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Patricia Kollander

Kaiserin Friedrich- Die letzte Hoffnung für ein liberales Deutschland?

The Historian, Fall 1999

Die Historiker haben seit langem die in Großbritannien geborene Prinzessin Victoria (1840-1901), die nach dem Tod ihres Ehemanns, Kaiser Friedrich III. von Deutschland (1831-88), den Namen Kaiserin Friedrich annahm, als eine tragische Figur angesehen. Ihre Eltern, Königin Victoria von Großbritannien und ihr Prinzgemahl Albert, unterstützten die deutsche Vereinigung unter der Führung Preußens. Beide hofften, daß die Heirat der jungen Victoria mit dem Erben des preußischen Throns fortschrittliche politische Ideen in das konservative und militaristische Preußen und dann nach ganz Deutschland bringen würde. Aber dazu sollte es nicht kommen. Zwar wandelte Victoria ihren Ehemann in einen Verfechter des Liberalismus, doch starb dieser nach einer kurzen Regierungszeit von nur 99 Tagen.
Werke der populären Biographin Hannah Pakula und des Historikers John Roehl haben Victorias politische Urteilsfähigkeit gepriesen. Andere Biographen stimmen zu, daß Deutschland einen liberaleren Kurs hätte annehmen, und daß auf diese Weise Deutschland und die Welt die Tragödien des zwanzigsten Jahrhundert hätten vermeiden können, wenn Friedrich länger gelebt hätte.(1) Möglicherweise sind diese Historiker durch das Bild von Friedrich irregeführt worden, das Victoria nach dessen Tod verbreitete.(2) Dieses Bild beschwor eine liberale Legende über Friedrich III und kritisierte dessen politischen Gegner Otto von Bismarck (1815-98), der die deutsche Politik von 1862 bis 1890 dominierte. Bismarck bemühte sich vor allem, die Macht Preußens und Deutschlands in Europa zu erhöhen und war der liberalen Bewegung feindlich gesonnen. Viele Historiker haben die Kritik Victorias an Bismarck - gefiltert durch durch die Legende ihres Ehemanns - verwendet, um die Ansicht zu untermauern, daß Bismarck in nicht geringem Maß für den Niedergang Deutschlands verantwortlich war.
Basierend auf der unveröffentlichten Korrespondenz zwischen Friedrich und Victoria, stellt die vorliegende Veröffentlichung diese Sicht der Dinge in Frage.(3) Vielmehr wird gezeigt, daß Victorias Erfolg bei der Bekehrung ihres Ehemanns zum Liberalismus begrenzter war als sie selbst glaubte. Victoria hoffte, die deutsche Politik an den liberaleren und progressiveren Leitlinien Großbritanniens auszurichten, hingegen nahm Friedrich nach seiner Hochzeit zwar gemäßigt liberale Ansichten an, scheute jedoch davor zurück, die weit radikalere politische Philosophie seiner Frau zu übernehmen. Ihre Ansichten über Innen- und Außenpolitik waren unrealistisch, und bei manchen Gelegenheiten befürwortete sie ein Vorgehen, das geradezu gefährlich war. In der Tat mag es für Deutschland langfristig besser gewesen sein, daß die meisten ihrer Ansichten nie in praktische Politik übersetzt wurden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keinen souveränen Staat Deutschland, sondern eine deutsche Konföderation, ein loses Bündnis von 34 deutschen Staaten und vier Städten. Die zwei größten Staaten, Österreich und Preußen, waren Rivalen um die Führung im Bündnis. Viele deutsche Liberale der Mittelklasse wollten die starren preußischen politischen Institutionen liberalisieren und Deutschland unter preußischer Führung einen. Dies, so glaubten sie, würde dem deutschen Volk Fortschritt, Wohlstand und Sicherheit bringen. Königin Victoria und Prinz Albert unterstützten die deutsche Vereiniung unter dem protestantischen Preußen, denn wenn die Liberalen ihr Ziel erreichten, würde Großbritannien einen protestantischen Verbündeten auf dem europäischen Festland gewinnen. Obgleich Albert in dem deutschem Herzogtum Sachsen-Coburg geboren und aufgewachsen war, bewunderte er die britischen politischen Institutionen. Er erstrebte die Übernahme von Eigenschaften des britischen politischen Systems, wie freie Wahlen, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Freihandel und die Verantwortung der Regierung gegenüber dem Parlament, durch Preußen. Dieses schien jedoch kaum mehr als ein Traum zu sein, denn eine ultra-konservative Regierung beherrschte Preußen, die der deutschen Einigung und jeder Art von Liberalisierung feindlich gesonnen war. Auch die Führer der meisten anderen deutschen Staaten widersetzten sich der Vereinigung, da sie einen Verlust an souveräner Macht befürchteten.
Die spätere Kaiserin Friedrich wurde als Prinzessin Victoria von Großbritannien am 21. November 1840 geboren. Sie war das älteste Kind der Königin Victoria und Prinz Alberts und der Liebling ihres Vaters. Die Überlegungen zu ihrer Verheiratung begannen bereits als Victoria noch ein kleines Kind war. Ihre Eltern kamen zu dem Schluß, daß Prinz Friedrich von Preußen eine wünschenswerte Wahl war, denn er war Protestant und kam aus einem Land, das die Vereinigung Deutschland anführen konnte. Friedrichs Mutter, die Prinzessin Augusta von Preußen, war eine bereitwillige Verbündete bei diesem Heiratsprojekt. Das Leben Augustas drehte sich um Literatur, die Künste und fortschrittliche Ideen, und sie befürwortete die deutsche Vereinigung unter Preußen. Aber Augustas Bestrebungen zur Förderung von Kultur und Fortschritt wurden durch ihren konservativen Ehemann, den Prinzen Wilhelm und seinen Hof behindert. Im Gegensatz zu seiner Frau huldigte Wilhelm dem Miliarismus und der staatlichen Macht und er widersetzte sich jedweder Veränderung. Er war gegen die deutsche Vereinigung, aus der Besorgnis, daß sie zu einer Verringerung der Macht Preußens führen würde. Die Verbindung zwischen Augusta und Wilhelm war keineswegs glücklich, und eine Quelle für Spannungen in ihrer Ehe war die Erziehung ihres einzigen Sohns Friedrich. Wilhelm erwartete, er werde dem Vorbild seines Vaters folgen, während Augusta hoffte, daß er ihre Ansichten annehmen würde. Prinzessin Augusta erhoffte sich durch die Verbindung Friedrichs zur ältesten Tochter der Königin Victorias dessen Bekehrung zu Liberalismus und Nationalismus.
Mit der Zustimmung von Queen Victoria, Prinz Albert und Prinzessin Augusta lernte sich das junge Paar in den 1850er Jahren kennen. Friedrich war Anfang zwanzig und Victoria war nur fünfzehn Jahre alt, als er 1856 um ihre Hand anhielt, aber der Altersunterschied machte wenig aus, denn Victoria war reif für ihr Alter und in hohem Grade intelligent. Die Brautwerbung war ein Erfolg: Victoria beeindruckten das gute Aussehen und die Freundlichkeit Friedrichs, während ihn ihre Intelligenz und ihr Esprit bezauberten. Die Hochzeit fand am 28. Januar 1858 in der königlichen Kapelle im St. James Palast in London statt. Nach Ansicht der Königin Victoria, war die siebzehnjährige Braut bemerkenswert gefasst, während der Bräutigam "bleich und aufgeregt" erschien.(4) Jedoch verlor die Braut ihre Haltung als die Zeit der Trennung von ihrer Familie kam, an der sie sehr hing. In seinen ersten Briefen an Victoria in Preußen versuchte Albert das Heimweh seiner Tocher zu lindern, indem er sie mit seinen Plänen zu eine Reform in Preußen und zur deutschen Einheit beschäftigt hielt.
Albert hielt sich auch für berufen, seinen Schwiegersohn zu beraten. Aber sein Rat an Friedrich, der Kronprinz wurde, als sein Vater 1861 als Wilhelm I. den Thron bestieg, zeigt, daß Albert die Stärke der liberalen Bewegung überschätzte und die Feindseligkeit der deutschen Konservativen gegen liberale Reformen und gegen die Einigung unterschätzte. So regte Albert seine Tochter an, die Vorteile einer Revision der preußischen Verfassung zu propagieren, die die Minister dem Parlament verantwortlich machen sollte (wie in Großbritannien) und nicht dem König, wie es in Preußen üblich war.(5) Ultrakonservative Kreise am preußischen Hof wehrten sich jedoch stark dagegen, das Parlament auf Kosten der der Krone zu stärken, und oft strebten sie danach, die Verfassung gänzlich abzuschaffen. Prinzessin Victoria, die ihren Vater anbetete, wäre es im Traum nicht eingefallen, daß seine Sichtweise falsch sein könnte, und in den kommenden Jahren kam auch sie selbst zu schlecht beratenen Ansichten über politische Fragen in Preußen und in Deutschland.
Victoria konnte ihren Ehemann in einigen politischen Punkten beeinflussen, und nach Alberts vorzeitigem Tod im Jahr 1861 tat sie ihr Äußerstes, um dessen Vorstellungen über Preußen und Deutschland auf Friedrich zu übertragen. Mit der Zeit verließ Friedrich die ultrakonservativen Ansichten seiner Jugend und begann, die deutsche Vereinigung unter preußischer Führung zu befürworten. Aber das britische politische System erschien Friedrich dem preußischen nicht überlegen zu sein. Friedrich wünschte nicht, das Parlament Preußens auf Kosten der Krone stärken, und er glaubte, daß liberale Reformen wie freie Meinungsäußerung, Freihandel und Volksbildung durchgeführt werden konnten, ohne die Verfassung zu ändern. In den meisten Fällen verband er sich mit Mitgliedern der nationalliberalen Partei, etwa mit deren Gründer Rudolf von Bennigsen (1824-1902) und mit Max von Forckenbeck (1821-93), die die deutsche Einheit unter Preußen befürworteten, aber ohne wesentliche Veränderung des verfassungsmäßigen status quo.(6) Anders ausgedrückt strebten die Nationalliberalen zwar einen größeren Einfluß des Parlaments in Preußen an, wollten jedoch nicht das parlamentarische System englischen Stils nach Deutschland holen.
Obgleich Victoria auch Kontakte mit Mitgliedern der nationalliberalen Partei pflegte, zeigen ihre Briefe deutlich, daß ihr die Politik der weiter links stehenden Parteien wesentlich mehr zusagte, die das englische parlamentarische System anstrebten. Während sie nicht so weit ging, eine volle Demokratie zu fordern, befürwortete sie die Ministerverantwortlichkeit und eine größere parlamentarische Kontrolle der Regierung. Victoria unterstützte die Fortschrittspartei in den 1860er und 1870er Jahren, und deren Nachfolger, die Deutsche Freisinnige Partei in den 1880ern. Ihre Korrespondenz zeigt, daß sie versuchte, ihren Ehemann zu beeinflussen, ihre liberalen Ansichten anzunehmen, wenn er von den Nationalliberalen enttäuscht war, aber sie hatte wenig Erfolg damit. Friedrich widersetzte sich jeder politischen Partei, die die Macht der Monarchie verringern wollte.
Während die politischen Ansichten des königlichen Paars auseinanderliefen, zeigen die Briefe, daß die Ehe ein uneingeschränkter Erfolg war. Während der gesamten 30 Ehejahre war ihr Umgangston durchweg liebevoll. Beide hatten viele Gemeinsamkeiten. Sie genossen die Natur, Reisen und das Familienleben (acht Kinder entstammten der Verbindung, sechs von ihnen erreichten das Erwachsenenalter). Jeder respektierte den Anderen und Friedrich zweifelte nicht an der hohen Intelligenz seiner Frau, selbst wenn er nicht immer mit ihren politischen Ansichten einverstanden war. Mit diplomatischem Geschick legte er politischen Streit bei, indem er entweder ihren Rat übersah oder Gründe fand, warum er ihm nicht folgen konnte. Bei einer Gelegenheit verlangte Victoria zum Beispiel, daß ihr Ehemann ihren Reformplan dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck vorlegen solle. Dieser Plan hätte ihn gezwungen den demokratischen Führern Zugeständnisse zu machen und seine Kabinettskollegen durch liberale Politiker zu ersetzen.(7) Für Friedrichs Geschmack war ihr Reformplan viel zu liberal, und obwohl er Bismarck täglich sah, erklärte er Victoria wiederholt, daß Bismarck ihn verlassen habe, bevor er die Gelegenheit gehabt hatte, ihren Plan darzustellen. Schwindeleien wie diese halfen dabei, den Frieden in der Ehe aufrecht zu erhalten.(8)
Anders als Augusta und Wilhelm stimmten Friedrich und seine Frau bezüglich der Erziehung ihrer Kinder überein. Beide verbanden große Hoffnungen mit ihrem ältesten Sohn Wilhelm, dem künftigen Kaiser Wilhelm II (1858-1941). Aber ihr Verhältnis zu Wilhelm war von Anfang an schwierig. Wilhelm wurde mit einem mißgebildeten Arm geboren, die gut gemeinten Bemühungen, den Schaden zu beheben blieben ohne Erfolg und waren mit nicht geringen Schmerzen für den Jungen verbunden.(9) Victoria erwartete von ihrem Sohn, daß er die Eigenschaften von Prinz Albert annehmen solle, und ihre Anforderungen an den jungen Wilhelm waren fast unerfüllbar. Obgleich sein Arm es Wilhelm sehr schwer machte, auf einem Pferd das Gleichgewicht zu halten, erwartete sie von ihm er müsse "so gut wie jeder preußische Prinz reiten." "Mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden" sagte sie.(10) Als Wilhelm erst sechs Jahre alt war, erwartete sie von dem kleinen Jungen, er solle Schlachten aus dem Krieg um Schleswig-Holstein analysieren, und als er ihre hochgespannten Erwartungen nicht erfüllen konnte, machte sie kein Geheimnis aus ihrem Mißfallen. Einmal, als Wilhelm seiner Mutter eine liebevolle Notiz auf englisch geschrieben hatte, gab sie ihm diese mit Korrekturen zurück, ohne eine Gefühlsäußerung zu zeigen.(11) Es ist nicht überraschend, daß Wilhelm begann, sich von seinen Eltern allgemein und von seiner Mutter insbesonders zu entfernen, und später wies er auch ihre politischen Ansichten zurück.
Nach 1860 fand sich Victoria uneins mit ihrem Ehemann, als ein Streit zwischen Friedrichs Vater König Wilhelm I. und dem Parlament eine ernste Krise heraufbeschwor. Preußische Liberale im Parlament widersetzten sich dem Gesetzentwurf des Königs zur Heeresreform weil er eine Verlängerung der Wehrpflicht vorsah. Die Liberalen befürchteten, daß die Rekruten zu sehr unter den Einfluß des konservativen Militärs geraten könnten und gegen liberale Reformen in Preußen eingenommen würden. Nachdem das Parlament den Plan des Königs zur Heeresreform abgelehnt hatte, standen die Beziehungen zwischen Krone und Parlament in einer Sackgasse. Nun musste es sich entscheiden ob die Krone oder das Parlament der wirkliche Herrscher Preußens war. Victoria bestärkte ihren Ehemann, die Krise als Forum für seine liberalen Ansichten zu nutzen, aber Friedrich lehnte dies ab, da er nicht in Gegensatz zu seinem konservativen Vater geraten wollte. Diese Antwort befriedigte Victoria nicht und sie forderte Friedrich auf, sich zu entscheiden ob er sich in Zukunft dem König - den sie für "irregeleitet und verwirrt" hielt - unterwerfen oder sich am glänzenden Vorbild ihres Vaters orientieren wolle.(12) Friedrich zog es vor, auf diese Herausforderung nicht zu antworten.
Die Krise zwischen Krone und Parlament erreichte den Siedepunkt und Wilhelm hatte wenig Handlungsmöglichkeiten. Einerseits war er nicht gewillt, der Forderung des Parlaments nachzugeben und die Heeresreform zu widerrufen; andererseits widerstrebte ihm der Rat der Konservativen, die die Verfassung aufheben und das Parlament auflösen wollten. Weil er keinen Ausweg mehr sah erwog Wilhelm 1862 die Abdankung. Als Victoria davon erfuhr, erklärte sie Friedrich, daß die Zeit für eine parlamentarische Regierung britischen Stils in Preußen gekommen sei. In ihrer Sicht zeigte die momentane Krise, daß das preußische Regierungssystem überholt war, und daß es Zeit für ihren Ehemann wäre, die Dinge in die Hand zu nehmen.(13) Friedrich war jedoch anderer Meinung, denn ihm war klar, daß die Verwirklichung dieses Kurses zu einem Umsturz im Land führen konnte. Friedrich wußte, daß Victoria die Stärke der konservativen Kräfte in Preußen unterschätzte, die sich solchen radikalen politischen Veränderungen unversöhnlich widersetzen würden.(14)
Friedrich wollte noch nicht einmal sein eigenes Programm progressiver Änderungen zur Ausführung bringen, sollte er auf den Thron gelangen. Friedrich war nicht geneigt, sich auf mehr als ein gemäßigt liberales Programm einzulassen; er war für die Einhaltung der Verfassung und befürwortete eine verbesserte Bildung und freie Meinungsäußerung. Viele Liberale forderten jedoch mehr, auch eine größere parlamentarische Kontrolle über den Militärhaushalt, was Friedrich nicht in Betracht ziehen wollte.(15) Andererseits mußte die Unterstützung für einige der Änderungsvorschläge der Liberalen zum Heeresreformgesetz die Konservativen gegen ihn aufbringen. Auch jene Konservativen, die die Verfassung außer Kraft setzen wollten, mußte seine Verfassungstreue verärgern. Friedrichs Verdacht gegen einen konservativen Widerstand wurde bestätigt, als er von der Absicht erfuhr, ihn als Thronerben durch seinen Vetter Friedrich Karl zu ersetzen.(16) Unsicher über seine politischen Unterstützung und in Furcht über innere Unruhen im Fall seiner Thronbesteigung bestärkte Friedrich seinen Vater darin auf dem Thron zu bleiben.
Die Abdankungskrise wurde nicht durch Friedrich sondern durch Otto von Bismarck gelöst, der vom Königs im September 1862 zum Führer seines Kabinetts berufen wurde. Bismarck entstammte der Klasse der Junker, die für ihre unmißverständliche Unterstützung der Monarchie und für ihren Widerstand gegen liberale Reformen bekannt war. Vor allem Anderen war Bismarck ein politischer Opportunist, der seine eigene Macht und die Macht Preußens stärken wollte. Um seine Ziele zu erreichen, nahm er Elemente liberaler und konservativer Politik auf: Er unterstützte die Idee der deutschen Vereinigung unter Preußen, aber er wollte, daß eine konservative Regierung, nicht die Liberalen, die Einigungsbewegung führte. Infolgedessen mißtrauten Konservative ihm wegen seiner Unterstützung der deutschen Einheit, und Liberalen widerstrebte seine Abneigung gegen den parlamentarischen Prozeß und den Liberalismus.
Die Beziehungen zwischen dem königlichen Paar und dem Konservativen Bismarck waren, aus unterschiedlichen Gründen, von Anfang an belastet. Victoria lehnte Bismarck ab, weil er sich einer Liberalisierung der preußischen politischen Institutionen widersetzte. Ihr Ehemann war besonders irritiert durch Bismarcks offensichtliche Bereitwilligkeit, die Verfassung zu mißachten. 1863 versuchte Bismarck, die liberale Opposition gegen den König zu unterdrücken, indem es einen verfassungswidrigen Erlaß gegen die liberale Presse herausgab. Friedrich nutzte die Gelegenheit eines Empfangs im Rathaus von Danzig, um sich öffentlich gegen das Presseedikt auszusprechen. Wie im Fall der Abdankungskrise, waren beide Seiten mit Friedrichs Haltung unzufrieden. Der König verlangte nicht nur einen Widerruf seiner Rede sondern dachte sogar daran, seinen Sohn wegen Unbotmäßigkeit gefangenzusetzen. Andererseits übte Victoria, gemeinsam mit prominenten Liberalen, Druck auf Friedrich aus, sich noch deutlicher zu äußern. Obgleich sich Friedrich weigerte, seine Rede zu widerrufen, lehnte er es auch ab, auf die Wünsche der Liberalen einzugehen.(17)
Unzufrieden mit der zögernden Haltung Friedrichs entschied sich Victoria, an seiner Statt zu handeln. Heimlich sorgte sie dafür, daß Friedrichs Briefe in Opposition zu Bismarck in der Auslandspresse veröffentlicht wurden. Die sogenannte "Presseindiskretion" machte den König wütend und der Kronprinz wurde durch diese Affäre tief in Verlegenheit gebracht. Victoria verstand diese Besorgnisse jedoch nicht. Sie schrieb ihrer Mutter, "Jedesmal wenn in der Times ein Artikel über ihn erscheint hat er Angst und bildet sich ein, daß sie ihm Schaden zufügen."(18)
In ihrer Opposition zur Ansicht Bismarcks, die deutsche Vereinigung könne nur durch Krieg mit Österreich und Frankreich, den beiden Hauptgegnern der Einheit, erzielt werden, waren Friedrich und Victoria aber einer Meinung. Im Jahr 1866, als sich ein territorialer Streit zwischen Österreich und Preußen zuspitzte, versuchten Friedrich und Victoria, den König zu überzeugen, den Konflikt friedlich beizulegen. Bismarck behielt jedoch die Oberhand und im Juni 1866 brachen die Feindseligkeiten zwischen Österreich und Preußen aus.
Friedrichs Ansichten änderten sich jedoch nachhaltig, nachdem er den Befehl über die zweite preußische Armee angenommen hatte, die in Schlesien stationiert war. Während seines Militärdienstes traf sich Friedrich mehrmals mit Bismarck und begann die Strategie Bismarcks zu unterstützen, besonders nach dem schnellem Sieg Preußens über Österreich. Bismarck überzeugte den Kronprinzen, daß er nicht die Absicht habe, das verfassungsmäßige Regime in Preußen aufzugeben, daß aber die Zeit für die deutsche Vereinigung noch nicht reif sei. Die Franzosen, die die deutsche Einheit als eine Bedrohung ihrerr Sicherheit auf dem Kontinent ansahen, würden solch einen Schritt niemals zulassen. Ein Vorstoß zur Vollendung der Einheit würde Krieg mit Frankreich bedeuten, wofür Preußen nicht vorbereitet war. Auch war es nicht sicher, ob anderen deutschen Staaten Preußen gegen Frankreich unterstützen würden, da viele von ihnen im Krieg von 1866 gegen Preußen gekämpft hatten.(19)
Diese Logik hatte keine Wirkung auf Victoria, die jetzt bereit war, für die Vereinigung einen Krieg zu riskieren. Sie erklärte ihrem Ehemann "Ich glaube, daß wir Alles riskieren sollten, sogar Krieg mit Frankreich, für die Vereinigung Deutschlands unter Preußen!"(20) Der Widerstand anderer deutscher Staaten sei kein Problem, sagte sie, dieses sei durch den Krieg "kuriert worden". Victoria war sogar so naiv zu glauben, daß Bismarck bereit sein würde, die Schaffung einer demokratischeren Regierung in Deutschland zu beaufsichtigen und sich dann aus der Politik zurückzuziehen.(21) Friedrich ignorierte ihren Rat einfach.
Bismarcks Vorstellungen setzten sich beim Friedensschluß nach dem österreichisch-preußischen Krieg von 1866 durch. Österreich wurde von der Teilnahme an den deutschen Angelegenheiten ausgeschlossen, und die norddeutsche Staaten wurden Teil des neuen Norddeutschen Bunds, der von Preußen dominiert wurde. Die süddeutschen Staaten blieben unabhängig, aber wurden durch Vertrag gezwungen, Preußen im Falle eines Krieges mit einer anderen Macht beizustehen. Zwischen 1866 und 1870 versuchte Bismarck, alle deutschen Staaten ohne Krieg zu vereinigen. Als dieses fehlschlug, fachte er eine Krise mit Frankreich an, indem er insgeheim plante, den freien Thron von Spanien mit einem Mitglied der preußischen königlichen Familie besetzen zu lassen. Dieses war für die Franzosen nicht tragbar, da es Frankreich zwischen potentielle Feinde an seiner südlichen (Spanien) und östlichen (Preußen) Grenze plaziert hätte. Als dieser Plan bekannt wurde, verlangten die Franzosen einen Verzicht des preußischen Anwärters und eine Entschuldigung. Bismarck sorgte dafür, daß die Franzosen nicht die Art der Entschuldigung erhielten, die sie wünschten. Durch diese Entwicklung aufgestachelt erklärte Frankreich im Juli 1870 Preußen den Krieg.
Friedrich zeichnete seine Hoffnungen für Deutschland in seinem Kriegstagebuch auf, das von Heinrich Otto Meisner 1926 veröffentlicht wurde. Historiker, die dieses Dokument studiert haben, sind von ihm erstaunt, denn die Tagebucheinträge enthalten eine Mischung vom links-liberalen und gemäßigt liberalen Standpunkten.(22) Das originale Tagebuch besteht aus aus zwei Notizbüchern mit eigenhändig geschriebenen Notizen Friedrichs, die früher im Geheimen Staatsarchiv in Merseburg aufbewahrt wurden. Dieses ursprüngliche Tagebuch wurde zweimal überarbeitet. Die zweite und dritte Version sind weit länger als die Vorlage und wurden nicht in der Hand Friedrichs sondern von einem seiner Mitarbeiter geschrieben. Diese Einträge zeigen, daß Friedrich Teile von Victorias Briefen in das überarbeitete Kriegstagebuch eingearbeitet und als seine eigenen Gedanken dargestellt hat. Diese Diskrepanzen werden bei einem Vergleich des ursprünglichen Tagebuchs mit den zweiten und dritten Versionen offensichtlich. Meisner benutzte die dritte Version, und da er höchstwahrscheinlich keinen Zugriff auf Victorias persönliche Korrespondenz hatte, konnte er nicht wissen, daß Victorias Briefe in der abgeschlossene Version des Tagebuchs enthalten waren, die er zur Veröffentlichung vorbereitete.(23)
In seiner Einleitung zur dritten Version des Tagebuchs, bemerkte Friedrich, daß seine täglichen Eindrücke nach dem Krieg durch Auszüge aus der Korrespondenz zwischen ihm und seiner Frau ergänzt wurden. Dennoch, so betonte er, reflektiere das Tagebuch seine "tatsächliche persönliche Erfahrung und Gefühle von Tag zu Tag" enthielte keine Änderungen "unter dem Einfluß späterer Ereignisse."(24) Ein Vergleich zwischen Victorias Briefen aus der Zeit des Krieges mit denen ihres Mannes und mit dem originalen Tagebuch zeigt, daß dies nicht stimmt. Einige Einträge, die seine Sympathie mit linksliberalen Standpunkten zeigen, stammen von Victoria und wurden erst in der letzten Version aufgenommen.
Zum Beispiel besagt der Tagebucheintrag Friedrichs für den 24. Oktober 1870 daß er die Einrichtung einer parlamentarischen Regierung nach britischem Vorbild für Deutschland anstrebe:
Ich muß oft an die Pläne meines verstorbenen Schwiegervaters denken ... für ein geeintes Deutschland unter monarchischer Führung ... das im wahrsten Sinne des Wortes in der vordersten Reihe der Zivilisation marschieren sollte... Solch ein Staat würde ein Bollwerk gegen den Sozialismus bilden und gleichzeitig die Nation von der Bedrückung durch Bürokratie, Despotie und priesterlicher Vorherrschaft befreien.(25)
Dieser Eintrag ähnelt sehr dem Brief den Victoria den drei Tage vorher an ihren Ehemann geschrieben hatte:
Alice [Victorias Schwester, Gemahlin des Herzogs von Hessen-Darmstadt] und ich begeistern uns an der Idee eines freien deutschen imperialen Staats, der im wahrsten Sinne des Wortes in der vordersten Reihe der Zivilisation marschieren sollte... Dieser Staat wäre ein Bollwerk gegen den Sozialismus und würde die Nation von der Bedrückung durch Bürokratie, Despotie und priesterlicher Vorherrschaft befreien.(26)
Historiker, die Friedrichs Liberalismus belegen wollten, pflegten folgenden Eintrag vom 30. Dezember wegen seiner Kritik an Bismarcks Politik zu zitieren:
Ich halte an meiner Überzeugung fest, daß Deutschland, ohne Blut und Eisen, einfach durch die Gerechtigkeit seiner Sache, "moralische Eroberungen" machen könnte und einig, frei und mächtig werden könnte... Der anmaßende, brutale "Junker" hat es anders bestimmt. 1864 verdarben seine Entwürfe und Intrigen den Sieg der guten Sache; 1866 zerbrach er Österreich, ohne Deutschland zu einen.(27)
Jedoch wurde auch dies von Victoria geschrieben, am 27. Dezember:
Ich beharre darauf, daß Deutschland hätte einig, frei und mächtig werden können ohne Blut und Eisen, [und] einfach durch die Gerechtigkeit seiner Sache, moralische Eroberungen hätte machen können und vereinigt frei und mächtigt hätte werden können. Aber der anmaßende, brutale Junker hat es anders bestimmt. 1864 eroberte er mit Östereichs Hilfe Schleswig-Holstein, gegen den Willen des deutschen Volkes, und 1866 zerstörte er Österreich ohne Deutschland zu einen.(28)
Diese Einträge zeigen, daß Friedrich bei der Überarbeitung des Kriegstagebuchs Teile der Briefe Victorias einbaute und als seine eigenen Texte ausgab. Victorias und Friedrichs Standpunkte unterschieden sich dadurch, daß Victoria die liberale Entwicklung und Vereinigung gleichzeitig erreichen wollte, während Friedrichs erste Priorität darin bestand, Deutschland zu einen und die Kaiserwürde für Preußen zu sichern. Für Friedrich sollte die liberale Erneuerung im Rahmen der Verfassung erst nach der Einheit folgen.
Die Diskrepanzen im Kriegtagebuch führen zu interessanten Fragen.(29) Warum gab Friedrich die Gedanken seiner Frau als seine eigenen aus? Wollte er sie durch die Einfügungen besänftigen? Da Friedrich bestimmte, daß das Tagebuch 50 Jahre nach nach seinem Tod veröffentlich werden sollte, dürften ihn die Beiträge seiner Frau keine großen Sorgen gemacht haben. Er erwartete eine lange und erfolgreiche Herrschaft und in diesem Fall würden seine Erfolge als Kaiser für sich selbst stehen. Auch kann es sein, daß er sowohl gemäßigte und wie auch linke Gesichtspunkte einfließen lassen wollte, um zu zeigen, daß er, wie Victoria es einmal formulierte "politisch über allen Parteien stand".(30) Anders ausgedrückt hatte er Sympathien für gemäßigt liberale und für linksliberale Standpunkte, aber einmal auf den Thron gelangt würde er seinen eigenen Kurs als deutscher Kaiser einschlagen.
Der Sieg Preußen im französich-preußischen Krieg von 1870-71 führte zur Gründung eines neuen deutschen Reichs, das von Preußen beherrscht wurde, doch das Reich erfüllte bei weitem nicht Victorias Erwartungen. Die meiste politische Macht lag bei Kaiser und Reichskanzler und die Minister waren dem Kaiser verantwortlich, nicht dem Parlament. Zwar behielt das Parlament einige wichtige Rechte bei der Kontrolle des Haushalts aber Victoria und die linken Liberalen waren enttäuscht, daß die Reichsverfassung keine Ähnlichkeit zur britischen Verfassung aufwies. Victoria unterstützte nun jene Liberalen, die versuchten, die Verabschiedung der Verfassung zu blockieren. Friedrich gab zwar zu daß die Verfassung nicht perfekt war, jedoch befürchtete er, daß jede Verzögerung die Vereinigung in Gefahr bringen würde.(31) Ohne seine Frau zu informieren arbeitete er mit Bismarck daran, gemäßigte Liberale für die neue Verfassung umzustimmen, und am Ende des Jahres 1870 wurde sie angenommen.
Zur Enttäuschung Victorias unterstützte Friedrich zusammen mit den Nationalliberalen in den ersten Jahren nach der Reichsgründung auch Bismarcks Politik. Bismarcks Bemühungen, den kirchlichen Einfluß zurückzudrängen, die Zentralisierung zu fördern und eine Laisse Faire Wirtschaftspolitik zu betreiben wurden vom Thronerben nachdrücklich unterstützt.(32) Allerdings schwand Friedrichs Optimismus in Bezug auf seine bevorstehende Herrschaft gegen Ende der 1870er Jahre schnell. Sein Vater, der Kaiser, war zwar alt, aber rüstig und der Zeitpunkts von Friedrichs Thronfolge war nicht abzusehen. Darüber hinaus kam es zu einer Wirtschaftskrise und Bismarck verlor das Vertrauen in den Freihandel, den die Nationalliberalen so nachdrücklich propagiert hatten. Auch wurde ihm deren Agitation für mehr Einfluß zu viel und so kündigte er die Allianz mit den Nationalliberalen zugunsten konservativerer Parteien auf und ging vom Freihandel zu einer protektionistischen Wirtschaftspolitik über. Zu Friedrichs Enttäuschung beteiligten sich viele prominente Nationalliberale an diesem entscheidenden politischen Richtungswechsel. Dies führte zu einer Spaltung der Partei in einen Pro- und einen Anti-Bismarck-Flügel, wodurch der liberale Einfluß in der deutschen Politik zurückdrängt wurde. Je länger der Kaiser regierte und Bismarck gestattete, seinen konservativen Kurs zu verfolgen, umso unwahrscheinlicher wurde es, daß Friedrich in der Zukunft würde nach liberalen Grundsätzen regieren können.
Friedrichs Unzufriedenheit mit Bismarck und den Nationalliberalen gab Victoria Hoffnung, daß ihr Ehemann doch noch die Linksliberalen unterstützen würde. Victoria hielt nichts von den Nationalliberalen, die Bismarcks konservative Politik unterstützten. Sie schrieb später: "Die Nationalliberalen ... haben Deutschland einen Bärendienst erwiesen! Sie wurden die Lakaien des großen Mannes [Bismarck] und sie gaben ihm in allen politischen Fragen nach."(33) Im Jahr 1884 drängte sie ihren Mann, die neu gegründete linksliberale Deutsche Freisinnige Partei zu unterstützen, die sich aus ehemaligen Fortschrittlichen und gegen Bismarck eingestellten Nationalliberalen zusammensetzte. Die Partei war gegründet worden, um eine politische Grundlage für eine liberale Regierung unter der Führung des künftigen Kaisers zu bilden. Sie zielte auf einen Machtzuwachs des Parlaments und auf die Wiederaufnahme des liberalen Reformkurses, von dem sich Bismarck abgewandt hatte.
Zum Victorias Verdruß unterstützte Friedrich die neue Partei nicht, da seine Unzufriedenheit mit Bismarck seit den späten 70er Jahren nicht stark genug war, um seine Abneigung gegen den Linksliberalismus zu überwinden. Seine politische Position lag tatsächlich näher bei Bismarck als bei den Linksliberalen. Im Hinblick auf Friedrichs Gefühle für die Deutsche Freisinnige Partei muß man annehmen, daß es Victoria war, die ihn dazu brachte, dem Parteivorsitzenden Ludwig Bamberger ein Gratulationstelegramm zur Parteigründung zu schicken. Dieses Telegramm gab den Mitgliedern Grund zu der Annahme, daß er ihre Ziele unterstütze, und danach sprach man sogar von der "Kronprinzenpartei". Nach diesem Vorfall notierte Friedrich von Holstein, Staatsrat im Außenministerium und Freund Bismarcks, in seinem Tagebuch:
"Die Presse schreibt, daß die Kronprinzessin erklärt habe, der Kronprinz sei vor Gründung der Deutschen [Freisinnigen] Partei konsultiert worden und er habe seine Zustimmung erteilt. Das ist eine Lüge, die nur erfunden worden sein kann, um einen Keil zwischen Kaiser und Kanzler und den Kronprinzen zu treiben."(34)
Obgleich Friedrichs Berater den liberalen Führern versicherten, das Gegenteil sei wahr, blieb Bismarck wegen Friedrichs Liberalismus mißtrauisch. Friedrich versuchte, Bismarcks Bedenken bei einem Zusammentreffen im Jahr 1884 zu zerstreuen. Danach berichtete Bismarcks vertrauter Berater Friedrich von Holstein: "Der Kronprinz war offen und herzlich... Nach dem der Tod [des Kaisers]... wäre der Kronprinz sehr froh, Bismarck als Kanzler zu behalten... Fürst Bismarck antwortete, daß er keinen Einwand erheben würde, sollte S[eine] [K]aiserliche [H]oheit versuchen, mit den Nationalliberalen zu regieren. Würde SKH jedoch noch einen Schritt weiter in Richtung der Linken gehen, so müßte dies unweigerlich zu einem Abgleiten in den Republikanismus führen."(35)
Friedrich nahm sich diese Warnung zu Herzen und vermied jede weiter unterstützende Geste in Richtung der Deutschen Freisinnigen Partei. Victoria hielt jedoch an der Absicht fest, diese Partei an die Regierung zu bringen. Sie schlug ihrem Mann vor, Bismarck solle als Außenminister im Amt bleiben, wenn er die Kontrolle über die Innenpolitik der Deutschen Freisinnigen Partei abtrete. Sie schrieb:
[Bismarck] ist und bleibt ist der Mann für außergewöhnliche Umstände; Macht, Energie, ein klarer Blick und genialer Mut sind seine Tugenden - die alle in Zeiten außenpolitischer Krisen sehr viel bewirkt haben. [Die Außenpolitik] verlangt aber andere Tugenden, wie sie die progressive Linke besitzt... Dieses sind die Leute mit denen man am besten zusammenarbeitet!(36)
Victoria zog aber nicht die sehr reale Möglichkeit in Betracht, daß Bismarck sich weigern würde, mit Ministern zusammenzuarbeiten, die seine Innenpolitik drastisch verändern wollten. Wie üblich, ignorierte Friedrich diskret die Vorschläge Victorias. Im Jahr 1885 als die Krankheit seines Vaters es erscheinen ließ, als stehe Friedrichs Thronfolge unmittelbar bevor, entwarf er seine Proklamation als Kaiser. Der Entwurf zeigt klar, daß er trotz seiner Enttäuschung über die Nationalliberalen, die Absicht hatte sie in sein Kabinett aufzunehmen, nicht jedoch Mitglieder der Deutschen Freisinnigen Partei. Die Krone, nicht das Parlament, würden an Macht gewinnen nach Friedrichs Thronbesteigung. Änderungen an der Innenpolitik würden langsam erfolgen, und immer nur im Rahmen des verfassungsmäßigen Status Quo.(37)
Obgleich Friedrich klar zu verstehen gab, daß er die radikalen Ansichten seiner Frau nicht unterstütze, blieb Bismarck ihrem Einfluß gegenüber mißtrauisch. Im Jahr 1884 versuchte sie einseitig, den außenpolitischen Kurs Deutschlands zu verändern, als sie ihren Mann widerstrebend dazu brachte, der Hochzeit ihrer Tochter Viktoria mit dem Prinzen Alexander von Battenberg zuzustimmen, der Herrscher von Bulgarien war. Der Prinz war ein Protegé des russischen Zaren, der erwartete, Battenberg würde als russische Marionette regieren. Battenberg jedoch rief dessen Zorn hervor, da er sich auf die Seite des bulgarischen Nationalismus stellte. Immer im Gegensatz zum antiliberalen Rußland stehend begrüßte Victoria Battenbergs Kurs gegen den Zaren. Bismarck sah dies anders und er bekämpfte die Hochzeitspläne mit aller Macht. Er glaubte, das eine Hochzeit zwischen Battenberg und der Enkelin des deutschen Kaisers Deutschland unnötig in die Probleme des Balkans verwickeln und die Russisch-Deutschen Beziehungen belasten würde, mit der Gefahr eines Kriegs zwischen den beiden Ländern.(38)
Victoria, die durch die Hochzeit den deutschen Einfluß auf dem Balkan vergrößern wollte, empfand solche Gefahren nicht. Im September 1885 schrieb sie ihren Ehemann: "Was würde [Bismarck] sagen, wenn unsere drei Mädchen die Kronen von Griechenland, Bulgarien und Rumänien tragen würden - drei deutsche protestantische Prinzessinnen hätten eine große Aufgabe vor sich und Deutschland würde dort stark an Einfluß gewinnen."(39) Äußerungen dieser Art machen deutlich, daß sie die Möglichkeit eines Krieges zwischen Rußland und Deutschland mißachtete. Auch machte sie sich keine Gedanken darüber, daß die Erweiterung des deutschen Einflusses auf dem Balkan Bismarcks Bündnissystem ernsthaft beschädigen würde, das den Frieden erhielt, indem es den Ausbruch eines Krieges zwischen Österreich und Rußland wegen territorialen Auseinandersetzungen auf dem Balkan verhinderte. Victorias Pläne hätten das Gleichgewicht auf dem Balkan gestört und die Möglichkeit eines Krieges heraufbeschworen.(40) Unbeirrt durch solche Überlegungen fuhr sie fort, die Hochzeit zu fordern.
Bismark gelang es, die Hochzeitspläne drei Jahre lang zu blockieren, aber Ende 1887 begann Friedrichs Gesundheit sich zu verschlechtern, was viele Beobachter glauben ließ, Victoria würde Friedrichs physische Schwäche ausnutzen um ihre Ziele zu erreichen. Aber es war gerade diese Krankheit (Kehlkopfkrebs) die Bismarck das Mittel an die Hand gab, ihrem Einfluß während der kurzen Regierungszeit ihres Mannes zu widerstehen. Bismarck erklärte dem kaiserlichen Paar, es gäbe Bestrebungen, ihren Sohn Prinz Wilhelm wegen des schlechten Gesundheitszustands seines Vaters zum Regenten zu erklären, und nur er könne diese Regentschaft verhindern. Nach Friedrichs Thronbesteigung nach dem Tod seines Vaters im März 1888 wollte der Kanzler die Regentschaft nur verhindern, wenn Victoria liberale Reformvorhaben und die Battenberg-Heirat aufgab. Victoria, mit einem todkranken Ehemann der gerade Kaiser geworden war, hatte keine andere Wahl, als auf Bismarcks Forderungen einzugehen.
Kurz vor seinem Tod am 15. Juni 1888 bat Friedrich Bismarck, sich um Victoria zu kümmern. Stattdessen demütigten Bismarck und der neue Kaiser Wilhelm II. Victoria indem sie alles taten, um das Andenken an ihren Ehemanns zu unterdrücken. Der Name des Palastes, in dem Friedrich gestorben war wurde von Friedrichskron in Neues Palais zurückbenannt, entgegen den letzen Wünschen des Verstorbenen. Als Wilhelm zum ersten Mal vor dem deutschen Parlament auftrat zollte er seinem Großvater Ehrerbietung, erwähnte aber seinen gerade verstorbenen Vater nicht.(41)
Die schlechte Behandlung, die Victoria und das Andenken ihres Ehemanns durch den Kanzler und den neuen Kaiser erfuhren brachte sie dazu, eine liberale Legende um Friedrich III. zu konstruieren. Einige Monate nach dem Tod ihres Ehemanns schlug Victoria die Einrichtung eines "Kaiser-Friedrich-Vereins" vor, um die Ziele ihres Ehemanns zu fördern. Aber Victorias Briefe zu diesem Thema zeigen, daß die von ihr konstruierten Ideale ihres Ehemanns weit mehr ihren eigenen ähnelten. "Mitglieder der Deutschen [Freisinnigen] Partei müssen den Kern des Vereins bilden," schrieb sie. Ihre Pläne für den Verein verketten das "Programm" ihres Mannes mit den Zielen der Deutschen Freisinnigen Partei.(42)
Obgleich die Pläne für den Verein nicht erfolgreich waren, fuhr Victoria fort, in ihrer Korrespondenz ihren Ehemann als einen Liberalen britischen Zuschnitts darzustellen, was wiederum von den Historikern als Beweis für Friedrichs Liberalismus benutzt wurde. Koppel Pinson schrieb, Friedrich sei "stark beeindruckt worden durch die englische konstitutionelle Regierungsform", und Veit Valentin schrieb, er habe sich "hartnäckig an parlamentarische Prinzipien geklammert."(43) In Wirklichkeit jedoch hat Friedrich, wie wir gesehen haben, diese Prinzipien keineswegs vertreten. Trotz seines gemäßigten Standpunkts, mit dem er teilweise im Widerspruch zu Victoria stand, sollte man aber Friedrichs Rolle nicht gering achten. Anders als sowohl Vorgänger als auch Nachfolger wollte Friedrich durch seine Regierung Freiheit und Fortschritt sichern. Er unterstützte das konstitutionelle System und kämpfte sogar für dessen Aufrechterhaltung als seine Existenz von konservativen Gegnern bedroht wurde.
Natürlich war für Victoria eine derartige nuancierte Betrachtungsweise nicht genug. Sie schmiedete das liberale Bild von Friedrich III. in der Hoffnung, daß sein Andenken einen Sammelpunkt für die Art der liberalen Bewegung bilden würde, von der sie selbst - nicht ihr Ehemann - hoffte, es möge an die Macht gelangen. Obwohl dieses Ziel nicht erreicht wurde, hatte die Legende ein wichtiges Resultat:
Victorias Kritik an Bismarck fand ihren Weg in historische Publikationen, verstärkte die Meinung, daß sein System zu Deutschlands tragischem Weg beitrug und bekräftigte die Kritik an Bismarcks Politik. Einer der bekanntesten Kritiker Bismarcks war der Historiker Erich Eyck, dessen Bismarck-Biographie (im Jahr 1944 erschienen) zeitweise als ein Standardwerk galt. Eycks Anklage gegen Bismarck wurde auch durch einen Brief Victorias gestützt, wonach ihre und ihres Ehemanns politischen Ansichten gerecht und moralisch seien, die Bismarcks hingegen nicht. Eyck zitiert aus einem Brief, den Victoria im Jahr 1888 an ihre Freundin Frau von Stockmar kurz nach Tod ihres Ehemanns schrieb: "Warum denn waren wir in der Opposition? Weil unsere Vaterlandsliebe die Größe unseres Landes mit dem edlen Gefühl des Rechts, der Moral, der Freiheit und Kultur, der Unabhängigkeit des Einzelnen verbunden sehen wollte... 'Frieden', 'Duldsamkeit' und 'Caritas', diese Dinge, den wertvollsten Besitz der Menschheit auf Erden, sahen wir mit Füßen getreten, verächtlich gemacht, verleumdet... Blut und Eisen allein haben Deutschland groß und einig gemacht... alle nationalen Mängel wurden als Patriotismus verstanden."(44)
Am Ende verfälschte die liberale Legende, die sie erzeugt hatte nicht nur den Charakter von Friedrichs Ansichten, sondern sie verdeckte auch die Tatsache, daß Victorias Haltung nicht immer gut für Preußen und Deutschland gewesen wäre. Ihre Vision für Deutschland - Fortschritt und Förderung der allgemeine Bildung - war gewiß vernünftiger als die ihres Sohns Wilhelm II., der unablässig versuchte, Deutschland zu einer Weltmacht zu machen, dennoch war ihre politische Position unrealistisch. Sie unterschätzte völlig den Widerstand den eine Mehrheit der Preußen politischen Veränderungen im Sinne des britischen Systems entgegensetze und die Macht der konservativen Strömungen allgemein. Sie war blind gegen die Gefahren eines Kriegs zwischen Preußen und Frankreich im Jahr 1866 und ihr langjähriges Eintreten für die Battenberg-Heirat beschwor ebenfalls ernste Konsequenzen für Deutschlands Außenpolitik herauf. Ihr Mangel an politischer Urteilsfähigkeit wurde jedoch von ihren Biographen ignoriert von denen einer schrieb "wären ihre liberalen Ratschläge befolgt worden, dann hätte dies das bevorstehende Unheil abwenden können."(45) Wie dieser Aufsatz gezeigt hat, hätte die Befolgung ihrer Ratschläge jedoch innere Unruhen und außenpolitische Komplikationen noch während ihrer eigenen Lebenszeit hervorrufen können.
 
Fußnoten
 
(1) Hanna Pakula, An Uncommon Woman: The Empress Frederick (New York, 1995); J. C. G. Roehl, Young Wilhelm, the Kaiser's Early Life (Cambridge, 1998).
(2) Erich Eyck, Bismarck and the German Empire (London, 1968), 299; Koppel S. Pinson, Modern Germany: Its History and Civilization (New York, 1966), 274; Veit Valentin, The German People: Their History and Civilization from the Holy Roman Empire to the Third Reich (New York, 1962), 502.
(3) Unveröffentlichte Korrespondenz in der privaten Sammlung Landgraf Moritz von Hessen, Hessische Hausstiftung in Fulda (nachfolgend Sammlung Hessische Hausstiftung).
(4) Zitiert in Werner Richter, Friedrich III: Leben und Tragik des zweiten Hohenzollernkaisers (München, 1981), 56.
(5) Theodore Martin, The Life of HRH the Prince Consort, vol. 1 (London, 1880), 439.
(6) Hermann Kalkoff, Nationalliberale Parlamentarier (Berlin, 1917); Patricia Kollander, Friedrich III: Germany's Liberal Emperor (Westport, Conn., 1995), 124-27.
(7) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 4. Juli 1866, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(8) Kronprinz Friedrich Wilhelm an Kronprinzessin Victoria, 22. Juli 1866, ibid.
(9) Roehl, Young William, 19-53.
(10) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 6. September 1864, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(11) Roehl, Young William, 233.
(12) Kronprinzessin Victoria an Kronprinzen Friedrich Wilhelm, 20. März 1862, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(13) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 2. September 1862, ibid.
(14) Heinrich Otto Meisner, Kaiser Friedrich III: Tagebücher 1848-1866 (Leipzig, 1929), 129.
(15) Ibid., 131.
(16) Ibid., 160.
(17) Heinrich Otto Meisner, Der Preußische Kronprinz im Verfassungskampf (Berlin, 1931), 65-66; Ponsonby, The Letters of Empress Frederick, 42.
(18) Kronprinzessin Victoria an Königin Victoria, 3. Juli 1863, in Dearest Mama: Private Correspondence between Queen Victoria and the German Crown Princess, 1861-1864, ed. Roger Fulford (London, 1968), 241.
(19) Kollander, Frederick III, 71; Otto Pflanze, Bismarck and the Development of Germany. The Period of Unification 1815-1871 (Princeton, 1990), 311.
(20) Kronprinzessin Victoria an Kronprinzen Friedrich Wilhelm, 26. Juli 1866, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(21) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 4. Juli 1866, ibid.
(22) Andreas Dorpalen, "Frederick III and the Liberal Movement," American Historical Review 54 (October 1958): 10; Werner Richter, Friedrich III: Leben und Tragik des zweiten Hohenzollern-Kaisers (München, 1981).
(23) Redaktion A, B, C des Tagebuches Friedrich III 1870-1871, Rep. 52, FI, Nr. 21-23, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Merseburg. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin wird in Kürze den Bestand des Archivs Merseburg übernehmen.
(24) Heinrich Otto Meisner, ed., Kaiser Friedrich III: Kriegstagebuch 1870-1871 (Berlin und Leipzig, 1926), ii.
(25) A. R. Allinson, trans., The War Diary of Frederick III (London, 1957), 168 (Übersetzung der Ausgabe Meisner).
(26) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 21. Oktober 1870, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(27) Allinson, The War Diary of Frederick III, 241.
(28) Kronprinz Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 27. Dezember 1870, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(29) Teile der folgenden Briefe Victorias wurden in das Tagebuch ihres Manns eingefügt: 26. September 1870, (Übereinstimmungen mit Friedrichs Eintrag vom 22. September);
27. Dezember 1870, (Übereinstimmung mit Friedrichs Eintrag vom 31. Dezember);
10., 28., 29., 30. Januar 1871 (Übereinstimmung mit Friedrichs Einträgen vom 29. Januar, 29. Dezember und 2. Februar);
1., 8. Februar 1871 (Übereinstimmung mit Friedrichs Einträgen vom 8. Februar 1871);
2. März 1871 (Übereinstimmungen mit Friedrichs Eintrag vom 7.März 1871).
(30) Kronprinzessin Victoria an Justizminister Friedberg, 1. Juli 1885, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(31) Allinson, The War Diary of Frederick III, 213-14.
(32) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 6. Januar 1871, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(33) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 21. August 1885, ibid.
(34) Tagebucheintrag 21. März 1884, in The Holstein Papers: Memoirs, Diaries, and Correspondence of Friedrich von Holstein, 1837-1909, ed. Normal Rich and M. H. Fisher, vol. 2 (Cambridge, 1957), 106.
(35) Rich and Fisher, eds., Holstein Papers, vol. 2, 112-13.
(36) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 8. November 1884, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(37) Für den ursprünglichen Entwurf der Proklamation Friedrichs siehe die letzten Seiten seines Tagebuchs für das Jahr 1885, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Merseburg, Rep. 52, FI, Nr. 7x. (Tagebücher).
(38) Norman Rich, Friedrich von Holstein (Cambridge, 1965), 152.
(39) Kronprinzessin Victoria an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 23. September 1885, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(40) Rich, Friedrich von Holstein, 204.
(41) Ponsonby, Empress Frederick, 320.
(42) Kaiserin Friedrich an Frau von Stockmar, 8. August 1888, Sammlung Hessische Hausstiftung.
(43) Pinson, Modern Germany, 274; Valentin, The German People, 502.
(44) Erich Eyck, Bismarck and the German Empire (London, 1968), 299.
(45) Ponsonby, Empress Frederick, 427.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Patricia Kollander ist Professorin für Geschichte an der Florida Atlantic Unversity.

Übersetzung: J. Reinhardt

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