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Volksgesundheit

DER VEREIN FÜR HÄUSLICHE GESUNDHEITSPFLEGE * FERIENKOLONIEN * KRANKENPFLEGE * VICTORIA-HAUS FÜR KRANKENPFLEGE * KAISERIN FRIEDRICH-KINDERKRANKENHAUS * KAISERIN FRIEDRICH-HAUS
er Verein für Häusliche Gesundheitspflege ist aus den Wünschen und Gedanken der Kaiserin Friedrich hervorgegangen. Im Jahre 1878 begann diese Institution zur Hebung der Volkswohlfahrt mit der ausdrücklichen Bestimmung zu arbeiten, daß die tätige Mitwirkung der Frauen besonders ins Auge gefaßt sei. Vier Jahre später übernahm die Kronprinzessin das Protektorat. Das Programm grade dieses Vereins - zweckentsprechende Hilfe bei häuslichen Notzuständen - erschien ihr wie dem Gatten von höchster Bedeutung. Aus den Jahresberichten geht hervor, wie häufig ihr Name bedeutende Geldmittel einbrachte. Bald konnten sich das Victoriahaus für "Krankenpflege, wie die großartige Einrichtung der Ferienkolonien als selbständige Sprossen des Vereins abzweigen. Kleinere und größere Jahresbeiträge werden vorerst genannt. Das Jahr der kronprinzlichen Silberhochzeit stiftete aus einem Nationalgeschenk 118000 Mk. für ein neu zu gründendes "Victoria-Haus für Krankenpflege" und außerdem 170000 Mk. für dies und andere Vereinszwecke. Ein Rathausbazar des Jahres 1885, den die Kronprinzessin veranstaltete, ergab 20000 Mk. und ermöglichte das Selbständigmachen des Victoriahauses. Ein Fest im Ausstellungspark lieferte Tausende für die Ferienkolonien. Im Jahre 1887 überwies die Kronprinzessin einen ihr zur Verfügung gestellten Fond von 15 000 Mk. für erhöhte Liebesleistungen stiller Familienfürsorge.
Wie ein lindernder Heilquell ist das Wirken des Vereins für häusliche Gesundheitspflege den bedürftigen Klassen erschlossen worden. Gegen 100 schwächliche Großstadtkinder, die im ersten Jahre der Ferienkolonien luft- und lichthungrig in die Sommerfrischen und Heilstätten geschickt wurden, zieht heute ein Schwarm von nahezu 50000 Kindern alljährlich in die Freiheit hinaus. Diese Jugendfürsorge tat dem Herzen der Kronprinzessin besonders wohl. Sie wollte den Gemeindrang des Bürgertums durch eigenes Beispiel spornen und gründete selbst eine Ferienkolonie auf ihrem Gut Bornstedt. Noch zu der Zeit ihres tiefsten Leids, im Todesjahr ihres Kaisers, mußten die für die Ferienkolonien ausgewählten Jugendscharen vor ihr Revue passieren. Über die verschiedenen Bezirke Berlins hat sich durch das Wirken des Vereins für. häusliche Gesundheitspflege ein Netz von Polikliniken, von Milch-, Bäder- und Brennmaterial-Versorgungszentralen ausgesponnen. Es sind Kinderbewahranstalten, Spielschulen und Volkskindergärten entstanden, Ärzte und Krankenmaterialien gegen geringe Zahlung zugänglich gemacht worden. Das bedeutsamste Resultat dieser Schöpfung bleibt die Herstellung einer besseren Fühlung mit der Armut.
Der Appell für Krankenpflege war der jugendlichen Prinzeß Royal bereits durch Florence Nightingale, den Engel der Krimkrieg-Schlachtfelder, mit eindringlicher Gewalt ins Herz gedrungen. Sie hatte den ergreifenden Schilderungen dieser Frau in Balmoral gelauscht, hatte gesehen, wie die Eltern ihren Reformvorschlägen zustimmten. Damals hatte der laut fordernde Impuls sie und die Schwester zu dem Entschluß fortgerissen, Miß Nightingale zu den verwundeten Kriegern im Orient zu folgen. Was ihr in dieser Form versagt bleiben mußte, konnte sie als Gattin und Mutter und deutsche Fürstin bald genug leisten. Nach drei Kriegen räumte ihr ihre Charge als Regimentschef das Recht ein, Wunden zu heilen. Sie erfüllte 1866 nicht nur mit Opferfreude diese Mission, sondern richtete im eigenen schlesischen Schloß Erdmannsdorf mehrere Zimmer für die Verwundeten ein. Schon die Erfahrungen nach der blutigen Zeit und der darauf folgenden Choleraepidemie hatten der Kronprinzessin Einsicht in unzulängliche Verhältnisse der Krankenpflege gegeben. Sie wußte, daß auf diesem Felde viel von England zu lernen war, aber noch ließen politische Gewitterstürme keine Ruhe für solche Aussaat.
Auf der Höhe ihrer Frauengröße zeigte sie sich während des deutsch-französischen Krieges. Sie verlegte ihre Residenz nach Homburg, um den frisch eintreffenden Schwerverwundeten schnelle Hilfe leisten zu können. Hier reorganisierte sie Hospitäler, ließ Kasernen zu Lazaretten herrichten, weilte täglich bei den Patienten. Viel frische Luft, gutes Wasser, reichliche Pflegemittel, eine ansprechende Umgebung galten ihr als Vorbedingung wirksamen Samariterdienstes. Sie berief eine Schülerin der Miß Nightingale, Miß Florence Lees, aus England, um nach bestem Muster Vorkehrungen zu treffen. Das Victoria Lazarett mit seinen zwei neuangebauten Spitälern für schwere Fälle und Operationen galt als vorbildlich. Hier wurden nach einer Schlacht 1000 Patienten gepflegt. Hier mußte jedes Bett drei Fuß von der Wand entfernt stehen, hatte neben sich eigenen Kleiderständer und einen glanzleinenen Beutel für private Schätze. Das Geschirr mußte ungemustert sein. Blattgeranke hingen von der Decke und geschnittene Blumen standen in Gläsern umher. Es war eine so vielbewunderte Pflegstätte, daß amerikanische Sachkundige noch heute ihr Modell und Bild in Washington autbewahren.
Die Zeit nach dem glorreichen Frieden gab Muße zur Inangriffnahme ihres Reformplanes der Krankenpflege. Im Jahre 1872 schrieb sie ihr Memorandum zu diesem Thema. Sie forderte Damen von angesehener Stellung zur Organisation und Überwachung solcher Arbeit auf. Sie sollten durch das Gewicht ihrer sozialen Bedeutung das Berufsbewußtsein der Krankenschwestern heben. Sie betonte, daß sie nicht die Gründung eines neuen Ordens plane, nur ein in voller Freiheit von allen konfessionellen Beschränkungen aufblühendes Samariterwerk. "Mit den denkbar besten Absichten," schrieb sie wörtlich, "können Schwestern, die durch die Regeln und Vorschriften eines besonderen Religionsordens gefesselt sind, nicht immer den Rufen der Humanität gehorchen."
Das Victoriahaus für Krankenpflege in der Landsberger Allee in Berlin steht als ein ganz persönliches Monument der Kaiserin Friedrich aufgerichtet. Es ist das krönende Glied einer langen Kette samaritanischer Leistungen, die von frühen Jugendzeiten eines ihrer stärksten Seelenbedürfnisse kennzeichnen. Im Victoriahaus werden ohne Unterschied des Glaubens Mädchen gebildeter Klassen für den Pflegeschwesterberuf vorgebildet. Hier steht ihnen ein standesgemäßes behagliches Heim geöffnet. Von diesem Herzpunkt aus zirkuliert durch die Arterien der. Krankenhäuser, der Armen- und Privatpflege der recht vorbereitete Stoff für den Samariterinnendienst. Anna von Helmholz, die der Kaiserin Friedrich eng befreundete Vorsitzende des Ausschusses, charakterisiert die Absichten zu dieser Gründung mit den Worten: "Die hohe Frau war von dem doppelten Wunsche geleitet, einerseits gebildeten Erauen und Mädchen einen geistig befriedigenden, materiell lohnenden Beruf, ein Heim und ein gesichertes Alter zu schaffen, andererseits die Krankenpflege auf eine höhere Stufe zu heben. Durch Zuführung gebildeter Elemente, durch die beste Schulung in Theorie und Praxis wollte sie sie zu dem machen, was sie sein soll, zur anerkannten, unentbehrlichen Ergänzung der ärztlichen Tätigkeit." Das reale Leben hat diesen Gedanken ihr Bürgerrecht in der sozialen Arbeit zugesprochen. Statt der anfänglichen drei, sind jetzt 300 Victoriaschwestern tätig.
Überallhin haben die Ideen der Kaiserin Friedrich gewirkt. Kein Arzt verlangt heute anders als in ihrem Sinne Krankenschwestern. Das Victoriahaus ist aus den Mitteln, die seine Gründerin spendete, gebaut und trägt äußerlich und innerlich die von ihr geprägte Stempelung. Hier wird alles noch heute im Andenken an die Kaiserin Friedrich genau nach ihren Vorschriften gehandhabt. Hier liegt noch heute die Wäsche in einzelnen Stößen hinter Vorhängen aufgeschichtet, um stets von frischer Luftzirkulation erreicht zu werden. Hier ist in den vielen Schwesterzimmern noch heute beim Eintritt in einen Schlafraum nicht auf den ersten Blick der Waschtisch zu bemerken. "Schließen Sie nicht gleich, wenn ich fortgehe, die Fenster", hat die Kronprinzessin immer und immer wieder betont, wenn sie bei jedem ihrer vielen Besuche die Runde durch das ganze Haus machte. Die Victoriapflegeschwestern müssen in lichter Kleidung am Krankenbett erscheinen. Die Kaiserin Friedrich fand die düstere Schwesterntracht eine psychologische Versündigung an den Patienten. Sie gestattete auch, daß außerhalb des Berufes die Tracht abgelegt wurde. Sie schätzte die Selbstaufopferung dieser Frauenarbeit so hoch ein, daß ihr die Fürsorge für das leibliche und geistige Wohlbefinden ihrer Victoriaschwestern ganz besonders am Herzen lag. Wie ihnen Zerstreuung gewährt, ihre Tag- und Nachtwachen geregelt, vor allem ein Fond für ihre Altersversorgung geschafft werden sollte, waren noch die Überlegungen ihrer letzten Schmerzenstage. Frau Ellen von Siemens, die im Geiste ihrer Mutter, der Frau Anna von Helmholz, jetzt für das Victoriahaus weiterwirkt, besitzt zwei von der sterbenden Kaiserin Friedrich diktierte und von ihr mit Bleistift geschriebene Briefe über solche Themen.
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"Scharfen Sie mir etwas für meine Säuglinge", bat die Kaiserin Witwe den zu ihr nach Friedrichshof berufenen Professor Adolf Baginsky. Sie nahm tiefsten Anteil an der durch ihn und Professor Virchow entstehenden Schöpfung, dem Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus. Aus dem Silberhochzeitsfond überwies sie vorerst 250000 Mk., und als ihr Plan für ein Kehlkopfkrankenhaus scheiterte, noch einmal die gleiche Summe. Unendlich ist dieses Werk, dank ihrer Protektorinnenteilnahme, gefördert worden. Die Herzen der hier wirkenden Gelehrten hat sie sich ganz durch Sachlichkeit, Takt und Mütterlichkeit gewonnen. Auf das eingehendste besprach sie alle Einrichtungen und nahm bei ihren regelmäßigen Besuchen tief menschlichen Anteil. Wenn in gewissen Sektionen kein Zutritt wegen Ansteckung möglich war, verlangte sie wenigstens ihre kleinen Patienten hinter großen Glasscheiben zu sehen. "Ich vergaß ihr gegenüber die Kaiserin," sagt Professor Baginsky, "und fühlte nur die Pflicht zu unbedingter Ehrlichkeit."
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Das Leiden des teuren Gatten und eigne schwere Erkrankung hatten die Kaiserin Friedrich viel in Gedankenaustausch mit Ärzten gesetzt. Sie erfuhr von Bestrebungen zur Hebung des Standes, und Einsicht wurde auch hier zum Eingriff. Vorerst entstanden auf ihre Anregung in Frankfurt am Main unentgeltliche Fortbildungskurse für Mediziner. Ihr Wunsch, Ähnliches in allen größeren Städten ins Leben zu rufen, den Zivilärzten gleiche Segnungen wie den Militär- und Amtsärzten zuteil werden zu lassen, fand ein begeistertes Echo. Das Zentralkomitee für ärztliches Fortbildungswesen bildete sich 1900 und dank seiner Rührigkeit konnte das imposante Kaiserin Friedrichhaus in Berlin am Luisenplatz 1906 die Tore zu seinen Ausstellungen, Lehrmittelsammlungen und Fortbildungskursen öffnen. Bei dieser Feier war es, als begehre zum erstenmal das öffentliche Gewissen nach Abtragung eines Teiles seiner großen Dankesschuld gegen die verblichene Fürstin. Ganz spontan ergriff Kaiser Wilhelm II. das Wort und sagte unter anderem: "Durch die schweren Prüfungen, welche die große Dulderin zu bestehen hatte, ist ihr in der lebhaftesten Weise der Gedanke gekommen, die Not anderer zu lindern. Das Samenkorn, welches sie sterbend in die Erde senkte, ist kräftig aufgeblüht. Ihre Anregung hat den Anstoß gegeben, daß sich diejenigen bereit fanden, deren man bedurfte, um dieses Haus zu schaffen. Unter dem Eindrucke des erschütternden Loses der kranken Kaiserin wurde der Wille zur Hilfsbereitschaft erweckt."

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