|
Kronprinzessin Victoria führt ein wirkliches Familienleben am Hofe
ein.
|
Ein gar nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst der
Kronprinzessin Victoria war es, daß sie wohl die erste war, welche
ein wirkliches Familienleben am preußischen Hofe einführte.
Bisher waren die Kinder fast ausnahmslos den Ammen, Gouvernanten,
Obergouvernanten, Erziehern und Erzieherinnen, Militärgouverneuren
usw. anvertraut gewesen und die Königlichen und prinzlichen Eltern
bekamen ihre Kinder nur gelegentlich zu sehen. Die jungen Prinzen und
Prinzessinnen wurden nur zuweilen "vorgeführt" und "besichtigt".
|
|
|
|
Das wurde nun zum ersten Male ganz anders. Die Kronprinzessin ließ
es sich sogar nicht nehmen, fast alle ihre Kinder seIbst zu nähren,
was bisher ganz unerhört war.
|
|
|
Zusammenleben mit den Kindern.
|
Das Kronprinzenpaar lebte ganz und gar mit seinen Kindern zusammen,
jede freie Minute gehörte ihnen. Auch bei den Mahlzeiten und wo es
nur irgend anging waren die Kinder mit ihren Hohen Eltern
vereinigt. Diese schöne Sitte hatte die Kronprinzessin von ihren
geliebten Eltern übernommen und durch ihr Beispiel dann wohl auch
auf unser regierendes Kaiserpaar übertragen, welches ebenfalls
durch sein einzig schönes und harmonisches Familienleben geradezu
vorbildlich für alle Fürstenhöfe geworden ist. Als es sich
damals um eine Gemahlin für den Prinzen Wilhelm (jetzigen Kaiser)
handelte, unterstützte die Kaiserin Friedrich ihren ältesten
Sohn bei seiner Wahl auf das Entschiedenste, da sie in der Prinzessin
Victoria Auguste neben vielen edlen Eigenschaften des Geistes und des
Herzens auch alle Eigenschaften einer trefflichen zukünftigen
Mutter und Hausfrau erkannt hatte.
|
|
|
Kaiserin Friedrich als junge Mutter mit ihrem erstgeborenen Prinzen (jetzigen Kaiser Wilhelm II.)
|
|
|
|
Auch alle Ausflüge wurden mit Vorliebe gemeinsam mit den Kindern
gemacht. Abends vor dem Zubettegehen mußten alle Kinder
regelmäßig den Eltern gute Nacht sagen und die Kronprinzessin
ließ
es sich nicht nehmen sogar noch zur Nachtstunde, wenn sie zuweilen
erst spät von Hoffesten heimkehrte, nach ihren Lieblingen zu sehen.
|
|
|
Elternpflichten und Erziehungsgrundsätze.
|
Das Kronprinzenpaar nahm seine Elternpflichten gegen die Kinder sehr
ernst Die Erziehungsmethode derselben schien ihm eine der wichtigsten
Fragen überhaupt. Es wurde von den Eltern eine harmonische
Erziehung angestrebt, bei der Geist und Körper in gleicher Weise zu
ihrem Rechte kommen sollten. Auf die individuelle Ausbildung der
einzelnen Kinder mit ihrer verschiedenartigen Begabung wurde großer
Wert gelegt. Charakterbildung, klarer Verstand und Gemütstiefe
schien den Eltern besonders wichtig. Diese Grundsätze der Erziehung
wurden mit großem Ernst und Strenge durchgeführt und man
erzählt sich manche Anekdote über kleine Bestrafungen der
Kronprinzlichen Kinder, wenn nicht alle Weisungen pünktlich befolgt
wurden.
|
|
|
|
Die Prinzen und Prinzessinnen wurden nicht etwa geschont, auch durfte
ihnen beim Lernen nicht das geringste nachgesehen werden. Die
Kronprinzessin folgte oft schon zu früher Stunde dem Gang des
Unterrichts und überwachte unermüdlich die Fortschritte der
Kinder.
|
|
|
|
Wie schlicht und einfach waltete sie in ihrer Häuslichkeit!
Sie ließ es sich nicht nehmen, einen Teil der Kleider für ihre Kinder
selbst anzufertigen; ja sogar die Stickereien zu denselben waren von
ihrer Hand.
|
|
|
Die Prinzensöhne treten in öffentliche Schulen ein.
|
Das Kronprinzenpaar erkannte bald, daß die Söhne durch die
Einzelerziehung und den steten Privatunterricht keine Fühlung mit
dem wirklichen Leben erlangen würden, und so wurde beschlossen, was
man bisher für absolut ausgeschlossen hielt, die Prinzensöhne
auf eine öffentliche Schule zu bringen. Man hielt es auch für
geraten, die Prinzen von den vielen Zerstreuungen des Hoflebens fern
zu halten und so wurde Kassel gewählt. Mitte September 1874 fand
sich das Kronprinzenpaar mit den Prinzensöhnen dort ein.
|
|
|
|
Prinz Wilhelm trat in die Untersekunda des Gymnasiums, Prinz Heinrich
dagegen erhielt zunächst noch Privatunterricht und besuchte dann
die dortige Realschule, welche sich für seinen späteren
Seemannsberuf wohl besser
|
|
|
Geistige Bestrebungen des Kronprinzenpaares.
Belesenheit und sonstige Begabung der Kronprinzessin Victoria.
|
Aber auch das Kronprinzenpaar suchte sein Wissensgebiet nach jeder
Richtung hin auszudehnen. Der Kammerherr Gustav zu Putlitz berichtet,
daß er bei der jungen Frau Kronprinzessin eine staunenswerte
Belesenheit gefunden habe. "Sie hat alles gelesen und weiß alles
halb auswendig. sie sprach mit gleicher Kenntnis über deutsche und
englische Literatur, kannte die Stücke Hebbels ebenso genau wie die
ihrer englischen Lieblingsdichter; Shakespeare wußte sie halb
auswendig." Ein anderes Mal schreibt Putlitz: "Diese junge Frau ist
von Gott begabt, wie wenige Menschen dieser Erde, und gebildet, wie
ich in ihren Jahren keine Frau kenne, dabei diese angenehme
Beherrschung der Form, die bei aller Repräsentation doch nicht den
geringsten Zwang empfinden läßt."
|
|
|
Pflege des Sports.
|
"Die Kronprinzessin pflegte, wenn sie nicht reiten durfte, zweimal auf
viele Stunden auszufahren, Pistole zu schießen, kurz eine geistige
und körperliche Unermüdlichkeit ist in ihr, von der Graf
Häseler Wunderdinge erzählt."
|
|
|
Kaiserin Friedrich zu Pferde. Aufnahme von Ottomar Anschütz in Lissa.
|
|
|
Vielseitigkeit der Kronprinzessin Victoria.
|
Weiter schreibt Putlitz: "Ich wüßte nicht, wofür diese junge
Frau nicht Passion hätte, für Musik, Kunst, Literatur,
Militär, Marine, Reiten, Jagen. Beim Aufbrechen ging sie zu Fuß
den Berg hinunter, ich neben ihr durch den vom Regen frischen Wald,
sie nahm die letzte Nummer des Grenzboten aus ihrer Tasche und gab sie
mir; es ist ganz fabelhaft, wie sie nicht nur alles liest, sondern
auch auswendig behält, dabei spricht sie über Geschichte, wie
ein Historiker, und zwar sehr gut und bestimmt. Bei Tisch ganz heitere
Konversation, nach Tisch sang die Kronprinzessin mit angenehmer Stimme
und guter musikalischer Empfindung englische und spanische Lieder".
|
|
|
Im Juni 1864 war die Kronprinzessin Gast des Fürstenpaares
in Putbus auf der Insel Rügen. Am 30. dieses Monats brach die
Hohe Frau nach Stettin auf, um dort mit dem Kronprinzen
zusammenzutreffen, welcher in dem General»Kommando Wohnung nehmen
wollte. "Als man dort abstieg, war nichts in Ordnung", schreibt
Putlitz. "Die Kronprinzessin fing aber gleich an, zu räumen, ließ
Möbel rücken, ordnete Bilder und in einer halben Stunde hatte der
alte Hausrat unter ihrer ordnenden Hand eine gewisse Behaglichkeit
gewonnen". Die Kronprinzessin kehrte dann nach dem Neuen Palais
bei Potsdam zurück, wohin ihr am 6. Juni der Kronprinz folgte.
Dort erlebte das hohe Paar glückliche Tage.
|
|
|
|
Das freie Menschentum des Kronprinzenpaares kam, wie es in der Natur
der Sache liegt, bei den großen Hoffesten nicht recht zur Geltung;
nur im gemütlichen, intimen Kreise kam es zur schönsten
Entfaltung. Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Politiker, ebenso
auch Vertreter der Industrie und des Handels waren häufige Gäste
im Kronprinzlichen Palais, und allen ihren Bestrebungen, Anregungen
und Mitteilungen wurde aufmerksamstes Gehör und liebevollste
Teilnahme geschenkt. In ungezwungenster Natürlichkeit verkehrte das
Hohe Paar, wie unter alten Freunden. Auch der Salon der Frau von
Schleinitz, Gemahlin des Hausministers, vereinigte besonders häufig
diesen erlesenen Freundeskreis des Kronprinzenpaares.
|
|
|
Glückliche Tage im Neuen Palais bei Potsdam.
Harmonisches Verhältnis des Kronprinzenpaares.
|
Unter der Leitung des Grafen Waldersee als Kapellmeister wurde
vierstimmig gesungen; der Kronprinz strahlte dabei vor Freude. Putlitz
schreibt darüber: "Er war so heiter, dabei so eingehend und offen,
sehr instruiert und ebenso aufrichtig über vaterländische
Geschichte redend, wie über moderne Politik und Personen. Immer
zeigte sich der Kronprinz im liebenswürdigsten Lichte; sein ganzes
Verhalten gab jedem unbefangenen Beobachter den Kommentar zu dem
wirklich vortrefflichen Verhältnis, in dem der Kronprinz, trotz
mancher brillanteren Seite der Prinzessin, doch seine klare,
natürliche Stellung und seinen unverkennbaren Einfluß hat. Und
die Grundredlichkeit ist das Fundament seines ganzen Wesens Man findet
bei ihm viele Züge, die an den König (Wilhelm) erinnern."
|
|
|
Das Neue Palais bei Potsdam.
|
|
|
|
Das Kronprinzenpaar ergänzte sich in glücklichster Weise und
bei der hohen, fast heiligen Auffassung, welche Beide von der
Bedeutung der Ehe hatten, war das Zusammenwirken des Kronprinzlichen
Paares in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten eigentlich
ganz Selbstverständlich. Das Elternpaar der Kronprinzessin Victoria,
die Königin von England und der Prinzgemahl, gaben für eine solche
eheliche Gemeinschaft das glänzendste Beispiel. Die Kronprinzessin
wußte in Folge ihrer ausgezeichneten, vielseitigen Erziehung und
Bildung auch in öffentlichen Dingen vortrefflich Bescheid, ja sie
hatte sogar das schwierige Gebiet der Volkswirtschaft mit großem
Eifer durchgearbeitet. Wohl dem Manne, der eine so einsichtige, kluge
und unterrichtete Frau zur Seite hat; er kann sich über alle
vorkommenden Fragen mit ihr aussprechen, um dann nach reiflichem
Abwägen der vorgebrachten Für und Wider ein reifes Urteil fällen
zu können! Da ist es nun nicht immer leicht, zu sagen und zu
entscheiden, wer von Beiden die erste Anregung zu einer fruchtbaren
Idee gegeben hat und wessen Ansicht schließlich durchgedrungen ist.
|
|
|
Gemütsleben der Kronprinzessin Victoria.
|
Über das Gemütsleben der Kronprinzessin Victoria sagt uns
Putlitz: "Sie erzählte in reizender Weise von ihrer Heimat, klagte
über die häufigen Trennungen vom Kronprinzen, anknüpfend an
(eben gesungene) englische Kirchenlieder und Schottische Balladen und
an ein paar sehr hübsche Albums, die ich ansehen durfte. In dem
einen sind, teils in bunten Bildern, teils in Photographien, alle
Zimmer vereint, in denen sie bisher von ihrer frühesten Jugend an
gewohnt hat. In dem anderen sind lauter Jugenderinnerungen aus England
und Schottland, immer nach den Orten eingefügt und geordnet, aus
Windsor, Frogmore, Osborne, Balmoral, Buckingham-Palace, und zwar
Photographien einzelner Räume, Gärten, Menschen, die Weihnachts-
und Geburtstagstische ihrer Eltern sowie ihre eigenen usw. Mit
rührender Treue und Pietät sind alle Andenken und Erinnerungen
an ihren Vater gepflegt und gesammelt, sie spricht fast nie ohne
Tränen von ihm, dessen Verlust ganz besonders für sie ein so
tief eingreifender ist".
|
|
|
Innige Liebe des Kronprinzen zur Kronprinzessin und zu seinen Kindern.
|
Der Kronprinz fühlte sich aber auch
überaus glücklich im Besitz einer solchen Gattin. Er sprach von
ihr stets in den begeistertsten Ausdrücken und gedachte ihrer und
der Kinder bei jeder Gelegenheit. Nach der Schlacht bei
Königgrätz schrieb er in sein Tagebuch: "Lebhaft habe ich die
Nacht von meiner Frau und den Kindern geträumt". Als Gustav Freytag
am Abend des 23. August in das Zimmer des Kronprinzen trat, welcher
von einem Unwohlsein befallen war, fand er ihn auf einem schmalen
Feldbette ausgestreckt, vor ihm auf einem kleinen Schreibtische, so
daß sein Auge darauf ruhen konnte, die Photographen der
Kronprinzessin und seiner Kinder: "Er sprach sogleich von den Seinen
daheim, von der Natur seiner Kinder, wie sich jedes entwickele, von
dem Schmerz über die Verlorenen. Sein Auge wurde feucht und das
Antlitz war durch Liebe und Schmerz verklärt, sein Wesen so warm
und wohltuend, daß es auch den Hörer weich machte. Dann begann
er über seine Gemahlin zu sprechen, voll von zärtlicher
Hingabe. Er rühmte ihr reiches Wissen und ihren Geist, zu dem er
immer aufsehen müsse, und klagte, daß eine solche Frau nicht
überall nach ihrem Wert Anerkennung fände, und man empfand, wie
wohl es ihm tat, von der zu reden, an die er immer dachte".
|
|
|
Salon im Neuen Palais bei Potsdam.
|
|
|
|
*) Siehe das Werk: "Kaiser Friedrich der Gütige", von Müller Bohn,
ferner: "Lebensbild Kaiser Friedrichs" von Ludwig Ziemssen.
|
|