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1. Einleitung

Meine ursprüngliche Absicht, ein Lebensbild der Kaiserin Friedrich zu entwerfen, mußte ich - da wir zwar eine Menge von Urteilen über die Kaiserin besitzen, die meisten ihrer eigenen Briefe aber noch in Archiven ruhen - dahin beschränken, die Urteile der Zeitgenossen so zu ordnen, daß sie in großen Zügen das Leben und die Art der Kaiserin darstellen; Starke Lücken ließen sich dabei nicht vermeiden. Wenn Frau Helene Lange, die der Kaiserin Friedrich geistig sehr nahe stand, sie häufig sah und sprach, zu der Ueberzeugung kommt, "daß die wirkliche Geschichte dieser bedeutenden, weit über dem Alltag stehenden Frau nie geschrieben, die Summe ihres geistigen Seine nie gezogen werden wird", so muß ich gewiß auf die Ergänzung der Urteile zu einer treffenden Charakteristik verzichten, weil das vorhandene Material doch nicht ausreicht, die eigenartige Persönlichkeit dieser bedeutenden Frau zu erfassen. Darum habe ich die Zeitgenossen sprechen lassen.
Die Times brachten beim Tode der Kaiserin Friedrich eine klare übersichtliche Darstellung ihres Lebens. Sie zeigt namentlich den Kampf der Prinzessin Viktoria gegen "die russisch orientierte Sektion des Berliner Hofes" und gegen Bismarck. Diese geschickte Charakteristik von englischer Seite ist kaum zu überbieten.
Die übrigen englischen Quellen "Königin Viktorias Briefwechsel und Tagebuchblätter", Martins "The life of his Royal Highness the Prince Consort", Lord Loftus "The diplomatic reminiscenses", und Lee "King Edward VII." enthalten nur sehr weniges über die Kaiserin Friedrich.
Von deutscher Seite haben Friedrich Nippold (in der Deutschen Revue), Karl Schrader (in der Nation) und Hans Delbrück (in den preußischen Jahrbüchern) kurze Charakteristiken der Kaiserin gebracht. Während die beiden erstgenannten einseitig Partei für die Kaiserin nehmen, schildert Hans Delbrück den "unausgeglichenen und unausgleichbaren Widerspruch zwischen ihrer Weltanschauung, dem, was sie erstrebte und wollte, und ihrer Stellung, der Unmöglichkeit, in die sie versetzt war, sich jemals voll auszuleben, die geistige Kraft, die in ihr wohnte, jemals wirklich in Schwung zu bringen."
Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha bespricht nur die Zeit des Verlöbnisses; auch Moltke kommt mit seinen Briefen an seine Gattin nur für diese Zeit in Betracht. Merkwürdig ist, daß Stockmar, der die Prinzeß Royal von Jugend auf kannte und sich "immer bemüht hatte, ihr nützlich zu sein," sie in seinen Denkwürdigkeiten kaum erwähnt.
Für die Zeit von 1860 bis 1867 finden sich nur gelegentliche Bemerkungen: für das Einleben in der Ehe vor allem bei Hinzpeter; für ihre politischen Bestrebungen bei Friedjung, bei Bismarck in den Wiedergaben von Moritz Busch und Lucius v. Ballhausen, aber auch in seinen "Gedanken und Erinnerungen"; verhältnismäßig wenig im "politischen Briefwechsel aus dem Nachlaß von Max Duncker".
Ueber das Familienleben unterrichten uns: Gustav Freytag, Albrecht v. Stosch, Herr und Frau zu Putlitz, Philipp zu Eulenburg=Hertefeld und Kaiser Wilhelm II. Bei den letzteren findet sich auch manches über die geistigen Fähigkeiten der Kronprinzessin, besonders auf künstlerischem Gebiete, für das außerdem Anton v. Werner Beiträge liefert.
Blumenthal und Hohenlohe-Ingelfingen kommen für die Beurteilung der Verzögerung der Beschießung von Paris in Frage.
Für die soziale Frage bringen Mitteilungen nur die Personen, mit denen die Kaiserin diese Angelegenheiten besprach: Helene Lange, Karl Schrader, namentlich aber Henriette Schrader-Breymann. Aus dem Nachlaß von Henriette Schrader-Breymann, die bis zu ihrem Tode im Briefwechsel mit der Kaiserin Friedrich stand, hätte man reichlichere Nachrichten erwarten dürfen.
Eigenartig ist ferner, daß Politiker, die der Kaiserin nahe standen wie Forckenbeck, Roggenbach, Lasker, Rudolf v. Bennigsen, die Kaiserin in ihren Schriften kaum oder gar nicht erwähnen.
Die ausgiebigsten Quellen für die Zeit von 1883 an sind Cortis "Alexander von Battenberg" und Waldersees "Denkwürdigkeiten"; Lucius v. Ballhausen und Eulenburg-Hertefeld bieten Ergänzungen dazu. Sie alle sind unterrichtet über die schwebenden Fragen: Battenberg-Angelegenheit, Regentschaft, Stellung des Prinzen Wilhelm zu seiner Mutter, Stellung des Kanzlers zur Kaiserin Friedrich. Corti weiß darum durch seinen Einblick in das Hartenau=Archiv, Lucius durch Bismarck, Waldersee und Eulenburg durch den Prinzen Wilhelm, Eulenburg außerdem noch durch Herbert Bismarck. Dazu kommt, daß diese Bücher erst nach 1918 veröffentlicht worden sind. Sie sind in ihrer Sprache weit freier als alle vor dem genannten Jahre erschienenen Mitteilungen. Corti und Eulenburg bemühen sich, der Kaiserin Friedrich - bei aller Sachlichkeit - wohlwollend gerecht zu werden. Die Bemerkungen Waldersees tragen den Stempel des Gehässigen.
Über die Zeit nach 1888 sind wir neuerdings ziemlich eingehend unterrichtet durch den Hofmarschall der Kaiserin Friedrich, Freiherrn von Reischach, der nach seinem eigenen Bekenntnis einiges aus seinem Leben schreiben will, "um ein richtiges Bild von der Kaiserin Friedrich zu geben", denn seiner "Ansicht nach ist keine Persönlichkeit der Weltgeschichte so falsch beurteilt worden wie diese seltene, hochbedeutende Frau".

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