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Leidenszeit

Bis zum Jahre 1899 bot die Kaiserin Friedrich ein Bild von blühender Gesundheit. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war die fürstliche Frau unausgesetzt in der thätigsten Bewegung. Das spielende Ueberwinden aller körperlichen Anstrengungen bildete die Bewunderung aller derjenigen, welche Gelegenheit hatten, die Kaiserin öfter zu sehen. Oft eilte sie, nur von einem Lakaien gefolgt, den ziemlich beschwerlichen und recht ansteigenden Weg nach ihrer alten Burg hinauf, um dort zu inspiziren und war schon in unglaublich kurzer Zeit von dort wieder zurück. Ihre Elastizität war einfach zum Erstaunen. Aber leider schonte Ihre Majestät ihre Gesundheit in keiner Weise. Sie scheute nicht Zugluft, während die hohe Frau von ihren täglichen Wanderungen durch ihr gesammtes Besitzthum oft recht erhitzt zurückkehrte. Auch das Ausreiten bei strömendem Regen war gewiß der Gesundheit nicht immer zuträglich.
Wohl durch einen unglücklichen Zufall brach nun ein Ereigniß herein, dessen Folgen dann so verhängnißvolle und schmerzliche werden sollten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde ein bis dahin vielleicht nur latent gebliebenes Leiden zur Auslösung gebracht und innere Komplikationen dadurch hervorgerufen. Die Kaiserin besaß eine solche Gewalt über sich selbst daß sie sich in keiner Weise anmerken ließ, wie schwer jenes Mißgeschick im Spätsommer 1898 gewesen war. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, schrieb sie sogar noch zunächst mehrere Briefe, dann begab sich Ihre Majestät nach der Bibliothek und erzählte dort den Vorgang in folgender Weise: Beim Schaafhof (ein Gutshof unweit Kronthal) habe eine Lokomobile gearbeitet, dadurch sei ihr Pferd unruhig geworden und habe gescheut. Der Oekonom habe zuerst versucht, das Pferd vorbeizuführen. Beim Näherkommen an die Lokomobile sei es ganz senkrecht hochgestiegen, sie selbst sei dabei nach der falschen Seite heruntergefallen und zwar auf den Kopf, mit den Fußen unter dem Pferde, während das Kleid oben am Sattel festsaß. Der Kopf habe eine Beule, die aber nicht sehr hervortritt, dagegen ist die rechte Hand verstaucht und leicht vom Pferdehuf getreten. Dann fuhr die hohe Frau fort: sie reite jetzt 50 Jahre und da könne auch schon ein Unfall vorkommen; das liege in der Natur der Sache. "Lieber ist mir, daß ich gestürzt bin, als daß es einem andern passirt wäre. Aber übermorgen werde ich wieder reiten. Ich werde auch trotz der verstauchten Hand heute versuchen etwas zu malen und einige Briefe zu schreiben." Am nächsten Tage aber schon äußerte Ihre Majestät, gestern Abend sei es ihr nicht gut gegangen und dann noch einmal auf den Unfall zurückkommend, sagte sie: "Es konnte in einem Augenblick aus sein, oder ich hätte geschleift werden können."
Und von jenem Tage an begann die qualvolle lange Leidenszeit der kaiserlichen Dulderin. Ueber Jahresfrist zogen sich die Anfänge des Uebels hin, bis sie im Herbst 1899 mit voller Wucht hervorbrachen. Die Kaiserin hat gelitten wie eine Märtyrerin, mit einer Seelengröße und Selbstüberwindung, wie sie in unseren Tagen kaum je wieder vorkommen. Nie kam eine laute Klage über ihre Lippen, sie ertrug die qualvollsten Schmerzen, wie jene heiligen Frauen, die wir als Märtyrerinnen der Geduld und Ergebung kennen. "Jeden Schmerz empfinde ich wie einen Dolchstoß in meinen Rücken" äußerte die fürstliche Dulderin einmal. Nur die allertiefste Religiosität vermochte die Kaiserin in ihrem namenlosen Unglück aufrecht zu erhalten. Denn wo anders, als von oben, hätte sie die gewaltige Kraft und den Widerstand hernehmen sollen, solche Pein ohne die leiseste Klage zu ertragen? Volle zwei Jahre hat dieser furchtbare Kampf mit der heimtückischen Krankheit gedauert. Und die Kaiserin hielt mit unbeugsamer Energie stand, weil sie immer noch hoffte, den Widerstand gegen das tückische Leiden bis zur Ueberwindung desselben fortsetzen zu können. Dadurch verlängerte die hohe in Gott ruhende Fürstin zwar ihr Leben, aber auch ihr Leiden.
Nun ruht die herrliche, mit so seltenen Gaben ausgestattete hohe Frau aus nach einem thatenreichen, segensvollen Leben voller Mühe und Arbeit, herben Schicksalsschlägen und bitterster Enttäuschung. Wenn es aber einen Trost giebt für die vielen aufrichtigen Freunde und Bewunderer dieser großen und bedeutenden Fürstin, so ist es der Gedanke, daß die schweren Fügungen, welche die hochselige Kaiserin Friedrich in ihrer hohen Stellung so schwer betrafen, keinen verdüsternden Schatten über ihr Seelenleben verbreiteten. In ihrem Privat- und Familienleben erwuchsen ihr hohe Genugthuung, Freude und Trost. Was sie in ihrer Stellung Großes gewollt, bleibt ihr Verdienst, unbeschadet ob Erfolg ihr beschieden war. Wer aber möchte am Ende eines solchen Lebens nicht hoffend des Trostwortes der Schrift gedenken: "Die in Thränen säen, werden in Freuden ernten."

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