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Nach dem Tode Kaiser Friedrichs verlor die Kaiserin eine Zeitlang alle
Hoffnungen, alle Wünsche. Das Leben ohne ihren Gatten dünkte sie leer
und bitter. Sie sehnte sich nur nach Einsamkeit und Frieden, aber kaum
hatte der Kaiser seine Augen zum letzten langen Schlaf geschlossen,
als ein so heftiger Feldzug gegen die Kaiserin eröffnet wurde, wie ihn
nur wenige zu erleiden gehabt haben.
Die Kaiserin war tief bekümmert, daß ihr Sohn kaum seinem Schmerz über den Tod seines Vaters Ausdruck verlieh und den Eindruck machte, als hielte er sein Andenken in geringer Achtung. Vater und Sohn Bismarck folgten der kaiserlichen Führung und verletzten die Kaiserin Friedrich, indem sie den Namen des Toten verächtlich machten. Graf Herbert übertraf seinen Vater an Bösartigkeit und sprach vom Kaiser Friedrich als einem "Alpdruck" und "einem unpraktischen Phantasten". In einer Unterhaltung mit dem Prinzen von Wales gab er unzweideutig der Meinung Ausdruck, daß "ein Kaiser, der nicht sprechen könne, auch nicht imstande sei zu regieren". Der Prinz von Wales gestand später dem Fürsten Hohenlohe (später deutscher Reichskanzler), daß es ihm in diesem Augenblick sehr schwer geworden wäre, sein Temperament zu zügeln. Bismarck wurde nun wieder allmächtig; keine Erniedrigung, kein Schmerz wurde der Kaiserin weder vom Kanzler noch von dessen neuem Herrn erspart. Sobald es bekannt wurde, daß Kaiser Friedrich im Sterben lag, wurde heimlich eine Postenkette um Friedrichskron gezogen, damit keinerlei Dokumente ohne die Kenntnis des neuen Kaisers aus dem Schlosse entfernt werden könnten. Der Oberhofmeister verkündete schnell den Befehl, "niemand im Schloß, auch kein Arzt darf nach außen korrespondieren... Will einer der Ärzte das Schloß verlassen, so wird er verhaftet". Die Kaiserin und ihr Gefolge standen unter Bewachung. Unmittelbar nach dem Tod des Kaisers Friedrich veränderte sich die Szene, "es schien, ein König sei ermordet, sein Feind und Nachfolger habe alles vorbereitet, um von der neuen Herrschaft Besitz zu ergreifen. 'Im Laufschritt hatten sich Abteilungen des Lehrbataillons dem Schlosse genähert, planmäßig wurden rings um die Sockelterrasse Posten mit geladenem Gewehr aufgestellt. Der Major von Natzmer, der bisher einer der Eindringlinge gewesen, hatte im Moment des Todes sein Pferd zur Hand und jagte um das Schloß herum, Orders verteilend, die Posten revidierend. Plötzlich erschienen im Trab die Gardehusaren, Abteilungen legten sich vor alle äußeren Eingänge des Parkes, das Schloß war militärisch hermetisch verschlossen.' Als auf Beschluß der Ärzte Virchow zur Sektion geladen werden soll und der Generalarzt die Depesche wegbringen will, ruft ihm an der Terrasse der Posten ein Zurück! zu, sonst würde er ihn verhaften. Wer das Schloß verlassen wollte, brauchte einen Geleitschein vom ersten Adjutanten des neuen Herrn, Telegramme sein Visum." Vergebens wandte sich die Kaiserin Friedrich bittend an den jungen Kaiser; ebenso vergebens ersuchte sie Bismarck nach des Kaisers Tode, ihr eine Unterredung zu gewähren. Bismarcks kurze und unfreundliche Antwort lautete, daß er keine Zeit hätte, da er vollständig mit Arbeiten für seinen neuen Herrn beschäftigt sei. Am folgenden Tage begab sich die Kaiserin mit ihren drei Töchtern fluchtartig auf ihr Gut bei Bornstedt und schrieb am 18. Juni an Königin Victoria:
"Ich bin mit meinen drei lieben Töchtern hierher auf unser kleines Gut
geflohen - ihre Erzieherinnen, Frau von Stockmar und drei andere, mir
befreundete Damen sind mitgekommen.
Nun wird man ihn begraben! - und ihn aus dem lieben Hause, in dem er
geboren wurde, in dem er gestorben ist, in dem wir fast dreißig
glückliche Sommer verbracht haben, das wir als unser Heim
betrachteten, hinaustragen. Wie froh und stolz war er, als er es zum
ersten Male sein Eigen nannte. Wieviel Pläne faßte er zu seiner
Vervollkommnung und Verschönerung! Er hat nur kurze vierzehn Tage der
Krankheit und Schwäche in ihm verbracht, aber er war von Liebe und
Sorgfalt umgeben, wurde mit aufopfernder, zärtlichster und
hingebendster Mühe gepflegt - und jetzt hat er es für immer
verlassen!! Mein Gott, warum durfte ich nicht mit ihm gehen - warum,
ach, warum diese Trennung? Du hast es ertragen, ich muß es auch
ertragen! Es ist weder recht noch dankbar, gegen Gottes Entscheidung
zu murren: Aber grausameres Leiden ist niemals einer Menschenseele
auferlegt worden, als ich es jetzt zu tragen habe!
An diesem traurigen Tage, der einst ein glorreicher Siegestag war
(Waterloo), als Deutsche und Engländer Seite an Seite fochten, wurde
mein lieber, süßer kleiner Sigismund von uns genommen! Wir waren
getrennt, so daß ich die bitteren Stunden allein erleben mußte, und
ich erinnere mich gut, daß ich froh war, weil seinem gütigen und
zärtlichen Herzen das Miterleben des schrecklichen Todeskampfes
erspart blieb. Nun läuten dieselben Glocken wieder. Sind sie wirklich
für ihn, den Guten, Vornehmen, Tapferen, Geduldigen, Ausharrenden,
Reinen und Gütigen?!! Solche Männer sollten nicht sterben -ich glaube,
sie haben kein Recht dazu. Man braucht sie in dieser traurigen Welt,
aber sie haben viel zu leiden!!
Ich habe Deinen lieben Brief erhalten, mit hierher genommen und lese
ihn mit dankbarem Herzen. Deine Liebe und Dein Mitgefühl tun meinem
blutenden, schmerzenden, gebrochenen Herzen
gut und trösten mich! Ja, Du hast recht, Dein Gatte, einer der
wunderbarsten Menschen, hat Dich allein gelassen, aber es war Dir
gestattet, sein Werk fortzusetzen, Du konntest leben mit den Gedanken
an ihn und seinen Dich erleuchtenden und führenden Geist - Du durftest
für dieselben Aufgaben und Pflichten leben, für die er gelebt hatte.
Ich aber sehe, daß andere seinen Platz einnehmen und weiß, daß sie ihn
nicht ausfüllen können, wie er es vermocht hätte. Ihre Ziele und
Wünsche, ihre Grundsätze sind andere; das ganze Volk fühlt mit mir,
mit Ausnahme derjenigen, die uns nicht liebten und uns feindlich
entgegenstanden - dreißig Jahre lang. Sie haben nun die Macht!
Ich verschwinde mit ihm. Meine Aufgabe war, bei ihm, für ihn und für
sein liebes Volk dazusein. Sie liegt in demselben Grabe, in das er
heute gesenkt werden wird! Meine Stimme wird für immer verstummt sein!
Ich fürchtete mich nicht, sie zu erheben - für die gute Sache - für
ihn!
Ich hätte an seiner Seite weitergefochten! Wir hatten eine Aufgabe,
das fühlten und wußten wir - wir waren Papas und Deine Kinder! Wir
waren dem treu, was wir als Recht erkannt hatten, an das wir
glaubten. Wir liebten Deutschland - und wünschten es stark und groß zu
sehen, nicht nur durch das Schwert, sondern in allem, was
Gerechtigkeit, Kultur, Fortschritt und Freiheit bedeutete. Wir
wünschten das Volk glücklich und frei, in Wachstum und Entwicklung
alles Guten zu sehen. Wir haben uns eifrig bemüht, zu lernen, zu
studieren und uns für die Zeit vorzubereiten, die uns zum Werk an der
Nation rufen würde. Viel Erfahrung hatten wir gesammelt! Bitter hart
erkaufte Erfahrungen!!! Und nun ist alles umsonst gewesen. Es ist
wirklich grausam, daß er, der keine anderen Gedanken hatte, als
gerecht zu sein, anderen zu helfen, Frieden zu stiften, Wunden zu
heilen, Tränen zu trocknen und Gutes zu tun, von uns genommen, daß die
Hand gehemmt worden ist, die so gern arbeitete, daß das Auge sich
schließen mußte, das allen, die ihm nahten, so gütig
entgegenleuchtete.
Wohin ich gehen soll, wo mein Heim sein wird, weiß ich nicht und
kümmere mich auch nicht darum. Ich bin seine Witwe, das genügt mir!
Meine drei lieben Töchter empfinden wie ich; sie liebten ihn so
zärtlich wie ich und werden mich nicht verlassen, bis sie ihre eigenen
Heimstätten gefunden haben werden. Er segnete Vicky und schickte
Sandro seinen Segen; er trug mir auf, an den Prinzen Alexander zu
schreiben, er schrieb selber an Willy und
sprach zu unseren Freunden - und wir werden stumm und geduldig warten,
bis wir wissen, ob Wilhelm seines Vaters Bitten nachkommen, seine
Wünsche achten und seine Absichten ausführen wird?! Es hat keinen
Sinn, eine Natur wie seine zur Eile anzutreiben. Jetzt wirst Du keinen
Grund haben, gegen uns zu sein oder uns nicht zu helfen, wenn die
richtige Zeit kommt. Wir haben keinen politischen Einfluß mehr. Wie
mein Fritz Dich liebte! Neulich küßte er Dein Bild, sein ganzes
Gesicht verklärte sich und war von Lächeln erhellt, wenn ich Stücke
aus Deinen Briefen vorlas. Die gute Mama! Wie liebt man sie! - sagte
er immer und war so froh, wenn Du ihm Botschaften sandtest. Er liebte
und bewunderte England, war stolz, dort geachtet und Dein
Schwiegersohn zu sein. Er wäre ein wahrer treuer Freund und
Bundesgenosse gewesen. Sein eifrigstes Bemühen war, die beiden Länder
einander so nahe als möglich zu bringen. Ich bin sicher, daß das
britische Volk, das wahr und frei und edel ist, ihn nicht vergessen
wird!!
Ich muß jetzt schließen - mein Kummer übermannt mich, und ich kann
nicht richtig schreiben. Lebe wohl, lebe wohl."
Dieser Brief bestätigt die Tatsache, daß die Kaiserin kein Wort des Vorwurfes oder der Klage von ihren Lippen fallen ließ, obgleich sie durch das Benehmen ihres Sohnes auf das tiefste verletzt sein mußte. Schweigend trug sie ihre Erniedrigung. Einer der Wünsche des sterbenden Kaisers Friedrich war, daß sein Sohn der Hochzeit der Prinzessin Victoria mit dem Prinzen Alexander von Battenberg keine Hindernisse in den Weg legen solle. In seinem vom 12. April datierten letzten Willen hatte der Vater geschrieben: "Für den Fall, daß ich ... aus dieser Zeitlichkeit abberufen würde, will ich als meine ausdrückliche Willensmeinung erklärt haben, daß ich mit der Vermählung Deiner zweiten Schwester mit ... Prinz Alexander von Battenberg, mich einverstanden erkläre. Ich lege es Dir als Kindespflicht auf, diesen meinen Wunsch, den Deine Schwester Victoria seit so vielen Jahren im Herzen trägt, auszuführen ... Ich rechne darauf, daß Du Deine Pflicht als Sohn erfüllst, indem Du meinen Wunsch genau achtest und als Bruder Deiner Schwester Deine Hilfe nicht entziehst." Der Sohn zeigte seine Achtung für die Wünsche seines sterbenden Vaters nicht nur dadurch, daß er die Verlobung auflöste - ein Vorgehen, bei dem er sich auf Bismarcks Einspruch stützen konnte -, er bezog sich in seinem Erklärungsbrief an Prinz Alexander auch auf den "bisher von meinem hochseligen Herrn Großvater und Vater innegehabten Standpunkt". Wenige Tage später kehrte die Kaiserin nach Friedrichskron zurück. Hier erwartete sie eine neue Kränkung, da ihr Sohn, der neue Kaiser, sie wissen ließ, er wünsche nicht, daß der Name seines Vaters in der Bezeichnung des Schlosses ein bleibendes Denkmal fände; der frühere Name "Neues Palais" solle wiederhergestellt werden. In dieser Weise wurden alle Wünsche des toten Kaisers mißachtet. Am 25. Juni eröffnete Kaiser Wilhelm das erste Kaiserliche Parlament seiner Regierung mit dem allergrößten Pomp und versprach in seiner Thronrede, "dieselben Wege zu wandeln, auf denen Mein hochseliger Herr Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hat". Es gab viele, die diesen Ausspruch so auslegten, daß der Kaiser nicht im Sinne habe, irgendwelche Wünsche oder liberalen Ideen seines Vaters auszuführen; in seinem Buche "Ereignisse und Gestalten" bekräftigt er diese Ansicht selbst, denn er sagt: "Meine Tragik im Falle Bismarck liegt darin, daß ich der Nachfolger meines Großvaters wurde, also gewissermaßen eine Generation übersprang." Am 29. Juni schrieb die Exkaiserin vom Neuen Palais aus ihrer Mutter:
"Ich verbringe Stunden der tiefsten Bedrücktheit; ein Gefühl der
Verzweiflung kommt über mich, denn immer wieder werfe ich mir vor, daß
ich nicht genug für ihn getan habe und nach
Ostpreußen gereist bin, als seine Tage gezählt waren. Dann empfinde
ich heiße Empörung und Widerwillen gegen die schimpfliche Sprache und
das Benehmen gewisser Leute, fühle dann aber, wie wenig das alles
gegen die Tränenflut und die Trauer, die treue Liebe, Verehrung und
Bewunderung bedeutet, die Tag für Tag aus dem Herzen der Nation
aufsteigen. So werde ich hin und her gerissen. Mancher Stich schmerzt
mich sehr, aber ich versuche, ihn sobald wie möglich zu vergessen. Ich
schließe meine Augen und Ohren vor der offiziellen Welt und glaube,
daß dies der einzige Weg ist, nicht den heftigsten Zorn über W. zu
empfinden. Ich bin nur allzu bereit, Nachsicht gegen ihn zu üben, wenn
ich an die erbärmlichen Freunde denke, die er hat, und an all den
Unsinn, mit dem sein Kopf planmäßig vollgestopft worden ist.
Ich sah gestern Sir Edward Malet. Über meine Pläne ist noch nichts
bestimmt. Ich kann keine fassen, ehe das Testament nicht ausgeführt
worden ist und ich nicht weiß, welchen Wohnort ich hier haben kann,
welches Haus mir als mein persönliches Eigentum angewiesen wird. Zwei
sind mir angeboten worden, die mir sehr gut passen würden; es müssen
aber noch Erkundigungen über die Bedingungen usw. eingezogen werden.
Ich beschäftige mich jeden Tag damit, Fritzens Zimmer allmählich in
den Zustand zu versetzen, den sie vor seiner Krankheit hatten, da ich
unser liebes Haus aufgeben muß. Ich möchte nicht, daß andere Leute
alles auf den Kopf stellen. Es ist ganz verlassen und still, aber die
Ruhe, so traurig sie auch ist, tut mir gut.
Das ganze Getue und den Prunk bei der Reichstagseröffnung hielt ich
für sehr töricht, dumm und unangebracht ... All das bedeutete, Fürst
Bismarck wünschte zu zeigen, wie entzückt er über den Anbruch einer
neuen Ära sei, die so viel mehr seinem Geschmack entspricht als die
drei Monate der Herrschaft Fritzens. Natürlich findet diese Empfindung
ein lautes Echo. Fritz von Baden, der die Eitelkeit hat, sich als
Führer aller dieser Dinge aufzuspielen, und das Kaiserreich gern
fördert, sieht nicht ein, wie sehr er bei all diesen Gelegenheiten in
Bismarcks Hände spielt; ebenso handeln die meisten deutschen
Fürsten. Von alledem, worüber man Bände schreiben könnte, will ich
schweigen..."
Königin Victoria begrüßte diese freimütigen Äußerungen ihrer Tochter und machte es dem neuen Kaiser bald klar, daß sie, wenn nicht seine Handlungsweise so doch zum mindesten die Handlungsweise derjenigen seiner Berater mißbilligte, die ihn in seiner rücksichtslosen Haltung bestärkten. Besonders erregte der General von Winterfeld ihren Unwillen, der von Kaiser Wilhelm nun nach Windsor entsandt war, um die Thronbesteigung des deutschen Herrschers anzuzeigen. Die Wahl eines solchen Mannes als Sondergesandten - Winterfeld war einer derjenigen gewesen, die den frühen Tod des Kaisers Friedrich mit besonderer Genugtuung zu begrüßen schienen - erfüllte die Königin Victoria mit Unbehagen; der Empfang, den sie dem General zuteil werden ließ, kann kaum als herzlich bezeichnet werden. Wenige Tage später, am 4. Juli, schrieb Oberst Leopold Swaine, der britische Militärattaché in Berlin, an den Privatsekretär der Königin, Sir Henry Ponsonby:
"... Der junge Kaiser sprach heute morgen mit mir über den kalten
Empfang seines Spezialgesandten, General von Winterfeld, in
Windsor. Nach dem, was zwischen uns in der Gemäldegalerie vorgegangen
war und was Sie mir in Ihrem ersten Briefe mitgeteilt hatten, hoffte
ich, daß es anders gewesen sein würde. Aber leider war es nicht
so. Der Kaiser ist sehr beleidigt. Ich entnehme dem Gespräch mit ihm
nach der heutigen Parade, daß er sich mehr als Enkel denn als
deutscher Kaiser behandelt sieht. Ich hoffe, er wird es diesmal nicht
weiter ahnden, bin aber doch deswegen sehr besorgt, denn viele seiner
Ratgeber, die seine Empfindung teilen, sind bereit, es ihm zu
empfehlen. Niemand bemüht sich mehr als Malet, ein gutes Einvernehmen
zwischen den beiden Ländern herzustellen, und es heißt wirklich, ihm
den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn alles, was er tut, durch
unseren Hof untergraben wird.
Ich weiß, daß Sie alles tun, um Öl auf die unruhigen Wasser zu
gießen, und Sie werden aus dem, was ich Ihnen mitteile, erkennen, wie
notwendig es ist, es bei jeder Gelegenheit immer wieder zu tun. Ich
bin über die unglückliche Wendung, welche die Dinge genommen haben,
ganz betrübt und möchte von hier wegkommen."
Dieser Brief wurde der Königin Victoria übergeben, die folgende lakonische Bemerkung anfügte "Die Königin wünschte, daß der Empfang kalt sein solle. Sie hat den General zuletzt als Adjutanten ihres Schwiegersohnes gesehen. Bei seiner Anwesenheit hatte er kein Wort der Trauer über des Kaisers Tod und freute sich über die Thronbesteigung seines neuen Herrn." Sir Henry Ponsonby benutzte diese Bemerkung als Unterlage für seine Antwort an Oberst Swaine; der junge Kaiser erfuhr bald, daß, wenn er auch in Deutschland tun konnte, was er wollte, es notwendig war, vorsichtig zu sein, wenn die Königin Victoria im Spiel war. Königin Victorias Antworten auf die Briefe ihrer Tochter brachten der Exkaiserin keinen geringen Trost, aber der Becher ihres Leidens war noch nicht voll. Es war nicht genug, daß sie sich von aller aktiven Beteiligung an den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte, nicht genug, daß sie allein zu bleiben wünschte; jetzt wurde rachsüchtig mit ganzer Kraft ihre frühere Einmischung ins Feld geführt. Alle ihre Taten während der Krankheit des Kaisers Friedrich wurden nun mit dem Vergrößerungsglase untersucht. Am 5. Juli schrieb sie an ihre Mutter:
"Tausend Dank für Deinen lieben Brief vom 3. (dem Tag der Schlacht bei
Königgrätz). Es ist so freundlich von Dir, so oft zu schreiben, und
ich bin sehr dankbar dafür! Meine Tage gehen trübe hin, der Schmerz
wird nicht geringer, und ich habe viele Stiche auszuhalten. Der ganze
neue Hof, seine Handlungsweise usw. verletzen natürlich meine
Empfindungen! Es wäre falsch, wenn ich anderen wünschen möchte, sich
ebenso elend zu fühlen wie ich mich fühle; aber es ist im höchsten
Grade schmerzlich, sie voller Leben und Hoffnungen an dem Platz zu
sehen, den er ausfüllen sollte, während sie ihm so ungleich und ganz
unfähig sind, ihn oder mich zu verstehen.
Gestern verabschiedeten sich erst alle Minister von mir, darauf die
Flügeladjutanten, dann eine Abordnung der Frauen Berliner Künstler,
die es sehr gut meinen! Da ich während dieser Audienzen meinen
Schleier trage, können sie glücklicherweise mein Gesicht nicht sehen.
Die Sprache der offiziösen Presse, der Norddeutschen Allgemeinen, der
Kreuzzeitung und der Post ist weiterhin schamlos und schimpflich!!!
Aber die überwiegende Mehrzahl der deutschen Zeitungen ist sehr
freundlich!
Bergmann, der meinem armen Liebling so viel Schmerzen zufügte, wird
immerfort von Wilhelm empfangen und hat von ihm den Auftrag bekommen,
einen Bericht über Fritzens Krankheit zu schreiben. Ich bat Wilhelm,
diesen Zwist ruhen zu lassen, da er mir viel Kummer verursachte und
nutzlos sei, aber er hat von meinen Worten keine Notiz genommen.
Fürst Bismarck hat nicht darum ersucht, mich zu sehen, sich zu
verabschieden oder sein Beileid auszusprechen!
Mir ist ein schönes Haus am Rhein angeboten worden, das ich sehr gerne
haben würde, aber ich fürchte, ich besitze nicht das Geld, um es zu
kaufen, obgleich die Krone etwas dazu beisteuern würde, da es Fritzens
Absicht war, mir eine gewisse Summe zu geben, um mir ein Heim zu
schaffen! Ich glaube nicht, aus verschiedenen Gründen, die ich Dir
nicht erklären kann, daß es außerhalb Deutschlands sein darf.
Vieles würde Dir Dein Herz zerreißen, wenn Du wüßtest, was ich
durchgemacht habe. Ich werde Fritz entsetzlich vermissen, da ich
niemand habe, auf den ich mich stützen kann. Der König von Sachsen,
Ludwig und Fritz von Baden sind zu sehr darauf bedacht, mit der
gegenwärtigen Regierung auf gutem Fuße zu stehen, um gerecht oder
unparteiisch zu sein.
Die Regierungspartei wünscht alle Spuren von Fritzens Regierung als
eines unwichtigen Zwischenspiels auszulöschen, dessen Geist sie für
nicht zu rechtfertigen halten. Wilhelm II. folgt Wilhelm I. - so
werden das System, die Ziele und die Tradition lückenlos
fortgesetzt. Friedrich III. hätten sie sich unterwerfen müssen, aber
die Vorsehung hat ihn glücklicherweise hinweggenommen, bevor er Zeit
hatte, seine Spuren dem deutschen Kaiserreich aufzudrücken; je früher
er vergessen ist, um so besser, und je eher seine Witwe verschwindet,
desto besser ist auch das. Sie wissen ganz genau, wie wenig dies mit
den Gefühlen des deutschen Volkes im Einklang steht, sonst würden sie
sich nicht so viel Mühe geben, ihr Ziel zu erreichen! Da diese Leute
Freunde von Wilhelm und Dona sind, sind ihre Ziele nicht leicht zu
durchschauen, und Willy und Dona würden empört sein, wenn sie
durchschauen könnten, wie es wirklich ist. Andrerseits aber sind ihre
Ansichten im allgemeinen genau diejenigen der Partei, die uns so viele
Jahre hindurch be
bekämpft und verletzt hat; die Kaiserin Augusta und Luise von Baden
verschließen ihre Augen vollkommen, so daß sie diesen Tatsachen
gegenüber völlig blind sind. Ich bin froh, so wenig wie möglich davon
zu sehen und zu hören, und verhalte mich fast ganz gleichgültig, so
tief und stark mein Widerwillen und meine Verachtung gegenüber diesen
Leuten und ihrer Handlungsweise bleibt, so groß ist meine Dankbarkeit
für all die ergreifende Sympathie und Liebe aus den Kreisen, zu deren
Bestem Fritz zu arbeiten und zu leben bemüht war."
Am 12. Juli schrieb die Kaiserin an ihre Mutter: "Ich habe erfahren, daß ein neuer Schlag gegen mich geplant ist; der schon in der 'Kölnischen Zeitung' angedeutet wird - das Publikum soll glauben, ich hätte versucht, Ernst von Cumberland den Thron von Hannover wieder zu verschaffen. Es ist so lächerlich, daß kein vernünftiger Mensch solchen Unsinn glauben kann. Es wird aber schon halb für richtig gehalten, da das Gerücht aus der Wilhelmstraße aufsteigt. Vermutlich werden. sie einige Schwierigkeiten haben, so etwas zu beweisen. Das hält sie aber nicht von dem Versuch ab, 'Nur kühn verleumden! Etwas bleibt immer haften' - nach diesem Grundsatz handeln sie." Aus einem Briefe, den die Schwester der Kaiserin, Prinzessin Christian, am 4. August 1888 an Lady Ponsonby schrieb, können wir ersehen, wie die Kaiserin ihr Unglück trug. Der Brief lautet:
"Ich hielt es für das beste, Ihnen erst einen Geschäftsbrief und dann
einen anderen wegen meiner geliebten Schwester zu schreiben. Gott sei
Dank kann ich Ihnen im großen ganzen Gutes über sie berichten. Ihre
Gesundheit ist, wenn man in Betracht zieht, was sie durchgemacht hat,
zufriedenstellend, aber ihre Nerven sind so angegriffen, daß sie sich
oft elend und krank fühlt, wenn sie es in Wahrheit gar nicht ist. Sie
scheint es nicht gern zu hören, daß sie ganz gut oder besser aussähe,
als man erwarten könne. So mache ich niemals eine Bemerkung
darüber. Infolge des schrecklichen feuchten Wetters und der dauernden
Regenfälle hat sie sich einen schlimmen Rheumatismus zugezogen, der
ihr viel zu schaffen machte, aber ich bin froh, sagen zu können, daß
es ihr heute besser geht. Sie ist sehr gealtert, manchmal ist ihr
Gesicht schmerzlich verzogen, aber sonst ist sie unverändert.
Es ist sehr ergreifend, mit ihr zusammen zu sein, und meine
Bewunderung für sie kann ich nicht in Worte fassen. Ich habe nie eine
so tapfere Frau gesehen, denn obgleich sie niedergeschlagen ist, mit
gebrochenem Herzen eine Last von Sorge und Leid zu tragen hat, wie es
wenigen beschieden ist, rafft sie sich immer wieder zusammen und ist
entschlossen, allem, was auch kommen mag, ins Gesicht zu sehen; dabei
denkt sie die ganze Zeit nur daran, wie sie anderen helfen und Gutes
für ihr Land tun kann.
Manchmal überläßt sie sich entsetzlichen Schmerzausbrüchen, aber
gewöhnlich ist sie sehr still und ruhig, manchmal sogar heiter und
interessiert sich für alles, was vorgeht.
Oft kann ich kaum meine Tränen zurückhalten, wenn ich ihr liebes
Gesicht mit dem Ausdruck des Schmerzes und Leidens vor mir sehe.
Ihre Pläne für die Zukunft sind ganz ungewiß; sie hat vorläufig noch
keine Ahnung, wo sie ihr Heim aufschlagen wird. Sie hat das Palais in
Berlin, aber das ist alles; vielleicht darf sie das Schloß in Homburg
oder Wiesbaden benutzen! Sie möchte gerne etwas finden, das ihr allein
gehört und nicht Eigentum der Krone ist. Verschiedene Häuser sind
ihr, angeboten worden, aber sie hat sich noch für keines entscheiden
können. Ich werde sehr froh sein, wenn sie es getan hat, denn die
Ungewißheit ist sehr quälend.
Der junge Kaiser ist zurückgekommen und war soweit sehr nett und
freundlich mit seiner Mutter, aber natürlich tut er tausenderlei
Dinge, die sie verletzen und schmerzen; man würde viel darum geben,
täte er es nicht. Ich bin aber sicher, daß er aus Gedankenlosigkeit,
bestimmt nicht aus Absicht handelt. Ich habe mein möglichstes getan,
um beruhigend einzuwirken, und habe sie inständigt gebeten, ihn mehr
in ihr Vertrauen zu ziehen, was sie leicht tun kann, wenn sie ihn in
Kleinigkeiten um Rat fragt. Das würde ihm schmeicheln und gefallen -
und sie würde unbeabsichtigt einen viel größeren Einfluß gewinnen, als
sie sich im Augenblick vorstellen kann. Ich höre von allen Seiten, daß
er gerne zu seiner Mutter freundlich und nett sein möchte und sehr
viel von ihr hält. Natürlich gibt es einen Kreis, der entschlossen
ist, ihn zu verhindern, mit seiner Mutter gut zu stehen und dessen
einziges Ziel es ist, die beiden getrennt zu halten. Trotzdem aber
hoffe ich doch, daß allmählich das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn
angenehmer werden wird. Aber Vicky hat soviel erduldet, so grausam
gelitten und ist so gequält und verfolgt worden, daß sie viel zu
vergeben hat.
Ich freue mich sehr, mit ihr zusammen gewesen zu sein; sie macht mich
glücklich, wenn sie sagt, daß ich ihr Trost und Hilfe war - ich möchte
alles tun, um ihre Bürde zu erleichtern! Liebe Mary, mein Herz ist
traurig und schwer - selbst hier kann man sich selten die schreckliche
Wahrheit vorstellen. Man vermißt ihn überall - den geliebten Fritz!!"
Neun Tage später, am 13. August, schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria: "Natürlich kränkt es mich sehr, zu sehen, wie wenig Trauer im Marmorpalais herrscht; auch manches andere billige ich nicht aber ich sage kein Wort darüber und werde es niemals wieder tun. Ich kann nicht viel Weisheit oder Klugheit entdecken, sondern nur über die Dinge seufzen, die so anders behandelt worden wären, wenn mein geliebter Fritz nur eine kleine Weile an dem Platz gestanden hätte, zu dessen Ausfüllung er so gut vorbereitet und berufen war. Mit den Jahren würde Wilhelm Erfahrung und Einsicht gewonnen und unter der Leitung seines Vaters gelernt haben, mit Verstand und Sorgfalt zu arbeiten. Deutschland sollte dieses Schicksal nicht beschieden sein. Die regierende Partei versucht in jeder Weise zu betonen, daß Wilhelm seines Großvaters und nicht seines Vaters Nachfolger ist; diese Clique brach Fritzens Herz, indem sie uns unsere Söhne entfremdete und versuchte, sie in eine andere Richtung zu bringen, die sie niemals eingeschlagen haben würden, wären sie unter unserem Einfluß geblieben! Niemand arbeitete eifriger daran und triumphiert freudiger in diesem Augenblick als die Kaiserin Augusta, so traurig zu sagen es ist. Aber meines Geliebten Name wird schnell eine Losung für das Volk, die ganze liberale und fortschrittliche Partei wird sich darum scharen! Kaiser Friedrichs Proklamation enthält alles, was sie hofften und wünschten und wofür sie arbeiten wollen. Vom Fürsten Bismarck oder von Wilhelm werden sie es niemals erhalten. All das ist so traurig!!" Die Tatsache, daß die Kaiserin sich von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte, wurde von ihren Gegnern schnell benutzt, um sie als "belanglos geworden" zu behandeln; darauf ist ein Mangel an Höflichkeit und Rücksichtnahme zurückzuführen, über den die Kaiserin sich endlich beklagte. Am 22. August schrieb sie:
"Es ist sehr seltsam, die Dinge hier zu beobachten. In meiner tiefen
Trauer und meinem alles überschattenden Leid verdrießen oder erzürnen
sie mich nicht, aber manchmal muß ich doch lächeln. Zum Beispiel: die
Kaiserin Augusta erteilt täglich Audienzen und gibt regelmäßig
Diners. Sie empfängt besonders alle, die Wilhelms Günstlinge oder von
ihm empfohlen sind! Zwischen dem Marmorpalais und Babelsberg geht ein
ständiger Verkehr hin und her. Botschaften werden gebracht - sie
fragen die Kaiserin Augusta um alles. Mein Haus ist nicht
vorhanden. Wilhelm kommt niemals, und ich werde nicht beachtet. Die
Ansicht scheint sich mehr und mehr durchzusetzen, daß ich am Hof die
Dritte bin, Du weißt, wie gleichgültig mir Rang und Etikette, Ehren
usw. sind. Aber jetzt bin ich doch oft über den Mangel an Höflichkeit
und rücksichtsvollem Benehmen gegen mich gekränkt. Ich bin vollkommen
bereit, hinter der Kaiserin Augusta wegen ihres Alters und weil sie
meine Schwiegermutter ist, zurückzustehen, aber daß ich vor meiner
eigenen Schwiegertochter zu Kreuze kriechen muß, ist sehr ärgerlich
und manchmal sogar fast komisch.
Es ist kein Geheimnis, sondern eine Tatsache, daß vom März 1887 an die
Mitglieder einer gewissen konservativen Gesellschaft laut aussprachen,
daß Fritz seinem Vater nicht folgen, sondern zugunsten Wilhelms
abdanken solle, der der einzig geeignete Nachfolger des alten Kaisers
sei; Fritz und ich sollten in einem Schloß als Privatleute leben!! Das
war ihr Wunsch! Daher auch ihre Wut, daß Fritz überhaupt regiert hat,
weil es ihr Programm verdorben hat, daher der Zorn, daß Sir M.
Mackenzie im Mai Krebs und die Unheilbarkeit nicht zugeben wollte und
gegen die Operation war. Daher ihre unaufhörlichen Bemühungen,
Fritzens Andenken zu verdunkeln und mich zu verleumden und in jeder
nur vorstellbaren Weise zu erniedrigen. Verzeih mir, daß ich Dir dies
alles schreibe, aber es ist eine Seite aus der Geschichte der Ära
Bismarck, und sie ist wahr! Alles Fremde, besonders alles Englische,
ist verhaßt, weil man in ihm liberale Absichten vermutet. Sie haben
Fritz nicht verstanden, er war zu gut, zu vornehm, zu duldsam und zu
erleuchtet. Sie hätten ihm gehorchen müssen, und wäre er stark,
kräftig und ausgeruht zur Regierung gekommen, würde er dies
unverschämte, freche, nichtsnutzige Pack in alle Winde verstreut
haben. Sie wissen das sehr gut und danken Gott, dem entgangen zu
sein. Schweigend und einsam trage ich mein Kreuz und finde es sehr
hart, sehr grausam und bitter, aber ich weiß, daß die Klugen und
Friedliebenden, die Gemäßigten und das Rechte Wollenden aller Nationen
mit mir
um einen trauern, der nicht ersetzt werden kann, und fühlen, wie groß
der Verlust für alle guten Bestrebungen ist. Unter den Liberalen habe
ich viele gute und aufrichtige Freunde, auch unter der Gelehrten,
Schriftstellern und Künstlern, aber diese Leute sind nicht laut und
nicht mächtig."
Die Kaiserin hatte drei Freunde, die sie niemals verlassen und niemals mit der Partei etwas zu schaffen gehab haben, die den toten Kaiser in jeder Weise zu verkleinern und zu verleumden suchte: das waren ihre drei jüngsten Töchter - Prinzessin Victoria, Prinzessin Sophie, die Herzogin von Sparta und Prinzessin Margarete (Prinzeß Friedrich Karl von Hessen). Bismarck gab nun seiner endgültigen Ansicht Ausdruck, daß die Ereignisse einen günstigeren Verlauf genommen hätten, wenn die deutschen Ärzte mit der Behandlung des verstorbenen Kaisers betraut worden wären. Am 24. August schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:
"Fürst Bismarcks Wunsch ist immer,, di Deutschen glauben zu machen,
daß sie angegriffen, mißhandelt, beleidigt und in ihren Interessen
verraten werden, wenn er nicht da wäre, um sie zu schützen. Viele sind
töricht, unwissend und kurzsichtig genug, um all diesen Unsinn zu
glauben; sie würden gern ihre Rechte und Freiheiten und guten
Aussichten opfern, wenn nur Fürst Bismarck bleibt und sie schützt!!!
Vor wem? Gegen was? Ich glaube wirklich nicht, daß sie es wissen!!
Herbert (Bismarck) wünscht, daß man glaubt, Fritz habe versucht,
deutsche Interessen, z. B. im Falle Elsaß-Lothringen oder Hannover, zu
opfern und daß ich die Schlange bin, die immer solche Dinge
vorschlug!! Auch daß Wilhelm ein zu ehrlicher Deutscher sei, um einer
solchen Handlung fähig zu sein!!! Ist es nicht schmachvoll, eine
solche Komödie aufzuführen? Fritz hat oft die deutschen Interessen in
den Jahren 1866 bis 1870 verteidigt, als Fürst Bismarck Mut und Nerven
verloren hatte, aber niemand weiß das jetzt, da Fritzens Lippen
geschlossen sind!! Fritzens und Fürst Bismarcks Ideen über die
deutschen Interessen stimmten nicht immer überein!! Oft taten sie es,
aber nicht immer (wie ich bereits gesagt habe).
Entschuldige, wenn meine Feder mit mir fortläuft, aber ich wünsche,
daß Du die Wahrheit weißt; das deutsche Volk wird mit Absicht blind
gemacht und mißleitet. Ein Fremder und ein Liberaler muß
notwendigerweise Deutschlands Feind und ein Verräter sein!"
Am folgenden Tage schrieb die Kaiserin noch einmal an Königin Victoria, die sie brieflich gefragt hatte, ob die Kaiserin während ihres Aufenthaltes mit dem Kaiser Friedrich (damals Kronprinz) in England im vorhergehenden Jahr anläßlich der Jubiläumsfeier irgendwelche Anzeichen von der Schwere der Krankheit bemerkt habe. Die Antwort der Kaiserin lautete:
"Du fragst mich in Deinem Brief, ob ich vor einem Jahre, als ich von
Dir Abschied nahm, beunruhigt gewesen sei. Bestimmt war ich das nicht!
Ich war zwar oft ängstlich, aber voller Hoffnung! Ich war überzeugt,
daß eine bösartige Krankheit und alles, was Gerhardt und Landgraf
vorgaben oder wirklich glaubten, gesehen zu haben, nicht vorhanden
war! Sie stellten Vermutungen über den Grund der Heiserkeit usw. an,
die sich später als wahr erwiesen, damals aber noch nicht sicher
schienen! Die Stimme wurde in Schottland und in Baveno vor dem
18. Oktober so viel besser, daß ich keinen Grund hatte, verzagt zu
sein, obgleich ich immer die Möglichkeit fürchtete.
Ich habe jetzt von zwei ganz ähnlichen Fällen gehört. Die Operation
kam nicht in Frage! Viele deutsche Ärzte wissen und sagen das, und die
besondere Falschheit Bergmanns liegt jetzt darin, Wilhelm, Heinrich,
Charlotte und dem, Publikum gegenüber zu behaupten, daß die Operation
eine Kleinigkeit gewesen wäre und Fritz gerettet haben würde, während
er anderen erzählte, daß es eine Angelegenheit auf Leben und Tod war!!
Bergmann ist dafür bekannt, daß er ungewöhnlich unehrlich ist; er
redet, wie er grade will, da er durchaus ein russischer Intrigant
ist. Wir wären niemals in diese schlimme Lage gekommen, wenn wir den
alten Langenbeck oder Wilms gehabt hätten!! Gerhardt und Bergmann
waren zusammen in Würzburg, so unterstützte der eine den anderen!! Wie
schlecht Fürst Bismarck und besonders Herbert Bismarck sich in dieser
Angelegenheit benommen haben, kann ich nicht beschreiben. Im Grunde
ist sie ihnen ganz
gleichgültig, und trotzdem halten sie es für richtig, die deutsche
Empfindlichkeit und Eitelkeit, das deutsche Nationalgefühl zu
erhitzen, um Wilhelm zu gefallen, Fritz und mir zu schaden und
Abneigung gegen alles Englische hervorzurufen.
Sie waren froh genug, daß unser Liebling nicht länger lebte, daher
geschah es nicht aus Liebe und Verehrung. Die Operation würde in der
Tat alle seine Aussichten zunichte gemacht haben, seinem Vater zu
folgen, und wir würden ihn wahrscheinlich gleich verloren haben! Ich
muß dem Fürsten Bismarck Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugeben,
daß er damals gegen die Operation war und die Einsicht und den
gesunden Menschenverstand hatte, zu sehen, wie unklug und übereilt der
Vorschlag war; er wünschte, daß alles andere vorher versucht
würde. Als er aber bemerkte, daß Fritzens Tage gezählt waren,
schwenkte er um und glaubte, daß es ihm mehr Vorteil bringen würde,
bei Willy und dem großen Publikum sich auf die andere Seite zu stellen
und Sir Morell Mackenzie niederzuschreien. Es war so verräterisch,
widrig, falsch und schamlos - gerade wie diese üblen Leute sind! Und
Wilhelm ist in ihren Händen!! ..."
Es ließ sich nun wohl merken, daß die Anhänger der Kaiserin Friedrich lebhaft wünschten, gegen die immer stärker anwachsende Zahl falscher Anschuldigungen energisch Front zu machen, indessen Vorsicht und die Furcht, dem allmächtigen Bismarck oder dem jungen und selbstgefälligen Herrscher zu mißfallen, bewog viele von ihnen zu schweigen; aber das erste Anzeichen dieser Verteidigungsabsicht von seiten einiger ihrer Freunde verursachte der Kaiserin große Befriedigung. Ungefähr zu dieser Zeit kam auch das Gerücht auf, der Prinz von Wales habe im Gespräch mit dem Grafen Bismarck seine Meinung dahin geäußert, daß er Hannover den Cumberlands zurückgeben und die Bewohner Elsaß-Lothringens mit größerer Freundlichkeit behandeln solle. Darauf gab der neue Kaiser seinem Unwillen über die angeblichen Worte des Prinzen von Wales am Schlusse einer Rede, die er in Frankfurt an der Oder hielt, als er ein Denkmal seines Verwandten, des bekannten preußischen Heerführers aus dem Kriege 1870, des Prinzen Friedrich Karl, enthüllte, heftigen Ausdruck: "Es gibt Leute, die die Kühnheit haben, zu behaupten, mein Vater wäre bereit gewesen, preiszugeben, was er zusammen mit dem verstorbenen Prinzen auf den Schlachtfeldern erobert hat. Wir, die wir ihn so gut kannten, können auch nicht einen Augenblick lang solch eine Verunglimpfung seines Andenkens ruhig mit ansehen. Er hegte sicherlich denselben Gedanken wir wir, daß nicht das Geringste von dem geopfert werden dürfe, was wir in jenen großen Tagen erworben haben... Darüber kann es überhaupt nur eine Meinung geben, daß wir lieber unsere achtzehn Armeekorps und unsere zweiundvierzig Millionen Einwohner auf dem Schlachtfeld opfern, als auch nur einen Stein von dem zurückzugeben, was mein Vater und Prinz Friedrich Karl erobert haben." Nach dieser "törichten Rede", wie die Kaiserin sie in ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 25. August nannte, "wandte er sich an General von Blumenthal und sagte: 'Ich hoffe, mein Onkel, der Prinz von Wales, wird das verstehen'". "Herbert Bismarck", fuhr die Kaiserin fort, "hatte Wilhelm erzählt, daß Bertie und Alix wünschten, Hannover würde Ernst von Cumberland zurückgegeben, und daß sie die deutsche Verwaltung in Elsaß-Lothringen kritisiert hätten; ich halte das für sehr häßlich von Herbert Bismarck." Dies Gerücht beunruhigte die Kaiserin sehr, so daß sie am 26. August an ihre Mutter schrieb:
"Vielen Dank für Dein liebes Telegramm aus Balmoral. Sicher erinnerst
Du Dich an letztes Jahr. Ich schicke Dir einen kleinen Artikel, der
mich gegen die neuen Angriffe in der offiziösen Presse
verteidigt. Warum wünschen die Bismarcks mich für Berties und Alix'
Worte über Ernst von Cumberland verantwortlich zu machen? Ich
erzählte Dir gestern, daß sie den Anschein erwecken wollen, ich hätte
Bertie und Alix aufgehetzt, was ganz töricht ist, da ich
wirklich kaum weiß, was sie gesagt haben. Ich bin sicher, sie meinten
es sehr gut, aber nun ist es ziemlich unheilvoll, daß überhaupt etwas
gesagt wurde, da die Bismarcks es als Waffe gegen mich gebrauchen. Sie
haben es nicht allein Wilhelm übermittelt und ihn veranlaßt, die
törichte Rede in Frankfurt zu halten, sondern haben es auch durch die
Norddeutsche und die Kölnische Zeitung verbreiten lassen, um mir zu
schaden; so glaubt man es weit und breit. Ich bin an alledem ganz
unschuldig; die liberale Presse läßt sich natürlich nichts vormachen,
aber alle anderen tun dies. Es ist wirklich ziemlich töricht, von
Intrigen meinerseits für die dänischen Wünsche zu sprechen, da Fritz
und ich alles, was wir konnten, für die schleswig-holsteinschen und
nicht für die dänischen Ansprüche taten, und damals deswegen
angegriffen und verfolgt wurden. Ich schäme mich wirklich über so
dummes Zeug, aber den Bismarcks und Wilhelm nützt es in den Augen
weiter Kreise Deutschlands. Ihr Überpatriotismus hat wieder eine feine
Reklame; Mißtrauen wird gegen mich gesät, und Zweifel werden an
Fritzens Absichten geknüpft.
Es ist ein häßliches Spiel, hat aber bei einer gewissen Art von Leuten
immer Erfolg."
Die Wahrheit, die diesem Gerücht zugrunde lag, kam wie gewöhnlich erst langsam an den Tag. Folgendes war geschehen: Der Prinz von Wales, der immer die hochgespannten Ziele und die Ehrenhaftigkeit des Kaisers Friedrich bewundert hatte, glaubte mit Recht oder Unrecht, daß dieser die Zurückgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich und Schleswigs an Dänemark in Betracht gezogen habe; ferner glaubte er, es sei seine Absicht gewesen, dem Herzog von Cumberland, der die jüngste Schwester der Prinzessin von Wales geheiratet hatte, das Privatvermögen der königlichen Familie von Hannover wiederzugeben, das nach dem Kriege von 1866 von Preußen eingezogen worden war. Während des Besuches in Deutschland, anläßlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für Kaiser Friedrich, fragte der Prinz von Wales den Grafen Herbert Bismarck, ob an solchen Absichten des Kaisers Friedrich etwas Wahres sei. Graf Herbert hinterbrachte die Frage sofort seinem Vater - aus der Frage war aber ein Vorschlag geworden. Es war nicht unnatürlich, daß Graf Herberts Lesart den neuen Kaiser erzürnte, der seinerseits die Sache so auffaßte, als ob der Prinz von Wales Deutschland vorgeschlagen habe, alles zurückzugeben, was es während des letzten Vierteljahrhunderts rechtmäßig erobert hatte. Sobald die ausgeschmückte Lesart zu den Ohren des Prinzen von Wales kam, bezeichnete er sie als "positive Lüge". Er habe den Grafen Bismarck gefragt, "ob Fritz gewünscht hätte, die Provinzen Elsaß und Lothringen wenn möglich zurückzugeben". Und Graf Herbert habe geantwortet: "Das ist ein grundloses Gerücht"; der Prinz fügte hinzu: "Damit endete die Sache." Von Schleswig und der königlichen Familie von Hannover hatte er ganz nebensächlich gesprochen, wie er am 3. April 1889 an Prinz Christian schrieb. Bismarck aber war nicht gesonnen, sich eine so gute Gelegenheit entgehen zu lassen, und der heftige Feldzug gegen die Kaiserin Friedrich begann mit neuer Kraft. Man ließ durchblicken, sie habe den Prinzen von Wales angestachelt, den deutschen Stolz in dieser Weise zu verletzen, und daß sie im letzten Grunde nur "eine Engländerin" sei, die nach den nationalen Wünschen und dem militärischen Ruhm des deutschen Kaiserreiches nichts frage. |