihres Herzens nach Preussen folgte, um hier als Kronprinzessin einen Lebensinhalt zu finden: sie kam aus grossen Verhältnissen eines führenden Kulturstaates, (kein Einsichtiger konnte dies Attribut damals dem Britenreiche absprechen) sie war durch und durch eine Künstler-Natur mit hohen Anlagen, die weit über diletantische Künstelei emporragten und drittens: sie hatte eine nie versagende, unermüdliche Initiative. So stand sie über den Dingen und wartete nicht, bis die Dinge an sie herantraten. Sie verliess sich nicht auf die Palastdamen und Kammerherren, die seit den Tagen der Festsetzung des spanischen Hofceremoniells leicht geneigt sind, den Fürstinnen ihr Tageswerk und ihr Tagesprogramm vorzuschreiben. Mit ihrem scharfen hellen Blick durchdrang sie die Verhältnisse und half und besserte und förderte, wo sie konnte. Dass einer hochgebildeten Fürstentochter, wie sie es war, eine gewisse Nüchternheit und Trockenheit des ganzen Lebens-Haus- und Kunststyles, die damals Ende der fünfziger und Anfangs der sechziger Jahre der Hauptstadt Berlin ihr Gepräge gaben, auffallen mussten, lag in der Natur der Sache.
Innerpolitische Kämpfe beschäftigten die Gemüter, es war wie ein Nachgrollen und Nachrollen nach dem Donner der Gewitterstürme des "tollen Jahres" - der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. war regierungsunfähig geworden - eine neue Zeit lag in Wehen, Apoll und die Musen schienen der preussischen Hauptstadt den Rücken gekehrt zu haben.
Was fand die kunstsinnige junge Prinzessin denn an Kunstbestrebungen vor, als sie in Preussens Hauptstadt den neuen grossen Abschnitt in ihrem Leben begann?
Die Kunst war zopfig, akademisch, ohne Kontakt mit dem Volke, mit dem Tage.
Auf die "klassische" Periode von Schinkel und Schadow war eine Öde gefolgt, in der kein grosser Name hervorleuchtete.
Die Kunst hatte überhaupt wenig Raum in den Köpfen der Landes- und Zeitgenossen; was an geistiger Kapacität und Spannkraft vorhanden war, wendete sich der Wissenschaft und der Politik zu.
Das Handwerk nun gar lag in den Banden einer ganz primitiven Nüchternheit und zwischen seiner Bethätigung und der hohen Kunst gähnte eine Kluft, die unüberbrückbar schien.
Von Kunstgewerbe war noch kaum ein Ansatz zu spüren, der Hausrat in den Bürgerhäusern war schmucklos und nüchtern - die kunstgewerblichen Ziergegenstände in den vornehmen Häusern waren von Frankreich und England bezogen oder älterer Herkunft aus jenen Zeiten, da auch in Deutschland die Kunst mit dem Handwerk sich vermählt und die Kunstindustrie erzeugt hatte.
Hier war eine wahrnehmbare Lücke auszufüllen und die Kronprinzess Viktoria unterzog sich dieser Aufgabe, hier konnte sie Neues in ihrem neuen Vaterlande schauen und sie vergass der Mahnung ihres hochsinnigen Vaters nicht, der ihr bei ihrer Abfahrt aus England die Geleitworte mit auf den Weg gegeben; sie solle nunmehr in ihrer neuen Heimat nach Maassgabe ihrer Kräfte und ihrer Stellung als deutsche Fürstin Gutes stiften und Nützliches wirken. Sie hat diese Mahnung in allen Stücken beherzigt.
Wenn heute auf den mannigfachen Gebieten der Kunstindustrie Deutschland und zumal die deutsche Reichshauptstadt, an grosse Muster einer kunstreichen Vergangenheit anknüpfend wieder in Ehren dastehen und den Wettkampf mit dem Auslande aufnehmen können, dann ist dies in erster Reihe auf die Initiative der preussischen Kronprinzessin zu setzen, die ihren hohen Gemahl für ihre kunstfördernden Pläne gewonnen und für diese immer geneigt fand.
Sie that in Preussen dasselbe, was ihr geistvoller Vater, der Prinz Gemahl Albert für sein neues Vaterland England gethan, und da ist es denn interessant zu sehen, wie merkwürdig hier die Wechselwirkung zwischen deutschem und englischem Geiste sich offenbarte und wie auf seltsamen Umwegen die Früchte einer Geistesthat, die in Deutschland gepflanzt worden, über England nach Deutschland wieder zurückgelangten.
In der in Berlin im Jahre 1844 auf Anregung des kunstsinnigen Königs Friedrich Wilhelm IV. im Zeughause veranstalteten Ausstellung, die damals Hoch und Niedrig lebhaft beschäftigte, hat man, wie Geheimrat Reuleaux in einer interessanten Arbeit einmal darlegte, den eigentlichen Angelpunkt der Wertschätzung der Gewerbeausstellungen zu erblicken. Zu ihren Besuchern gehörte auch der Gemahl der jugendlichen Königin, Prinz Albert. Die Leistungen seiner deutschen Landsleute regten ihn lebhaft an und in der Hoffnung, seinem neuen Vaterlande, das in der Maschinentechnik auf unbestrittener oberster Stufe stand, neue Anerkennungen zuzuführen, fasste er den grossen Gedanken, den Begriff der Landesausstellung auf den der allgemeinen, der Weltausstellung zu erweitern. Ganz allein auf seine hohe Anregung hin wurde dieser Gedanke in England mit Eifer weiter entwickelt und zum Staunen der Welt in der ersten internationalen Ausstellung in London 1851 verwirklicht.
Nun machte aber England zu seiner höchlichen Verwunderung die Erfahrung, dass es in den Kunstgewerben zurückgeblieben war. Hier sah es sich durch Frankreich und Italien in Porzellan, Glas, Bronze, in Geweben Tapeten, Möbeln u. s. w. so hoch übertroffen, wie man es gar nicht für möglich gehalten hätte und entdeckte alsbald auch, dass lange Zifferreihen dafür in den Einfuhrlisten vor seinen Augen tanzten.
Die Entschlossenheit und Thatkraft, mit der damals die Engländer ihre erkannte Schwäche zu beseitigen suchten und durch Schulen, Sammlungen, Erwerbungen, Anregungen nicht nur beseitigt, sondern in Uebergewicht verwandelt haben, hat nicht ihres Gleichen. Schon nach zehn Jahren hatte sich ihr Ausfuhrverhältnis auf dem Kunstgewerbemarkt umgekehrt. Aber mehr noch: eben diese innere Arbeit und Selbstschau der englischen Nation ist der eigentliche Anlass, die 1851 er Ausstellung, die Stunde gewesen für die Wiedergeburt und das neue Leben des gesamten europäischen Kunstgewerbebetriebes.
Und in demselben Maasse, wie der hochsinnige Vater für sein Adoptivvaterland und nach derselben Richtung wirkte die Tochter für das Land, dessen Herrscherin zu werden sie berufen war.
Von Deutschland kam die Anregung nach England und von England strahlte sie wieder nach Deutschland zurück - Prinz Albert's und seiner erlauchten Tochter Namen sind so für immer mit der Hebung des Kunstgewerbes in unserer Zeit verknüpft.
Geistbegnadet und kunstsinnig wie ihr Vater hatte die Kronprinzess Viktoria an dem edlen Beispiel gelernt, wie man die Kunst rationell zu fördern habe.
"Kunst ohne Gunst bleibt umsunst" - so lautet ein altes Wahrwort, das zu allen Zeiten und bei allen Völkern seine Geltung behalten und in Künstlerkreisen immer das Motto bleiben wird. Keine Kunst kann ohne Mäcenatenthum bestehen, immer werden Mediceer nöthig sein, um Kunstinteressen zu fördern.
Die Mediceer für das Berliner, bezw. das deutsche Kunstgewerbe waren der Kronprinz Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Viktoria.
Genau nach dem Programm ihres Vaters, des grossen Protektors von Kunst und Wissenschaft, ging sie an ihre Aufgabe, deren Gelingen für Deutschlands Kultur so segensreich werden sollte und für die sie den lebhaften Geist ihres Gemahls bald so gewann, dass dieser mit seinem Feuereifer und männlicher Thatkraft für ihre Pläne eintrat.
Es ist bekannt und Gustav Freytag betont es noch ausdrücklich in seinen Erinnerungen an Kaiser Friedrich, mit welcher Emphase dieser von den hohen Geistesgaben seiner Gemahlin sprach, es weder sich noch Anderen verhehlend, dass "er zu seiner Frau aufblicke" und in Kunstdingen zumal viel von ihr gelernt habe.
Unter den zahlreichen Nekrologen, die dem Andenken der hervorragenden Fürstin galten, fand ich eine frappante Äusserung, von einem der ersten Publizisten unserer Zeit, Fr. Dernburg, herrührend, die in kurzer prägnanter Art die hervorstechende Eigenart der "viktorianischen" Zeitperiode in Berlin zeichnet.
"Von der Kaiserin Friedrich, so lautet diese Äusserung, möchte ich nur eins sagen: dass sich niemals die Dynastie so der Eigenart und Bildung der bürgerlichen, der wissenschaftlichen und künstlerischen Kreise genähert hat, wie in der Kaiserin Friedrich."
Selbst jener hämische Artikel der "Zukunft" wird hierin der Heimgegangenen gerecht, wenn er anerkennt:
"Dennoch muss man dankbar daran denken, dass sie zum ersten Male wieder Künstler an einem Hohenzollernhof heimisch werden liess."
Sie fühlte sich eben, wie auch von anderer kompetenter Seite mit Recht hervorgehoben wurde, als Mitglied der "europäischen Bildungswelt", und dieser Umstand gab ihr die Sicherheit in ihrem Verhältniss zur Kunst und schaffte ihr das Vertrauen der betheiligten Kreise.
Man erzählt sich von bezeichnenden, frappanten Zügen aus ihrer kunstfördernden Thätigkeit, die mehr als lange Abhandlungen erweisen, wie auch das Herz der edlen Fürstin bei ihrem Thun war.
Eines Tages kam sie unerwartet - es war das so ihre Art, denn sie liebte es nicht, dass die Leute sich lange auf ihren Besuch vorbereiteten - in eine neu eröffnete Kunstgewerbe-Halle, die halb kaufmännisch, halb wie eine, öffentlichen Interessen dienende Ausstellung geleitet war.
Ihr hoher Gemahl begleitete sie, lebhaft interessiert für alles, was er sah, leutselig und freundlich wie immer.
Der Direktor des Etablissements führte die hohen Herrschaften durch alle Räume und erläuterte das Wissenswerte.
Plötzlich wandte sich die Kronprinzessin, nachdem sie durch ihre genaue Kenntniss der verschiedenen Stylarten und des mannigfachen Arbeitmaterials den Direktor verblüfft und beinahe in Verwirrung gesetzt hatte, zu diesem und meinte: "Die Sachen gefallen mir im Ganzen, es ist ein unleugbarer Fortschritt zu merken, aber was mir auf fällt ist, dass alle die Gegenstände den Namen der Firma tragen, die hier ausgestellt hat und nicht den Namen des wirklichen Herstellers, des Arbeiters. Und darauf kommt es an."
Der Kronprinz schloss sich den Ausführungen seiner Gemahlin an, und man kann sich vorstellen, welche Wirkung dieser Wink hatte.
Seit dieser Zeit wurden die Verfertiger selber in das vollste Licht der Öffentlichkeit gezogen, denn das war es, was der Kronprinzessin vorschwebte: die Fähigkeiten herauszuholen, wo es nur irgendwie möglich war, die Freude an der schönen Arbeit wieder lebendig zu machen und den Herstellern kunstgewerblicher Erzeugnisse die Liebe zur Arbeit ohne die nichts Erspriessliches gedeihen kann, wieder einzuflössen. Allem, was sich auf diese Endziele bezog, brachte sie stets lebhaftes Interesse entgegen.
Auf ihre mittel- und unmittelbare Anregung wurden Fortbildungsschulen für kunstgewerbliche Zwecke ins Leben gerufen - Vereine zur Förderung des Kunstgewerbes begründet - Ausstellungen veranstaltet.
Der Verein für deutsches Kunstgewerbe in Berlin, der s. Z. einer der wichtigsten Faktoren zur Belebung des Kunstgewerbes war, dankte ihrer regen Anteilnahme an seinen Bestrebungen den Einfluss, den er in entscheidender Zeit gewonnen.
Das Kunstgewerbe-Museum in Berlin, eines der interessantesten und vollständigsten seiner Art, instruktiv wie kaum ein zweites, wäre kaum erstanden, wenn nicht die Kronprinzess Viktoria bei Plan und Gründung und Ausbau mitgeholfen, ja, den ganzen Gedanken von seinem Ursprung an in die Bahn der Verwirklichung geleitet hätte.
Sie kannte die Dinge und Menschen, die zur Ausführung der Pläne nach der gekennzeichneten Richtung am geeignetsten waren, sehr genau und durch ihre Verbindung mit England hat sie beispielsweise dem Kunstgewerbe-Museum in seiner ersten Zeit viel Vorteile bieten können, die den Reiz der Darbietungen erhöhten.
Das berühmte Museum in London hat auf ihre Veranlassung oft Kunstindustrie-Werke, deren Werte nach Millionen bemessen werden können, dem Berliner Kunstgewerbe-Museum zur Verfügung gestellt.
Kundige wissen es, wie sorgsam die Interessen der Kunst und des Kunstgewerbes in dem gastfreundlichen Kronprinzenschloss Unter den Linden behandelt wurden, wenn an den denkwürdigen Gesellschaftsabenden, die allen Eingeladenen wie Lichtblicke ihres Lebens im Gedächtniss blieben, das kronprinzliche Paar die Getreuen, hochgesinnte Männer und Frauen der Kunst- und Wissenschaftskreise der Residenz um sich sah.
Von hier flog mancher belebende Funken in das Kunstwirken der Zeit, und vor Allem wusste man, dass man nicht vergeblich an den Kunstsinn des hohen Paares appellierte, wenn die Förderung irgend welcher Kunstzwecke in Frage stand.
Wieviel Talente entdeckte die hohe Frau, wenn sie die kunstgewerblichen Ateliers durchwanderte, und wie sorgte sie dafür, dass diesen Fähigkeiten der Weg geebnet werde!
Sie half auch durch die That und nicht nur durch ihre allerdings hochwertige Anerkennung, sie half durch Ankäufe und durch das beherzigenswerte Beispiel, das sie hiermit gab.
Denn wir müssen es uns offen gestehen, dass ein solches Beispiel gerade bei uns in Deutschland Not thut - unsere vornehmen Kreise, die der sogenannten "oberen Zehntausend", unsere steinreichen Magnaten, unser begüterter Hochadel, sie alle haben, wenn es an ihren Geldbeutel geht, wenig für nachhaltige Förderung der Kunst und des Kunstgewerbes übrig und lassen sich hierin von den entsprechenden Kreisen im Auslande beschämen.
Ein exorbitant hoher Prozentsatz des ohnedies nicht so hoch bemessenen Etats (und das muss hauptsächlich betont werden, denn hierüber sind falsche Meinungen verbreitet gewesen) wurde vom kronprinzlichen Paare für Einkäufe von kunstgewerblichen Gegenständen bestimmt.
Ja, in der Öffentlichkeit weiss man gemeinhin nicht, wie hoch dieser Prozentsatz war, zweifellos aber ist, dass wenn alle notorisch reichen Leute, eine so grosse Quote ihrer Einkünfte für Förderung der Kunst und des Kunstgewerbes ausgeben würden, die Kunst nicht mehr "nach Brot" zu gehen brauchte.
Milliarden würden dann den Kunstzwecken zugewendet werden und dass dies nicht geschieht, wissen wir leider.
Wenn der Kronprinz, der hochselige Kaiser Friedrich, wie verschiedene Anekdoten zu erzählen wissen, bei manchem Kunstgegenstand, der sein Interesse erregte, sein Bedauern ausdrückte, dass der Kaufpreis über seine Vermögens-Verhältnisse hinausgehe, dann entsprach es in der That der Wahrheit.
Aber auch dann noch nützte das Interesse des hohen Herrn, denn seine Wertschätzung galt als Empfehlung und die Gegenstände, die er für seinen Bedarf mit Bedauern als zu teuer bezeichnete, fanden stets willige Abnehmer aus den Kreisen der Plutokratie.
Es war zu einer Zeit ein wahrer Wetteifer in der Erwerbung kunstgewerblicher Erzeugnisse, die den Beifall des kronprinzlichen Paares gefunden hatten.
Dass unter solchen Umständen dem aufstrebenden Kunstgewerbe zum Mindesten materielle Vorteile erwuchsen, kann man sich wohl vorstellen. So war besonders das Jahrzehnt von 1872 bis 1882 für das deutsche Kunstgewerbe ein fruchtbringendes.
Neben dem tiefgehenden Interesse für die Förderung des Kunstgewerbes war es bekanntlich die Hebung des Frauenerwerbes, die der Kronprinzessin am Herzen lag.
Aber auch hier war es nicht sowohl die Frauenarbeit im Allgemeinen, als die feingeistige und auf Ausbildung des Talentes abzielende, die ihr der Förderung wert erschien.
Auch auf diesem Gebiete ist ihr Name verewigt, und ihre Verdienste bleiben in den Kreisen des Mittelstandes, dessen Töchtern ihre mannigfachen Stiftungen zur segensreichen Hilfe wurden, unvergessen.
Unvergessen vor Allem bleiben aber ihre von Erfolg gekrönten Bestrebungen, die Frauenarbeit zugleich mit der Erweiterung der Erwerbsmöglichkeit zu erhöhen und, soweit es angängig, auf ein künstlerisches Niveau zu bringen.
Wo sie es konnte, brachte sie auch die Frauenarbeit mit dem Kunstgewerbe in Verbindung und unter ihrer Protektion entwickelte sich der Verein der Berliner Künstlerinnen zu einer nach mannigfachen Richtungen nutzbringenden Vereinigung.
In ihrem Wesen lag nun einmal tiefgegründet das Bestreben, das Nützliche mit dem Schönen, dem Angenehmen zu verbinden, sie war Künstlerin und Hausfrau zugleich. In dieser anheimelnden Mischung lag ihre Stärke als Kunstförderin. Als Hausfrau (und es war nicht übertriebene Schmeichelei, wenn man ihr nachrühmte, dass sie das Muster einer Hausfrau war) hatte sie den wollentwickelten Sinn dafür, das Heim zu schmücken, als Künstlerin das Empfinden und Verständnis für die gediegenste, beste Art des Hausschmuckes
Diese Verbindung der germanischen Hausfrauentugenden mit dem künstlerischen Sinn machte sie auch so hervorragend geeignet, den tiefen Gedanken der deutschen Renaissance (ein "angeblich altdeutsches Kunstgewerbe, das aus der Rumpelkammer gezogen wurde" nannte es jener Schmäher, dessen Banausentum nur von seiner Ungerechtigkeit übertroffen wird) der in der Mitte der siebenziger Jahre im deutschen Volkscharakter Wurzel schlug, voll zu erfassen und ihm ihre hochwertige Förderung angedeihen zu lassen.
Die Neubelebung der deutschen Renaissance wurde ein Stützpunkt des neuen deutschen Kunstgewerbes und die Kronprinzess Victoria arbeitete an dieser Neubelebung. Die Parole, die im Jahre 1876 gelegentlich der bayrischen Landesausstellung München von Hefner von Alteneck, dem getreuen Erkart des deutschen Kunstfleisses ausgegeben wurde: "zurück zur deutschen Renaissance" - fand in dem kronprinzlichen Palais in Berlin einen volltönenden Resonnanzboden.
Hier liefen die Fäden der grossen Reformarbeiten auf dem kunstgewerblichen Gebiete zusammen, hier wurden Konferenzen abgehalten, von hier wurde die Betheiligung der hochmögenden und vermögenden Kreise in Deutschland aufgerufen.
Kein irgendwie bedeutender oder einflussreicher Mann in der deutschen Kunstgewerbe-Bewegung, der nicht mit den Intentionen der Kronprinzessin in Berührung gekommen, in ihren Kreis gezogen worden wäre - kein grosses Kunstgewerbe-Atelier, dem sie nicht ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätte - kein den kunstgewerblichen Zielen gewidmeter Verein, dem sie nicht ihr Interesse, wann es angerufen wurde, zugewandt. So war denn in der That, wenn man eine geistbildliche Bezeichnung für die Wirksamkeit der Kronprinzess Victoria in Deutschland gebrauchen darf, diese hochgesinnte edle Fürstin, deren Geistesspuren nicht mit dem Tage dahingehen, wie eine Muse des deutschen Kunstgewerbes anzusehen, der schönen und der nützlichen Kunstbethätigung.
Nicht der phantastischen, in den Wolken schwebenden Kunst, die dem Leben entfremdet ist, war ihr Sinnen und Trachten zugewendet, gehörte ihr Herz - das Kunstgetümmel konnte der klar und scharf blickenden Frau nicht sympathisch sein.
Sie fühlte hier mit dem Dichter, der von der Kunst sang:
"Mir ist die Kunst ein Gast vom Himmel,
Der Rosen uns ins Leben streut,
Doch bangt mir vor dem Kunstgetümmel
Es übertäubt den Ernst der Zeit,
Es ist mehr Trunkenheit als Segen,
Es fehlt des Himmels Harmonie,
Hier Blumenhagel, Demantregen
Und anderswo verhungern sie -"
Nein! nie verlor die hohe Förderin des Kunstgewerbes den Kontakt mit dem Leben und gerade ihre segensreiche Thätigkeit in diesem Bereiche menschlicher Geistesarbeit hat dazu beigetragen, dass Tausenden, die Noth gelitten hätten, Noth an Leib und Seele, nachhaltig geholfen wurde.
In der Geschichte des deutschen Kunstgewerbes glänzt der Name der Kronprinzess Victoria von Preussen, der deutschen Kaiserin Friedrich mit goldenen Lettern in der ersten Reihe für und für! Ihr Andenken wird nicht vergehen!

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