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Bismarcks Sturz, so groß auch sein Einfluß auf das Geschick
Deutschlands sein mochte, brachte für den Augenblick in das Leben der
Kaiserin Friedrich wenig Veränderung. Allerdings hatte sie nun an der
Spitze der deutschen Regierung keinen hartnäckigen Feind mehr, denn
der neue Kanzler, General von Caprivi, enthielt sich wohlweislich
jeder Einmischung in Dinge, die außerhalb seines Amtsbereiches
lagen. Ihr Sohn, Kaiser Wilhelm, zeigte, obgleich er vom Einfluß
Bismarcks nun frei war, wenig Zeichen einer freundlicheren Haltung
gegen sie; in allen anderen Beziehungen blieb ihre Lage
unverändert. Ihrerseits hielt die Kaiserin ihre Gewohnheit, sich nicht
in Staatsangelegenheiten zu mischen, aufrecht und beschäftigte sich
mit den vielen Wohltätigkeitswerken, an denen sie stets den
lebhaftesten Anteil gehabt hatte, sowie mit künstlerischen Dingen, die
ihr viel Freude machten. Eine Form ihrer künstlerischen Tätigkeit
zeigte sich im Bau eines Hauses nach ihrem eigenen Herzen; in Kronberg
hatte sie ein Grundstück mit einer Villa und einigen Morgen Land von
Dr. Steibel, dem Schwiegersohn eines Fabrikanten Reiss aus Manchester,
erworben, der dem Hause den Namen "Villa Reiss" gegeben hatte.
Angrenzende Liegenschaften wurden ebenfalls gekauft, so daß der Besitz
auf etwa zweihundertfünfzig Morgen gebracht wurde. Die "Villa Reiss"
wurde fast ganz
niedergerissen; an ihrer Stelle erhob sich allmählich ein
vorbildliches "Königliches Haus", das über dem Haupteingang die
Inschrift "Friderici memoriae" trug. Das Haus war von dem berühmten
deutschen Architekten Ihne entworfen worden, wurde aber vom Publikum
in Deutschland eher als ein englisches Landhaus, denn als deutsches
Schloß angesehen; in dieser Ansicht lag einige Wahrheit, denn der
Architekt war von der Kaiserin angewiesen worden, nach England zu
gehen und dort modernere Hausbauten zu studieren. "Friedrichshof", wie
die neue Residenz der Kaiserin genannt wurde, war erst im Jahre 1893
fertig; von 1889 bis zu diesem Jahr waren Pläne, Einrichtung und
Ausbau ihres Hauses für die Kaiserin eine Quelle ständiger
Anteilnahme. Hier brachte sie nun ihre reichen Kunstschätze, die sie
erworben hatte, unter; man hatte vollkommen recht, wenn man die
Galerien und Salons des Erdgeschosses mit den besten deutschen Museen
verglich. Hier in Kronberg gewann die Kaiserin unter den Einwohnern
bald zahlreiche wahre Freunde und begann nach kurzer Zeit von ihnen
etwa in derselben Weise angesehen zu werden, wie man in Balmoral auf
die Königin Victoria blickte.
Das zurückgezogene Leben der Kaiserin in Kronberg schien den Entschluß, ihren Feinden keinen Grund mehr zu dem Vorwurf zu geben, daß sie sich in politische Angelegenheiten mischte, zu betonen; trotzdem nahm sie weiter an allen Dingen, die das Wohlergehen Deutschlands und ihres Geburtslandes betrafen, den lebhaftesten Anteil. Insbesondere richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Verhalten ihres Sohnes, des Kaisers Wilhelm; als er am 6. Mai 1890 den neuen Reichstag mit einer Rede eröffnete, in der er achtzehn Millionen Mark für die Vergrößerung des deutschen Heeres forderte, während er zu gleicher Zeit seine heiße Friedensliebe aus sprach, schrieb die Kaiserin vier Tage später an die Königin Victoria: "... Die Rede zur Reichstagseröffnung hat in diesem Teile Deutschlands viel Enttäuschung hervorgerufen. Das Publikum war nicht nur erstaunt, weil der Ministerwechsel nicht erwähnt wurde, sondern weil auch viele andere Dinge, auf die man gehofft und die man erwartet hatte, nicht ausgesprochen worden sind, wie z. B. der Entschluß, das Sozialistengesetz nicht zu erneuern, die Rückerstattung des Welfenfonds, die Abschaffung der schlimmen und unnötigen Paß-Scherereien im Elsaß an der französischen Grenze; alles richtige und nützliche Unternehmungen, die Fritz immer ausführen wollte und die die gegenwärtige Regierung stärken und volkstümlich machen könnten, obgleich sie an sich keine großen Neuerungen bedeuten.. ." Es schien indessen so, als ob Kaiser Wilhelm immer noch vorhätte, alles was der Kaiser Friedrich geplant oder gewollt hatte, mit Nichtachtung zu übergehen. Es war daher eine erfreuliche und sie tief berührende Erfahrung, als die Kaiserin Friedrich hörte, daß die Stadt Berlin das Andenken ihres Gatten durch ein zu seinem Gedächtnis zu errichtendes Denkmal ehren wollte. Kaiser Wilhelm aber weigerte sich, die Erlaubnis dazu zu geben, so daß die Kaiserin der Königin Victoria mit Gefühlen höchster Aufregung und Trauer am 3. Juni 1890 schrieb: "Wie Du weißt, wollte die Stadt Berlin unserem geliebten Fritz ein Denkmal errichten; es ist das erstemal, daß sie dies für einen ihrer Herrscher tun wollte. Sie haben auch das Geld schon! Man machte mir davon Mitteilung, und ich ließ sie wissen, wie sehr der Plan mich rührte und daß dies Zeichen von treuer Zuneigung ihn sehr viel mehr ergriffen haben würde, als ein Denkmal, das von der Regierung bestellt, ausgeführt und bezahlt worden wäre. Sie schickten ihre Pläne ein und warteten über vier Wochen auf Antwort; jetzt hat Wilhelm sich geweigert, ihnen die Erlaubnis zu geben und sagt, daß der Staat das Denkmal schaffen will. Das tut mir sehr leid, da eine solche aus dem Volke kommende Verehrung für Fritzens Gedächtnis sehr verschieden von einem Staatsauftrag ist, der sich in nichts davon unterscheidet, als würde eine neue Brücke oder neue Kaserne bestellt; Wilhelm hätte dankbar und freundlich annehmen müssen. Auch wäre es seine Pflicht gewesen, mich zu fragen oder es mich wissen zu lassen und mit mir zu sprechen! Die Stadt Berlin teilte mir mit, daß das Denkmal nach meinen Wünschen ausgeführt werden solle. Jetzt ist natürlich alles verdorben. Wilhelm übersieht mein Dasein in jeder Beziehung." Als Antwort lud Königin Victoria ihre Tochter nach England ein und deutete ihr an, daß, da die Stadt Berlin bereits ein Krankenhaus zum Gedächtnis des Kaisers Friedrich erbaue, ein zweites Monument vielleicht überflüssig sei. Darauf antwortete die Kaiserin am 13. Juni 1890:
"Vielen Dank für Deinen lieben, mit Kurier gekommenen Brief, den ich
heute beantworten will, da wir heute abend abreisen und ich fürchte,
daß ich morgen keine Zeit zum Schreiben haben werde. Wann sollen wir
in England ankommen? Den 28.? Du kommst aus Balmoral am 26. zurück,
wie ich glaube? ...
Augenscheinlich hast Du mich wegen des Denkmals für meinen geliebten
Fritz nicht verstanden. Die Stadt Berlin gab am 18. Oktober 1888 eine
Summe, um eine Anstalt zu gründen, die seinen Namen tragen sollte. Ich
überwies sie dem Kinderkrankenhaus, das sich jetzt im Bau
befindet. Das war etwas ganz anderes! Hier handelt es sich um ein
großes Reiterstandbild! Der Staat hat ein solches für Kaiser Wilhelm
I. bestellt, und die Stadt Berlin hatte das Geld bereits im vorigen
Jahre ausgeworfen, um eins für Fritz zu errichten. Sie mußten um die
Erlaubnis bitten und haben nicht, wie ich Dir das letztemal schrieb,
ein paar Monate, sondern ein ganzes Jahr auf Antwort gewartet, die
ihnen jetzt in Form einer Absage gegeben worden ist, nachdem ich ihnen
mitgeteilt hatte, wie erfreut über den Gedanken und wie dankbar ich
sei. Es kann dich nicht wundern, daß ich verletzt und bekümmert bin,
da es wiederum den Anschein hat, als ob W. nicht wünschte, daß
Fritzens Volkstümlichkeit der Nachwelt durch einen greifbaren
geschichtlichen Beweis bekannt würde. Da die Geschichtsbücher für alle
Schulen in Preußen vom Ministerium zusammengestellt werden, können
sein Leben, sein Charakter, seine Ansichten und seine kurze Herrschaft
so unwichtig dargestellt werden, wie man es für ratsam hält, und alles
kann so gefärbt werden, wie es der gegenwärtigen Regierung gefällt!!
wie sie es schon mit seiner Krankheit und mit seinem Tagebuch getan
haben, während ich wünschte, daß die Wahrheit bekannt und ihm
und seinen Freunden Gerechtigkeit widerfahren würde; das heißt
allerdings, daß sie mittelbar auch mir widerführe. Wenn die Regierung
ein Denkmal errichten will, so kann sie es tun, und trotzdem der Stadt
erlauben, ihre Absichten auszuführen. Ich nenne so etwas sehr
selbstherrlich und nur darauf berechnet, mich zu verdrießen. 'Der
Stärkere hat immer Recht', und es ist ganz merkwürdig zu sehen, wie
alles, was Wilhelm tut, in England gebilligt wird; ein Blick in die
'Times' zeigt dies; es ist also nicht weiter überraschend, daß er sich
selbst für unfehlbar und sein Benehmen gegen Vater und Mutter für
tadellos hält; er sieht nicht, wie er die Macht, die so sehr viel zu
früh in seine Hände gelegt worden ist, mißbraucht."
Der Unwille der Kaiserin über die Art und Weise, in der sie in den Hintergrund gedrängt wurde, ist weiter aus ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 13. Dezember 1890 ersichtlich:
"Vielen Dank für die Abhandlung über Griechenland, die ich Dir
zurückschicke, nachdem ich sie mit großem Vergnügen gelesen habe. Du
sagst, ich habe Dir zum erstenmal seit 1888 über eine politische
Angelegenheit geschrieben. Es scheint mir in der Tat seltsam, daß ich
jetzt mit fünfzig Jahren so vollkommen aus der öffentlichen Welt
ausgeschieden bin - keine einzige öffentliche Persönlichkeit kommt
jemals zu mir, und was mein tägliches Brot zu sein pflegte, hat
vollständig aufgehört. Wieviel habe ich für Fritz gearbeitet, und auch
er war gewohnt, mir alles zu erzählen. Jetzt könnte ich lebendig
begraben sein, denn natürlich besucht mich niemand. Wie die Dinge
liegen, ist es weit besser so, da ich es nicht gern sehen würde, auch
nur für die kleinste schlimme Wirkung verantwortlich gemacht zu
werden. Immerhin kann ich die Augen offenhalten, studieren und Wissen
über verschiedene Gegenstände sammeln; meine früheren Freunde, die
nicht mehr in Staatsstellungen sind, sprechen sich jetzt viel freier
mir gegenüber aus, als sie es zu tun pflegten. Ich laufe der
öffentlichen Welt nicht nach, sondern im Gegenteil, ich vermeide sie;
ich bin zu stolz, irgendwelche Fragen zu tun, wenn ich nicht um meine
Meinung angegangen werde.
Ich habe nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf der Dinge, aber
als ein Mitglied des denkenden Publikums stehe ich nicht allein; so
gibt es viele, die Wert darauf legen, ihre Meinungen mit mir
auszutauschen. Zu Hause pflegte ich mit vielem Anteil allem
zu folgen, was den lieben Papa und Dich anging. Es gab eine Zeit, in
der der Kaiser Wilhelm und die Kaiserin Augusta alles mit uns zu
besprechen pflegten. Nun, da meine Erfahrung vielleicht etwas wert
ist, herrscht Todesschweigen um mich her, und mein Dasein scheint
vergessen.
Ich habe nicht den leisesten Ehrgeiz, eine Rolle bei der gegenwärtigen
Regierung zu spielen; ich käme mir verächtlich vor, wenn ich es nach
allem, was vorgefallen ist, täte, aber ich kann unmöglich die
Empfänglichkeit für die Angelegenheiten dieses Landes, für die
Friedensbestrebungen, und den Fortschritt in der übrigen Welt
verlieren. Wenn ich nach Italien oder nach Griechenland komme, ist es
ein Vergnügen, mit König Humbert und mit Wilhelm von Griechenland zu
sprechen. Ich rede nicht von zu Hause, da ich natürlich alles, was
dort vorgeht, mit derselben Liebe und derselben Begierde verfolge, die
ich schon hatte, als ich noch Kind war."
Zum erstenmal seit zwei Jahren sprach die Kaiserin jetzt ihren Standpunkt einer Frage der äußeren Politik gegenüber aus. Unter den Ländern, denen sie während der vorhergehenden fünf Jahre außer Deutschland, England und Rußland die meiste Beachtung geschenkt hatte, befanden sich Bulgarien und Griechenland. In Bulgarien hatte nach der Abdankung ihres Schützlings, des Fürsten Alexander, Ferdinand von Sachsen-Koburg-Gotha den Thron bestiegen; trotz allen Verschwörungen und Quertreibereien war es ihm allmählich gelungen, seine Stellung zu befestigen. Das Interesse der Kaiserin Friedrich an Griechenland hatte sich infolge der Heirat ihrer Tochter Sophie mit dem Herzog von Sparta sehr verstärkt. In der Provinz Mazedonien, die noch unter türkischer Herrschaft stand, waren Unruhen an der Tagesordnung, und sowohl Bulgarien wie Griechenland sahen mit verlangenden Augen auf dieses Land. Ihrem Briefe vom 13. Dezember 1890 fügte die Kaiserin folgenden Kommentar bei: "Ich möchte ein Wort über Griechenland hinzufügen. Die gefährlichste und kitzligste Friedensfrage liegt im Osten; immer wieder taucht die mazedonische Frage auf. Weder Bulgarien noch Griechenland werden jemals ihre Ansprüche auf einen Teil dieses Landes aufgeben und niemals Freunde werden, bis dies einst vollkommen geregelt ist. Früher hatte Sandro einen ausgezeichneten Plan gemacht, wie beide zufriedengestellt werden könnten, im Falle die Türkei diese Provinz verlieren sollte. Ich habe mir oft überlegt, ob England, Österreich, Deutschland und Italien nicht versuchen könnten, die mazedonischen Schwierigkeiten für die kleineren Mächte auf friedlichem Wege zu ordnen und so einen gefährlichen Zankapfel zu beseitigen, der den Osten jeden Augenblick in Flammen setzen kann und den Russen die langersehnte Möglichkeit zum Eingreifen zu geben imstande ist. Ich traf neulich einen Freund von mir, der im Komitee für die anatolischen Eisenbahnen in Konstantinopel ist; er sagte mir, nach seiner Meinung seien die Bulgaren die meistversprechende aller Balkannationalitäten; er hielte den Staat einer großen Entwicklung für fähig und glaube, daß er eine gute Zukunft besitze - er habe große Fortschritte gemacht und verdanke alles Sandro." Die Haltung ihres Sohnes verursachte der Kaiserin immer noch bittere Schmerzen, besonders wenn er sein hochmütiges Benehmen auf seine Schwester Sophie, die Herzogin von Sparta, ausdehnte, die in Berlin zu Besuch gewesen war, um mit ihm ihren Übertritt zur griechischen Kirche zu besprechen - ein Plan, dem sich der Kaiser heftig widersetzte; er ging so weit, ihr anzudrohen, daß er ihr niemals wieder gestatten würde, Deutschland zu besuchen. Am 27. September 1890 schrieb die Kaiserin:
"Gestern abend kam ein Kurier, der heute um zwei Uhr wieder abreist,
und brachte mir Deinen lieben Brief, für den ich Dir vielmals
danke. Ich dachte mir gleich, daß wir unmöglich über diesen Punkt
verschiedener Meinung sein könnten. Auch ich hoffe, daß alles
vorübergehen wird, wenn W. klargemacht worden ist, daß er Drohungen
dieser Art nicht ausführen kann, mögen sie auch noch so feierlich
ausgesprochen werden (wie sie es waren), ohne daß die verderblichsten
Folgen für den Frieden der Familie eintreten müßten, und er im Lichte
eines Tyrannen und Prahlers dastünde, was ihm, wie ich glaube, trotz
aller seiner Neigung zum Zeigen seiner Macht und Würde nicht angenehm
sein würde. Du
kannst Dich nicht wundern, daß solche Herzlosigkeit und
Rücksichtslosigkeit mir einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, da
sie wiederum den Geist offenbaren, in dem ich während der letzten drei
Jahre behandelt worden bin. Trotzdem ich mich bemühte, so wenig wie
möglich von seinem Betragen zu bemerken, da ich hoffte, daß es besser
werden würde. Frieden ist das einzige, worauf ich hoffe, Dankbarkeit,
Liebe, Vertrauen, Neigung werden mir von dieser Seite aus niemals
zuteil werden. Sie verstehen mich nicht, ebensowenig wie sie ihren
lieben Vater verstanden haben. Sie wollen mich nicht und sind voller
Verdacht gegen mich, obgleich sie wissen könnten, daß ich mich in
nichts mische und stolz darauf bin, es nicht zu tun. Diese Gefühle
machen sich bei der geringsten Herausforderung bemerkbar, und da es
für mich unmöglich ist, zu wissen oder zu erraten, wer unaufhörlich
Wilhelm allen möglichen Klatsch wiedererzählt, um ihn gegen mich
aufzureizen, obgleich ich weiß, daß dies in vieler Absicht liegt,
werde ich immer diesen Dingen ausgesetzt sein. Aber ich empfinde seine
Unhöflichkeit und sein unangemessenes Benehmen gegen mich weit weniger
als seine Grobheit gegen seine Schwester, die ihn mit tiefstem
Mißfallen, außerordentlich verletzt, verlassen hat. Er hat kein Herz
und Dona kein Zartgefühl; dabei sind sie aber beide von ihrer eigenen
Vollkommenheit so überzeugt, daß sie eines Tages in aller
Unbefangenheit mit dem Kopf gegen die Wand rennen werden.
Das beste, was ich tun kann, ist ohne Zweifel, die ganze Sache
fallenzulassen. Natürlich weiß ich nicht, was der König von
Griechenland tun oder schreiben wird."
Im vorhergehenden Monat war Wilhelm II. ein vierter Sohn geboren worden; die Tatsache veranlaßte die Kaiserin Friedrich zu folgender Bemerkung: "Ich glaube auch, daß eine Tochter von Vorteil gewesen wäre, und fragte W., ob er nicht gerne eine Tochter haben würde. Er antwortete, Mädchen seien nutzlose Geschöpfe, er wolle keine haben und zöge es bei weitem vor, ohne sie zu sein. Ihm sind natürlich Jungen (Rekruten), die man hin- und herschicken kann, sehr viel mehr nach seinem Geschmack - aber es wird eines Tages nicht leicht sein, sie alle mit den nötigen Mitteln und mit Häusern zu versorgen ..." Das Jahr 1891 begann ohne irgendwelche Anzeichen 1891 einer verbesserten Lage für die Kaiserin Friedrich. Sie hatte jetzt ihr fünfzigstes Jahr überschritten und wurde, wie viele Beobachter meinten, ihrer Mutter, der siebzigjährigen Königin Victoria, immer ähnlicher. Am 22. Februar 1891 schrieb die Kaiserin ihrer Mutter:
"Man sagt mir hier oft: 'Wie ähneln Sie der Königin von England!' und
ich antworte immer: 'Das ist nicht schmeichelhaft für meine Mutter,
ich möchte ihr wohl ähnlich sein - aber worin ich ihr gleiche, das ist
die Trauer, die für uns beide dieselbe ist - sie trägt sie seit 29
Jahren.'
Du sagst, daß ich die Vorliebe, schöne Dinge ausfindig zu machen,
nicht von Dir geerbt habe, aber ich habe dafür einen besonderen
Grund. Zunächst lebst Du immer inmitten wunderschöner Sachen, daher
hast Du nicht den Wunsch, Dich immer wieder zu schmücken wie ich, die
ich mich nicht in einer so fesselnden Umgebung aufhalte. Dann hattest
Du niemals Zeit oder Gelegenheit, besondere Kunststudien zu treiben,
und schließlich kannst Du Dir alles einrichten lassen, wie Du willst,
während ich die Änderungen in meinem Hause selbst treffen, jede
einzelne Sache selbst auswählen und sammeln muß, da ich anderen Leuten
nichts überlassen kann. Es gibt nur wenige Menschen in Berlin, die
meinen Geschmack vollkommen teilen und verstehen, während es in London
und Paris ebenso wie in Italien eine große Menge gibt. In Deutschland
finden sich nur sehr wenig wirkliche Kenner und Sammler unter Laien,
und der Geschmack für solche Dinge bleibt fast ganz auf Künstler- und
Gelehrtenkreise beschränkt. Aber das Bedürfnis hat sich in Deutschland
während der letzten zwanzig Jahre nach dieser Richtung sehr
entwickelt, und die Ausstellungen tun in dieser Beziehung viel Gutes."
Das ruhige Leben der Kaiserin in Kronberg wurde indessen jetzt zum letztenmal durch tätige Anteilnahme an einer Angelegenheit von diplomatischer Wichtigkeit unterbrochen. Im Frühjahr 1891 stattete die Kaiserin auf Wunsch des deutschen Kaisers einen halboffiziellen Besuch in Paris ab. Der Kaiser wünschte damals, die wirklichen Empfindungen der Pariser Bevölkerung gegen Deutschland zu prüfen und hielt den Besuch einer nahen Verwandten für das beste Mittel dazu. Die Kaiserin Friedrich war seit dem Deutsch-Französischen Krieg verschiedentlich unter fremdem Namen in Paris gewesen und bei allen ihren Besuchen gut aufgenommen worden; sie wurde deswegen nicht ohne Grund für das geeignetste Mitglied der deutschen Kaiserfamilie gehalten, das den Samen einer Annäherung zwischen dem Kaiserreich und der benachbarten Republik ausstreuen könnte. Verabredungsgemäß kam die Kaiserin am 19. Februar 1891 in Begleitung ihrer Tochter Margarete und eines beträchtlichen Gefolges in Paris an. An demselben Tage wurde eine öffentliche Mitteilung ausgegeben, die erklärte, die Kaiserin besuche Paris, um denjenigen Künstlern ihren Dank auszusprechen, die versprochen hatten, ihre Bilder auf die diesjährige Berliner Kunstausstellung zu schicken, deren Schutzherrin sie war. Die ersten drei oder vier Tage in Paris gingen gut vorüber. Die Kaiserin besuchte eine große Anzahl von Ateliers und Gemäldegalerien, wie auch ein oder zwei Antiquitätenläden, wegen derer Paris berühmt ist. Nun begann aber die deutsche Presse anzudeuten, daß der Besuch einen Schritt zur Verständigung zwischen den beiden Ländern bedeutete - ein Wink, der die Boulangisten in Erregung brachte und den Grund zu einigen heftigen Reden in Paris bildete. Der Funke wurde zur Flamme angefacht, als es einen oder zwei Tage später bekanntwurde, daß die Kaiserin das Palais in St. Cloud wie auch Versailles (wo ihr Gatte im Quartier gelegen hatte) und die benachbarten Schlachtfelder besucht hatte. Erinnerungen an "das Jahr des Schreckens" tauchten auf, und als es bekanntwurde, daß ein Lorbeerkranz vom Fuß des Denkmals Henri Regnaults, des berühmten französischen Malers, der beim letzten verzweifelten Ausfall aus Paris gefallen war, bei Gelegenheit des Besuches der Kaiserin im Ministerium der schönen Künste entfernt worden war, wurden alle Versuche, höflich zu sein, aufgegeben. Die Leidenschaften steigerten sich zur Siedehitze. Die französische Presse donnerte gegen diese "Beleidigungen der Franzosen", und die Kaiserin reiste schleunigst nach London weiter, da sie den Sturm vermeiden wollte. Aber der Sturm legte sich nach ihrer Abreise nicht. Die französischen Künstler zogen jetzt ihr Versprechen, in Berlin auszustellen, zurück, und die Berliner Presse rächte sich mit maßlosen Ausfällen gegen ihre gallischen Nachbarn. Das war die letzte Mitwirkung der Kaiserin Friedrich an öffentlichen Angelegenheiten; noch Monate später verursachten ihre Folgen ihr den tiefsten Kummer. Am 29. März, während sie noch bei ihrem Bruder, dem Prinzen von Wales, in Sandringham weilte, schrieb sie an ihre Mutter:
"Ich bin immer noch sehr traurig über alle die Berichte, die in Berlin
umlaufen, angeblich aus Paris stammen und von Mitgliedern des
diplomatischen Korps und hervorragenden Parisern geschrieben worden
sein sollen - alles Lügen! Scheinbar fürchtete man erst in Berlin, daß
Graf Münster [der deutsche Botschafter in Paris] die Situation nicht
ganz verstanden habe; jetzt sind sie aber über diesen Punkt beruhigt,
und aller Tadel fällt auf mein Gefolge. Das ist wirklich zu schlimm.
Ich hätte darauf bestanden, die französischen Künstler trotz den
Warnungen und Bitten der 'Leute, deren Aufgabe es war, das gute
Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland aufrechtzuerhalten',
zu besuchen. Das ist eine absichtliche Verdrehung der Tatsachen. Graf
Münster riet mir zu Bouguerau und zu Détaille zu gehen, was ich
tat. Emile Wauters, Madrazo und Munkaczy sind keine Franzosen, sondern
ein Belgier, der den deutschen Orden Pour le Mérite trägt, ein
Spanier und ein Österreicher. Die Herren Lefèvre und Galland
sind Franzosen - den Letztgenannten kenne ich schon jahrelang und habe
ihn oft besucht, obgleich Münster niemals seinen Namen gehört hatte...
Meine andern Verbrechen sollen darin bestanden haben, daß ich in Läden
ging und nichts kaufte. Das ist nicht wahr, ich habe zwei
Juwelierläden besucht - Leute, die für mich gearbeitet hatten, und
deren Rechnungen gerade bezahlt worden waren. Dann soll ich alle
möglichen jüdischen Sammler besucht haben. Ich habe nur die große
Sammlung Spitzer angesehen, der gewiß ein Jude war als er noch
lebte... Es hat mich außerordentlich geärgert... Ich denke, da ich 5o
Jahre bin und viel von der Welt gesehen habe, könnte man mir so viel
Takt zutrauen, daß ich mich nicht selbst so lächerlich mache, wie sie
mir nachsagen, es getan zu haben ..."
Ein paar Tage später, am 3. April, schrieb sie vom Buckingham-Palast: "... Hatzfeldt ärgert sich auch sehr über den Unsinn, der in Berlin über meinen Besuch in Paris geglaubt wird; es tut ihm leid, daß mein Gefolge für den Eindruck, den mein Besuch gemacht haben soll, verantwortlich gemacht wird; in Wirklichkeit war der Eindruck ein ganz anderer, wurde aber nur von der schlechtgesinnten Presse als ungünstig beschrieben. Hoffentlich werden wir nichts mehr davon hören. Auch habe ich den russischen Botschafter nicht geschnitten und würde auch nicht im Traum daran denken, so etwas zu tun..." Allmählich legte sich der Sturm, und die Kaiserin nahm ihre künstlerischen Interessen wieder auf. Zwei Beispiele ihrer Kunstliebe mögen erwähnt werden. Am 2. April 1891 schrieb sie nach einem Besuche der Londoner Nationalgalerie an ihre Mutter:
"...Ich besuchte heute die Nationalgalerie und bewunderte ihre
prachtvolle Sammlung aufs neue. Es ist die bestausgesuchte,
bestbeleuchtete und bestgehängte Gemäldegalerie der Welt, und das
heißt viel. Natürlich ist sie nicht sehr groß, aber nach meiner
Ansicht fühlt man sich in ihr viel wohler als im Louvre, der zu
überwältigend ist.
Heute nachmittag besuchte ich Alma Tademas Atelier. Sein ganzes Haus
ist ein Kunstwerk, das von ihm ausgedacht, geplant und angeordnet, den
Schauplatz darstellt, den seine schönen Bilder wiedergeben..."
Am 26. August 1891 schrieb die Kaiserin, die inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt war, einen Brief, in dem sie ihre Meinung über die Marseillaise ausspricht:
"Es tut mir sehr leid," schrieb sie mit Bezug auf den Besuch der
französischen Flotte in Portsmouth, als deren Offiziere mit der
Königin Victoria in Osborne speisten, "daß die greuliche Marseillaise
jetzt die französische Nationalhymne ist. Sie bleibt mit den Schrecken
der Revolution verbunden und wird von den Sozialisten als das Symbol
der Gewalt angesehen. Eine anständige Regierung, wie es die einer
friedens- und ordnungsliebenden Republik sein sollte, wählt keine
Melodie, die zu Schandversen geschrieben ist wie folgenden: 'Bürger,
zu den Waffen, schließt die Reihen, Vorwärts, vorwärts, um das
verfluchte Blut usw.' (das hieß: das Blut von Königen, Aristokraten
und Priestern und besagt jetzt: das von Kapitalisten, Bürgern und
Juden). 'Zittert, ihr Tyrannen und ihr Treulosen, Schande jeder
Partei, Zittert, eure Mordpläne sollen endlich ihren verdienten Lohn
empfangen, Ein jeder ist Soldat, um euch niederzuschlagen usw.'
Ich muß sagen, daß ich betrübt bin, wenn ihr gezwungen seid, euch zu
solchen Versen zu erheben, obgleich ihr keine andere Möglichkeit
hattet, die Franzosen zu ehren, und obgleich die meisten Menschen
nicht nur die Worte jenes wilden Liedes, sondern auch die
Gelegenheiten, bei denen es ertönte, und die Elenden, die es sangen,
vergessen haben..."
Die Beziehungen der Kaiserin zu Bismarck gewannen nun nach dem Sturz des Kanzlers allmählich eine Schonung und Zuneigung, die sie während der Amtszeit Bismarcks niemals gehabt hatten. Eine leichte Andeutung dieser veränderten Beziehungen können wir aus einer Unterhaltung zwischen Busch und Bismarck ersehen, die ungefähr zu dieser Zeit stattfand. "Ich nahm mir die Freiheit," erzählt Busch, "weiter zu fragen, was für eine Art Frau die Kronprinzessin gewesen sei, und ob sie viel Einfluß auf ihren Gatten gehabt habe. 'Ich glaube nicht,' sagte der Fürst. 'Was ihre Intelligenz betrifft, so war sie eine kluge Frau - klug in weiblichem Sinn. Sie kann ihre Gefühle nicht verbergen, oder wenigstens kann sie das nicht immer. Ich habe sie viele Tränen gekostet, und sie konnte nach der Annexion (Schleswigs und Hannovers) ihren Ärger über mich nicht verheimlichen. Sie vermochte kaum meinen Anblick zu ertragen, aber dies Gefühl hat jetzt etwa nachgelassen. Sie bat mich einmal, ihr ein Glas Wasser zu bringen, und als ich es ihr überbrachte, sagte sie zu einer in ihrer Nähe sitzenden Hofdame, deren Namen ich vergessen habe: 'Er hat mich so viele Tränen gekostet, wie Wasser in diesem Glase ist. Aber das ist jetzt alles vorbei.'" Die Kaiserin beobachtete ihrerseits mit Anteil Bismarcks Handlungen und schrieb am 6. Januar 1891 an die Königin Victoria: "... Ich habe gerade einige Leute gesprochen, die Fürst Bismarck besucht hatten; sie sagen, er wäre nie so wohlauf, kräftig, tätig und in ausgezeichneter Laune gewesen; seine Beziehungen zu seinem Sohn Herbert seien längst nicht mehr so vertraulich und nah wie früher, da sich eine gewisse Kälte fühlbar mache. Bismarck arbeitet viel an seinen Erinnerungen. Ich habe keine Zweifel, daß sie merkwürdig und schneidend werden ..." In den neun Jahren, welche die Kaiserin noch zu leben hatte, kümmerte sie sich nicht mehr um politische Dinge; daher sind die Briefe dieser Zeit im allgemeinen voller häuslicher oder Familieneinzelheiten. Trotzdem verlor sie nicht die Teilnahme an den Handlungen und Reden ihres ältesten Sohnes und las seine in den Spalten der deutschen Presse wiedergegebenen Ansprachen mit prüfenden Augen. Während sie sich jeder öffentlichen Bemerkung über seine Reden enthielt, blieb sie in den Briefen mit ihrer Mutter bei ihrem freien Urteil über ihres Sohnes häufige öffentliche Äußerungen. Eine solche Rede hielt er im September 1891 in Erfurt, am Vorabend des in dieser Stadt tagenden Sozialistenkongresses.
"Die Erfurter Rede,"
schrieb sie, "war eine dieser unglückseligen
Unklugheiten Wilhelms, wie sie täglich vorkommen. Caprivi kann sie
nicht verhindern. Wilhelm kann Ratschläge weder verstehen noch
schätzen. Er fordert und braucht sie nicht und ist in vielen
Beziehungen sehr unreif für sein Alter. Fortwährende Fehler und
Entgleisungen sind die Folge. 'Ich dulde keinen neben mir, jeden, der
gegen mich ist, werde ich zerschmettern.'
Er ist so eitel, und all die Schmeichelei hat ihn so eingebildet
gemacht, daß er mit Vorliebe bei jeder Gelegenheit redet. Gewöhnlich
sind diese Ansprachen unangebracht und müssen später verbessert und
verändert werden, damit sie keinen zu erschreckenden Eindruck
hervorrufen. Man wäre geneigt, über sie zu lächeln, wenn die Sachen
nicht zu ernst und gefährlich wären. Fritz war so vorsichtig und klug,
alle seine Reden vorher aufzuschreiben und sie immer und immer wieder
zu feilen. Kaiser Wilhelm I. war in seinen Reden nicht sehr glücklich,
aber er hielt nicht oft welche. Seine Briefe waren, wie Du weißt,
merkwürdig derb und die Wortwahl nicht sehr glücklich, so daß sie
häufig ihre Empfänger verletzten, was er durchaus nicht beabsichtigte,
da er sehr höflich war und freundlich zu sein wünschte, obgleich er
sich als militärischer Selbstherr zeigte; außerdem aber war er ein
Gentleman und Grandseigneur. Sein hohes Alter und sein Ruhm ließen das
Publikum seine Reden in ganz anderer Weise aufnehmen, während die aus
dem Munde eines jungen Mannes, der noch nichts Besonderes in der Welt
geleistet hat, sehr anders klingen ... Ich hielt die Art, in der er
von Napoleon sprach - obgleich dieser sicher eine Gottesgeißel war -,
für höchst unpassend, denn immerhin war er eine bedeutende historische
Persönlichkeit, ein Soldat und ein überwundener Feind; nach 1870/71
ist es nicht notwendig, ein Wort darüber zu sagen. Aber Du wirst aus
dem beigelegten Zeitungsausschnitt ersehen, daß dies Redenhalten von
einer gewissen törichten Partei unterstützt wird, die es ganz nach
ihrem Geschmack findet, obgleich es jeden feiner empfindenden Menschen
verletzen muß."
Kaiser Wilhelm hatte gelegentlich eines Besuches in München seinem
cäsarischen Streben Ausdruck gegeben, indem er in das Buch des
Rathauses den klassischen Spruch schrieb
Alle Parteien ohne Ausnahme waren durch diesen Spruch des Kaisers beleidigt; die Meinung der Kaiserin traf sich mit der Ansicht der meisten Deutschen, als sie am 15. November 1891 an ihre Mutter schrieb: "... Ich war unglücklich, daß W. in das Münchener Rathausbuch geschrieben hat: Suprema lex regis voluntas. Ich glaube er versteht kaum, was für eine Entgleisung er macht, wenn er so etwas schreibt. Ein Zar, ein unfehlbarer Papst, die Bourbonen und unser armer Karl I. könnten so einen Satz von sich gegeben haben, aber ein konstitutioneller Monarch im 19. Jahrhundert!!! Ein so junger Mann, der Sohn seines Vaters, Dein Enkel, nicht davon zu sprechen, daß er mein Kind ist, sollte niemals einen solchen Grundsatz haben oder aussprechen. Ich kann nichts sagen und keinen Rat geben. Wie immer werde ich vollkommen übersehen." Kaiser Wilhelm hielt sechs Wochen später eine neue herausfordernde Rede an die Rekruten des Gardekorps. Während dieser Zeit arbeiteten gewisse deutsche Politiker eifrig an einer Annäherung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck, auf diese Rede und auf diese Versuche spielt die Kaiserin in ihrem Brief an die Königin Victoria vom 5. Dezember 1891 an:
"Ich halte den Stand der Dinge hier für nicht sehr befriedigend.
W. hat leider eine neue gräßliche Ansprache an die Rekruten gehalten,
die sehr offen getadelt wird, und die Partei, die eine Versöhnung mit
denn Fürsten Bismarck wünscht, ist eifrig am Werk. Ich bin sogar
aufgefordert worden, ob ich nicht versuchen wollte, meinen Einfluß
hierbei aufzubieten, aber, wie Du Dir denken kannst, antwortete ich,
daß ich überhaupt keinen Einfluß hätte und niemals auf die
Angelegenheit Bezug nehmen würde.
Hier herrscht große Armut. Die arbeitenden Klassen haben viel Geld
verloren. Es werden wenig Geschäfte gemacht. Man vertraut auf Caprivis
Anständigkeit, Stetigkeit und Mäßigung, aber Miquel hat sein Bestes
getan, um seine Stellung zu untergraben. Ich glaube nicht, daß er
erfolgreich sein wird. Der Hauptgrund der Unbehaglichkeit und
Unsicherheit in bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten ist die
Besorgnis, daß Gladstone bald wieder ans Ruder kommen wird und daß
dann die Russen und Franzosen die Gelegenheit zum Kriege ergreifen
werden, da es als sicher gilt, daß England der Tripelallianz nicht
beitreten, sondern Rußland freie Hand im Osten und in Europa lassen
und Frankreich in Ägypten zu tun erlauben wird, was es will.
W. ist keineswegs volkstümlich. Jede Frage ist aufgenommen und wieder
fallengelassen worden, so daß nur Verwirrung geschaffen und nichts
folgerichtig durchgeführt oder verbessert
worden ist. Seine öffentlichen Äußerungen werden viel getadelt. Die
Ausgaben für die Armee wachsen ins ungeheure. Immerhin könnte sich das
alles noch einrenken lassen, wenn er nur auf klügere und stetigere und
erfahrenere Leute hören würde..."
Weitere Versuche wurden gemacht, um eine Versöhnung zwischen dem Kaiser und Bismarck herbeizuführen. Am 12. Dezember 1891 schrieb die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria:
"... Die politische Lage ist seltsam. Caprivi hat sich außerordentlich
gut bewährt und seine Handelsverträge tapfer verteidigt; aber die
Wühlerei seitens der Konservativen und Bismarckiten, uns den Fürsten
Bismarck zurückzubringen, ist sehr heftig. Sie brauchen seinen
Einfluß, um wieder allmächtig zu werden, selbst wenn er nicht wieder
ins Amt käme. Zuerst wünschen sie eine völlige Versöhnung mit W. Ich
bin sogar gefragt worden, ob ich nicht Willy in dieser Richtung zu
beeinflussen versuchen wollte. Du kannst Dir vorstellen, wie ich
gelacht habe. Gerade die Leute, die jahrelang bemüht waren, durch
Machenschaften meinen Einfluß und den von Fritz zu zerstören, wünschen
jetzt meine Hilfe, um die Angelegenheit mit Fürst B. wieder in Ordnung
zu bringen. Ich habe ihnen offen gesagt, daß ich nicht den leisesten
Einfluß auf einen Sohn hätte, den ihre Falschheit gegen seine Eltern
beeinflußt habe - sie haben, was sie wollten, ich bin so gut wie tot
und verschwunden. Ich werde niemals mehr versuchen, irgendwelchen
Einfluß auszuüben. Meine Meinung steht allen Fragenden zu Diensten -
wenn ich nicht darum angegangen werde, denke ich nicht daran, sie zu
äußern. Ich würde es als sehr gefährlich für das Land und die
Monarchie ansehen, wenn Fürst Bismarck wieder etwas zu sagen hätte;
daß später W. auf einen höflichen und freundlichen Fuß mit ihm kommen
und ihn in Berlin empfangen sollte, fände ich sowohl würdig, als
richtig, und gute Politik, aber nichts mehr.
Es mag Dich interessieren, daß Kessel derjenige ist, der W. zu einer
Versöhnung zu beeinflussen suchte, und da er schlau ist, arbeitet er
mit großer Anstrengung an seinem Vorhaben.
Du kannst sicher sein, daß ich den Mund nicht auftun werde. Mögen sie
alle ernten, was sie gesät haben. Wenn ich den Schatten eines
Einflusses hätte, würde ich W. anflehen, keine öffentlichen Reden mehr
zu halten, denn sie sind zu schrecklich, und nichts mehr in Bücher und
unter Photographien zu schreiben - es läßt
einem das Haar zu Berge stehen. Hier in Berlin ist man an diese
äußerst merkwürdigen Äußerungen gewöhnt und hält sie für seinen
besonderen Stil, dem man am besten keine große Wichtigkeit beilegt -
man führt ihn auf Unwissenheit und kindliche Raschheit zurück; nur
einige der besten Zeitungen üben eine milde Kritik, erheben Einwände
und geben Ratschläge. Ich schicke Dir ein gutes Beispiel mit;
allerdings fürchte ich, daß es nicht die leiseste Wirkung haben
wird. Wie verschieden würde alles sein, wenn die elende Partei nicht
existierte, die 1848 heraufführte und F.W.IV. verrückt gemacht hat,
meinen Schwiegervater vergewaltigte und die Leibgarde des
Bismarckismus schuf, Fritzens Herz gebrochen und unser Lebenswerk
zerstört, unseren Sohn vollständig in Besitz genommen und mich und
alle unsere Freunde niedergeschlagen hat. Ihr Rückhalt Bismarck ist
verschwunden, aber sie bleibt, und bis das verderbliche Werk vieler
Jahre nicht aufgehalten wird, kann natürlich niemals Verständnis und
Harmonie zwischen W. und mir herrschen, noch kann er eine wahre
Kenntnis der Absichten seines Vaters oder das geringste Vertrauen in
seine Mutter haben, obgleich sich der äußere Verkehr friedlicher und
angenehmer gestalten mag. Herbert Bismarck sagte drei Monate vor
seinem Weggang zu einem von Wilhelms Freunden, den er kannte: 'Die
Kluft zwischen dem Kaiser und seiner Mutter muß eine vollständige
werden, die nicht wieder zu beseitigen ist.'
Ich muß ruhig warten, vielleicht werde ich sterben, ehe Gerechtigkeit
und Wahrheit an den Tag kommen. Aber die Menschen seiner Umgebung sind
nicht meine Freunde und wünschen seine Rückkehr zu mir nicht. Da ich
mich so vollkommen von allem fernhalte, sollte ihnen dies beweisen,
wie unnötig die Mühe ist, die sie sich geben, um mich in den
Hintergrund zu drängen. Für mich ist Geduld das Beste, aber es ist
eine Geduld ohne Hoffnung."
Die Reden Kaiser Wilhelms nahmen im Verlauf der Monate nicht an Weisheit zu. Im Februar 1892 gab er bei Gelegenheit eines parlamentarischen Diners einen weiteren Beweis für seinen Haß gegen die, welche er als seine Feinde betrachtete, und am 15. Februar schrieb die Kaiserin aus Berlin an die Königin Victoria:
"Die Regierung und W. spielen ein sehr gefährliches Spiel. Wie mir
scheint aus reiner Unkenntnis der Wichtigkeit, welche
die von ihnen so leichthin behandelte Frage hat. Ich fürchte, daß
W. die törichtsten Reden bei diesen parlamentarischen Diners hält
(nach dem Essen). Ich bin verdammt, hier schweigend zu sitzen, ohne
imstande zu sein, ein Wort der Warnung zu sagen, und dabei zu wissen,
daß die greulichen Fehler die schlimmsten Folgen haben können. Nachdem
ich dreißig Jahre lang so eng mit allem verbunden war, was vor sich
gegangen ist und Menschen- und Sachkenntnis erworben habe, sehe ich
jetzt wie aus einem Grabe, mehr als unnütz und vergessen - der
waghalsigen Laufbahn meines eigenen Sohnes zu. Die anderen
Familienmitglieder scheinen sich nicht darum zu kümmern und sie nicht
zu bemerken, kein verständiger Mensch hat irgendwelchen Einfluß,
keiner warnt ihn oder gibt ihm einen Rat. Das schlimmste ist, daß wir
vielleicht alle für seine Unkenntnis und Unklugheit zu bezahlen haben
werden. Du siehst und hörst natürlich im fernen England nichts von all
dem.
Donas Verwandte sind sehr tätig und veranlassen sie, an allen
möglichen Wohltätigkeits- und anderen Unternehmungen teilzunehmen,
aber nur vom Standpunkt der orthodoxen Kirche und der Konservativen
aus. Wir sprechen niemals über diese Fragen; zwischen dem Schloß und
mir besteht nicht der geringste Verkehr. Wir stehen auf freundlichem
Fuß, wenn wir uns treffen, was selten vorkommt. Man braucht eine
ungewöhnliche Menge Philosophie, um eine Lage, die so bitter und
demütigend ist, ohne Murren hinzunehmen. Ich würde niemals wieder
hierherkommen, wenn es nicht meine Pflicht wäre, und wenn es hier
nicht Dinge gäbe, die ich niemals verlassen will und kann, und wenn
ich hier nicht noch einiges Gute tun könnte. Es ist das Heim meines
geliebten Fritz, und wir haben immer noch Freunde, denen ich treu
bleibe; mit dem ganzen gegenwärtigen Regime habe ich absolut nichts zu
tun."
Eine Woche später hielt der Kaiser Wilhelm eine neue Rede, dieses Mal auf der Tagung des Brandenburgischen Provinziallandtages, in der er die Gegner seiner politischen Ansichten auf das heftigste tadelte, indem er sie als "Nörgler" bezeichnete. Die Rede erweckte nicht nur in Deutschland, sondern auch in England Aufsehen, wo die "Times" sie in einem ernsten Leitartikel unfreundlich kommentierte. Der Abdruck dieses Artikels in verschiedenen Berliner Zeitungen führte zu ihrer Beschlagnahme durch die deutsche Regierung, so daß es immer klarer und klarer wurde, daß der Kaiser, während er selber die übelstberatenen Behauptungen aussprach, entschlossen war, eine Kritik an den kaiserlichen Äußerungen von keinem Menschen in Deutschland zu dulden. Inzwischen hatte die schlechte wirtschaftliche Lage in Berlin, Hannover und Danzig, die durch die Verschlechterung des Handels hervorgerufen war, Aufstände und Unruhen erzeugt; auf diese spielte die Kaiserin in ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 27. Februar 1892 an:
"Ich schicke Dir einige gute Ausschnitte aus Zeitungen meiner
Denkungsart über die gräßlichen Aufstände von gestern und
vorgestern. Jetzt scheint alles glücklicherweise wieder ganz ruhig.
Solche Dinge kommen hier und da vor, sind aber in Deutschland
gefährlicher als anderswo. Ich schicke Dir auch einen Auszug aus
meines armen W.s schlechtbeeinflußter Rede.
Ich fühle mich wirklich wie eine alte Henne, die ein Entlein anstatt
eines Kükens ausgebrütet hat und es davonschwimmen sieht. Nur Enten
können schwimmen, und der armen Henne Angst ist nutzlos, während es
hier so scheint, daß er 'läuft, wohin Engel nicht zu gehen wagen`. Ich
wollte, ich könnte ihm bei allen Gelegenheiten, bei denen er
öffentlich sprechen will, ein Schloß vor den Mund hängen. Es hat
keinen Sinn, darüber zu sprechen - die bismarckische Erziehung und die
Schule der Umgebung Kaiser Wilhelms haben ihn zu dem gemacht, was er
ist; nun haben ihre Lehren diese Ergebnisse -, sein lieber Vater und
ich sind in keiner Weise für seine verstiegenen Ideen
verantwortlich. Wir waren für verfassungsmäßige Freiheit, für ruhigen,
stetigen Fortschritt, für unaufdringliche, aber ungehinderte
Entwicklung, für die Entwicklung der Persönlichkeit und der Kultur,
nicht für Weltmachtkitzel, Herrschsucht, Staatssozialismus usw. Wir
waren 'Whigs' der alten Schule; die moderne, ganz unphilosophische Art
von Demokratischem Tory ist mir ein Greuel. Er schmeichelt den
Irrtümern der Massen, liebäugelt mit ihren mißverstandenen Ideen nur
zu dem Zweck, größere Macht zu erringen, während ich für
Meinungsfreiheit und persönliche Unabhängigkeit bin, von der im armen
Deutschland so wenig zu merken ist. 'Die Gegensätze berühren sich', wo
Absolutismus herrscht, und wo der Staat alles ist, gibt
es bestimmt Sozialismus. Ich wünsche, die Öffentlichkeit in weitestem
Maßstabe zur Unterstützung der Armen und Arbeitslosen tätig zu sehen;
die Wohltätigkeit könnte in Deutschland liberaler, allgemeiner und
besser eingerichtet sein. Aber sie ist verkrüppelt, und Selbsthilfe
und Ordnungssinn kann man nicht lernen, wenn der Staat allein alles
tun will, während andere dabeisitzen und zusehen müssen."
Zwei Tage später erwähnte die Kaiserin in einem Beileidsbrief an ihre Mutter wegen des Todes des Prinzen Albert Victor, Herzogs von Clarence, des ältesten Sohnes des Prinzen von Wales, von neuem den schlechten Einfluß der Clique, der ihr Sohn, der Kaiser Wilhelm, verfallen war
"Ich bin auch außerordentlich bekümmert, obgleich ich Gott sei Dank
meinen ältesten Sohn nicht verloren habe, der eine Quelle ewiger Angst
für mich ist. Der verderbliche Einfluß der Bismarcks, gewisser
militärischer Kreise und der Junker haben seinen Kopf mit Gedanken
vollgestopft, die ich für sehr falsch und gefährlich halte, die er
aber mit der Überzeugung und Unbekümmertheit aufrecht hält, wie sie
aus Unkenntnis und Unerfahrung entspringen - niemand ist da, der ihn
berät oder der verderblichen Wendung seiner Ansichten
widerspricht. Was soll daraus werden? Er wurde uns aus den Händen
gerissen, und alle unsere klugen Freunde wurden zum Stillschweigen
gebracht. Leider haben sich meine armen Schwiegereltern zu dieser
Erziehungsweise hergegeben, ihn gegen uns aufzuwiegeln. Du erinnerst
Dich, wie sehr ich immer beklagte, wenn die arme Kaiserin Augusta ihm
schmeichelte usw. Sie tat es sicher in bester Absicht, aber sie
schadete ihm sehr damit. Ich versichere Dich, daß ich für ihn
zittere. Bei all seiner Raschheit und Widerspenstigkeit usw. ist er
ein großes Baby. Heinrich und Bernhard verstehen auch nicht mehr von
Politik als er. Einige seiner Flügeladjutanten waren vor Begeisterung
über diese Rede außer sich, die mir den Schweiß auf die Stirne trieb,
als ich sie las. Die Ansprache war leider nicht aus dem Augenblick
geboren, sondern war vorher aufgeschrieben worden; er hatte sie bei
sich und ließ sich vom Oberpräsidenten von Achenbach vorsagen. Ich
hätte mich an seiner Stelle geweigert und ihm gesagt, daß eine solche
Rede unmöglich sei. Späterhin bemühten sich die Minister, die allzu
starken Ausdrücke auszumerzen; infolgedessen erschien
der Staatsanzeiger, der sie in ihrer gegenwärtigen Form brachte, drei
Stunden später als gewöhnlich.
Heute abend leitet W. einen Kommers der Bonner Borussen im Hotel
Kaiserhof - was meiner Meinung nach nicht das richtige für einen
Herrscher ist - aber ich hoffe, daß er bei dieser Gelegenheit
vorsichtiger in seinen Äußerungen sein wird. Es ist zum Verzweifeln,
einen Menschen Hals über Kopf in Fehler rennen und einen ganz falschen
Weg verfolgen zu sehen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn
aufzuhalten. Alle, die blind genug sind, konstitutionelle Freiheit zu
hassen, und die ganze orthodoxe Gesellschaft bewundern ihn und spenden
ihm Beifall. Warum sehen sie nicht ein, daß sie den Sozialismus
fördern, wie es Fürst Bismarck auch tat? Ich sehe Sir E. Malet so
selten, daß ich nicht weiß, was er von all dem denkt. Aber er ist ein
so vorsichtiger Mann, daß er mir wahrscheinlich seine Ansichten nicht
mitteilen würde."
Es war natürlich unvermeidlich, daß einige der öffentlichen Beurteilungen seiner Reden dem Kaiser zu Ohren kamen; die Wirkung dieser Äußerungen spiegelt sich im Briefe vom 21. März 1892 an ihre Mutter wider: "Ich glaube, er war über einige der Beurteilungen seiner Rede sehr wütend und will nicht zugeben, daß sie in irgendeiner Beziehung einen Fehler bedeutete. Er glaubt, sie entsprängen nur Trotz und schlechter Gesinnung; trotzdem haben einige, die ihm gezeigt wurden, ihn geärgert, wofür jedermann dankbar ist, da sie bisher nicht den geringsten Eindruck machten - man hofft, daß ihn dies ein wenig zur Besinnung bringen und klüger und vorsichtiger machen wird. Ich selbst glaube das zwar nicht, er ist von seinen falschen Ideen so durchdrungen, daß nur ein stetiger, täglicher und mächtiger Einfluß seine Augen zu öffnen und ihm die Dinge in ihrem wahren Licht zu zeigen imstande wäre. Er hat keine Vorstellung davon, was eine Verfassung ist und kennt kein einziges Mitglied der liberalen Partei - er liest niemals eine der guten, vernünftigen Zeitungen. Wenn er nur denselben politischen Instinkt besäße, den der liebe Ludwig hatte und den, wie ich hoffe und glaube, Ernie haben wird. Keins meiner Kinder kümmert sich um Politik oder versteht sie, d. h. die Entwicklung eines klugen und aufgeklärten Fortschrittes. Ich glaube, man wünschte, daß Wilhelm am 18. März abwesend sein sollte, was sehr richtig war, da man nicht sicher wußte, ob es nicht in den Straßen einigen Krawall geben würde. Das Schulgesetz ist abgelehnt worden, und Graf Zedlitz ist zurückgetreten. Man ist sehr froh darüber, und ich glaube, daß allgemeine Erleichterung herrscht. Caprivi will abdanken, aber ich vermute, daß das Gesuch nicht angenommen werden wird. Es täte mir aus vielen Gründen leid, wenn er wegginge. Er ist sicher kein Staatsmann, aber ein anständiger, wohlmeinender, gewissenhafter und sicherer Charakter..." Im Verlaufe des Jahres 1892 wurde es klar, daß heftige Anstrengungen gemacht wurden, um eine Versöhnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Fürsten Bismarck zu erreichen. Die Kaiserin betrachtete eine solche Versöhnung mit Unruhe; sie gibt ihre Gründe in ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 4. Juni 1892 deutlich an:
"Vermutlich hast Du von den Anstrengungen gehört, die gemacht werden,
um eine Versöhnung zwischen Bismarck und W. zustandezubringen. Ich
würde sie in vieler Beziehung für gefährlich halten. Es würde zu lang
sein, Dir alles zu erzählen, aber Willy wird bald ganz in den Händen
der ostpreußischen Clique und der Industriellen sein, wie etwa Stumm.
Dieser hatte die Aufgabe, das Feld abzutasten und zu erkunden, ob
Bismarck W. auf seinem Wege nach Kiel treffen wollte, wo er den Kaiser
von Rußland sehen will; W.s Zug sollte unter Umständen in
Friedrichsruh halten. Wenn es sich nur um eine Form der Höflichkeit
handelte, würde es nichts schaden. Aber die Industriellen verlangen
einen Einfluß in der Politik, besonders im Sinne des Schutzzolls. Ich
fürchte, daß, wenn sie Erfolg haben, Caprivi sofort zurücktreten wird,
was ich aus vielen Gründen sehr bedauern würde. Der Minister des
Innern, Herrfurth, ist ein nützlicher Mann, der einzige kluge Kopf im
Ministerium, daher sind Eulenburg und die Konservativen eifrig bemüht,
ihn loszuwerden. Nirgends ist so etwas wie Festigkeit zu finden..."
In den folgenden Monaten zeigte es sich, daß auf eine Versöhnung zwischen dem Fürsten Bismarck und dem deutschen Kaiser kaum zu hoffen war; die Haltung des Exkanzlers gegen seinen früheren Herrn begann jetzt in der strengen Beurteilung, die er der inneren und äußeren Politik des Kaisers zuteil werden ließ, klarzuwerden. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß die Kluft zwischen den beiden Männern immer weiter und weiter wurde. Während der Sommermonate des Jahres 1892 erfolgte in England ein Ministerwechsel. Die allgemeinen Wahlen des Juni und Juli hatten Gladstones Rückkehr zur Macht zum viertenmal bewirkt. Die Wahlen waren ursprünglich wegen des Home-Rule-Erlasses für Irland ausgefochten worden, eine gesetzmäßige und verfassungsgemäße Streitfrage, wegen deren Lord Rosebery, der nun zum Staatssekretär des Äußeren in Gladstones Ministerium ernannt wurde, mit seinem Vorgesetzten nicht ganz übereinstimmte. Auf diese Ereignisse spielte die Kaiserin Friedrich in ihrem Brief an die Königin Victoria vom 16. August 1892 an:
"Es war mir eine große Erleichterung, zu hören, daß Lord Rosebery den
Posten als Staatssekretär des Äußeren angenommen hat, da, wenn auch
seine Nichtannahme ein Schlag für die Gladstonianer gewesen wäre,
sogar in kurzer Zeit, ohne Lord Rosebery im Auswärtigen Amt nicht
wieder gutzumachender Schaden hätte angerichtet werden können. Ich
fühlte mich vor allen Dingen Deinetwegen und dann auch unseres lieben
Landes wegen unglücklich und unbehaglich. Der Gedanke, daß das größte
und ruhmvollste Reich der Welt, dessen Angelegenheiten im ganzen so
gut und erfolgreich und sorgfältig geleitet werden, wie man es sich
nur wünschen kann, durch ein unglückliches Zusammentreffen von
Umständen in Unbestimmtheit und Ungewißheit, in eine stürmische See
phantastischer unvernünftiger Versuche gestürzt werden sollte, erregt
mich tief. Ich war über Ägypten sehr beunruhigt. Die Torheit, ein
Unternehmen, für das so viel Blut und Geld, Gedanken und Mühen
verausgabt worden sind, aufzugeben, scheint mir zu traurig und leider
in jeder Beziehung zu gefährlich. Du weißt, daß ich nicht
chauvinistisch bin und Prestige oft ein leeres Wort bedeutet, aber in
diesem Fall ist Prestige eine Macht und eine Wirklichkeit, die zum
Guten benutzt werden muß. Warum sollten wir den Franzosen Platz
machen, da wir wissen, daß dies eine Reihe von Unglücksfällen nach
sich ziehen würde; wenn wir Ägypten
aufgeben, werden wir dort niemals wieder Einfluß haben - die nächste
Besetzungsarmee wird eine französische sein.
Wir wissen hier in Deutschland, wie sehr die Russen zur indischen
Grenze drängen und alle ihre Streitkräfte und ihr Material dorthin
bringen. Alle die, welche England wohlwollen, sind überzeugt, daß
40000 oder 50000 Mann mehr gebraucht werden, als wir jetzt in Indien
haben, und halten diese Zahl nicht für hoch. Das Opfer ist klein im
Vergleich zu dem, welches wir bringen müßten, wenn die Rückeroberung
eines Teiles des indischen Reiches notwendig sein sollte. Wir müssen
auf der Hut sein und nichts unterlassen, was uns stärken könnte,
während jede Schwäche unsere Feinde nur zum Angriff verleiten
würde. Das ist meine feste Überzeugung.
Als ich hörte, daß Lord Rosebery nach Frankreich gegangen sei und die
Stellung nicht annehmen wollte, fürchtete ich, daß er Mitglieder der
französischen Regierung gesprochen und aus ihrem Munde von den
Versprechungen gehört haben könnte, die Gladstone Frankreich in Bezug
auf Ägypten gemacht hat. Die Rede Sir C. Dilkes ließ mich dies
fürchten. Wenn aber Gladstone andererseits sein Amt auf jeden Fall
übernehmen will, wird er vielleicht Lord Rosebery nachgeben und auch
noch andere Wünsche bewilligen? Du hast oft sehr schwierige Zeiten
durchgemacht; jedermann bewundert die Art und Weise, mit der Du solche
Dinge aufnimmst, worüber ich immer stolz bin.
Gott möge verhüten, daß die erbärmliche Home-Rule-Gesetzvorlage
durchgeht. Einige Leute meinen, daß G. das Haus der Lords abschaffen
wird, wenn sie es nicht annehmen, aber dies ist leichter gesagt als
getan. Nach Meinung von anderen will er neue Adlige schaffen und so
die Hilfe bekommen, die er braucht. Dann wieder hört man, daß er den
'Oberstkommandierenden' abschaffen will, gerade wie einst die Würde
des Großadmirals abgeschafft worden ist. Aber das ist viel mehr
politisches Geschwätz als etwas anderes. Einer Sache bin ich sicher:
daß nämlich der G. O. M. ['grand old man', der große alte Mann =
Gladstone], trotz aller seiner Launen, seiner Eitelkeit, seines
Fanatismus und seiner Fähigkeit sich einzubilden, der von ihm
eingeschlagene Kurs sei der richtige, doch aber der Krone gegenüber
vollkommen aufrichtig ist. Ich habe das oft beobachtet, und es würde
ungerecht sein, dies nicht zuzugeben oder ihm die Lauterkeit seiner
Empfindungen abzusprechen, wenn ich auch davon überzeugt sein muß, daß
er ein gefährlicher Politiker ist und ich nicht dem Programm
zustimmen kann, das er so oft verkündet hat; viele seiner Parteigänger
werden aber versuchen, ihn zu zwingen, sich an seine Worte zu halten
- ich bin überzeugt, daß seine Politik wegen ihrer völligen
Unausführbarkeit mit einem Zusammenbruch endigen wird.
Vielleicht sollte ich nicht so offen sprechen, da er im Amt ist und
jeder versuchen muß, soweit es möglich ist, Unheil zu verhüten
... Inzwischen werden die Konservativen sehr froh sein, etwas Ruhe zu
bekommen..."
Die Aufmerksamkeit Deutschlands galt im folgenden Winter ausschließlich den Armeevorlagen, die vom Kanzler, General von Caprivi, im November vorgelegt wurden. Diese Vorlagen sollten die Armee außerordentlich verstärken und fanden infolge der schlechten Handelsbilanz Deutschlands im Reichstag heftigen Widerstand. Am 7. Januar 1893 schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria: "Ich fürchte, die Lage hier ist sehr unbefriedigend. Die Generäle und militärischen Sachverständigen sind fest davon überzeugt, daß die Armeereform für unsere Sicherheit dringend notwendig ist. Ich glaube ihnen, was sie sagen, und wünsche ihnen von ganzem Herzen, daß sie erreichen, was sie wollen. Leider ist die Regierung in der ungeschicktesten Weise vorgegangen. Anstatt die öffentliche Meinung langsam vorzubereiten (vor allen Dingen die Abgeordneten zu überzeugen), überfielen sie das Volk mit dieser ungeheuren Geldforderung, zu einer Zeit, da die traurigen Folgen des Bismarckregimes am empfindlichsten zu fühlen sind. Das Daniederliegen des Handels und der unbefriedigende Zustand der Landwirtschaft, die immer wachsende, jetzt fast alles zu Boden drückende Steuerlast! W.s große Unbeliebtheit und die allgemeine Unzufriedenheit machen dieses Gesetz beim Volke so verhaßt, daß für seine Annahme, wie ich fürchte, keine Aussicht besteht. Eine Reichstagsauflösung würde die Lage noch verschlimmern und Caprivis Rücktritt ein Unglück sein. Das alles ist sehr traurig, und ich bin sehr besorgt. In diesen 21 Jahren hat das monarchische Prinzip sehr viel gelitten. So viele Fehler sind gemacht, unglückliche Reden gehalten, so viele Leute verletzt und beleidigt worden usw..., daß eine sehr wenig schöne Stimmung allgemein verbreitet ist. Alle Parteien (die blindesten Bismarckianer ausgenommen) wollen Caprivi halten, dessen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit nach den langen Jahren des Regimes Bismarck so sehr geschätzt werden, aber was ist zu tun? Weder W. noch Caprivi können die Lage vollkommen verstehen - sie haben keine politische Kenntnis oder Erfahrung, dazu ersterer noch einen ganzen Haufen Vorurteile usw..., die Wirkung seiner Umgebung, in der er immer gewesen ist. Ich wünschte von ganzem Herzen, daß man ihm helfen könnte, aber seine ganze politische Erziehung müßte umgestellt, ganz andere Leute in seine Umgebung gebracht und alles ihm vom richtigen Standpunkt aus erklärt werden. All mein Ärger und meine Bitterkeit (für die mir W. mehr als einen Grund gegeben hat) verkehren sich in Besorgnis und Teilnahme und Mitleid, aber ich bin ganz machtlos, auch nur das geringste tun zu können, und kann nur, leider ohne alle Aussicht auf Erfüllung, hoffen, daß die Dinge sich von selbst einrenken." Die Aufmerksamkeit der Kaiserin wandte sich bald darauf dem Besuche zu, den der deutsche Kaiser zur silbernen Hochzeit des Königs und der Königin von Italien in Rom abstattete. "Armer König von Italien," schrieb die Kaiserin am 18. April ihrer Mutter, "der Besuch wird ihn vollkommen zu Grunde richten, da er alles aus seiner eigenen Tasche bezahlen muß; die Flottenrevue und die Parade und alles andere wird ihn etwa zwei Millionen Lire kosten. Ich fürchte, das Bündnis wird den Italienern so lästig, daß sie es nicht werden aufrechterhalten können. Wenn Wilhelm dies nur einsehen würde! Man sieht es in Berlin gar nicht gerne, daß er jetzt reist, da die Militärvorlage im Reichstag durchgefochten werden muß. Der Quirinal muß eingerichtet und der riesige Palast in Neapel instand gesetzt werden. Es ist wirklich sehr unbedacht, den italienischen Hof mit einem solchen Gefolge zu überschwemmen, ich bin ganz unglücklich darüber." Im Sommer 1893 besuchte die Kaiserin ihre Tochter, die Kronprinzessin von Griechenland, in Athen. Aus Athen schrieb sie dem Baron von Reischach einen Brief, der besser als alle anderen ihre Meinung über die politische Lage in Deutschland klarmacht. Die allgemeinen Wahlen vom Juni 1893 hatten eine kleine Mehrheit für die Regierung gebracht, welche die Politik der Armeevergrößerung trotz der Opposition der Sozialisten durchführen wollte. Die Kaiserin freute sich über den Sieg der Regierung; das Ereignis gab ihr Gelegenheit, die Entwicklung des politischen Gedankens in Deutschland während der letzten zehn Jahre darzustellen. Natürlich war ihre Meinung über Bismarck im Laufe der Jahre milder geworden, das kommt auch in ihrem Briefe zum Ausdruck: "Über die Wahlen denke ich ganz wie Sie und neige nicht zum übertriebenen Schwarzsehen. Es ist aber sehr schwer für mich, ein solches Thema zu erörtern und gar schriftlich zu besprechen. Mein Standpunkt und mein politisches Glaubensbekenntnis sind sehr verschieden von dem Ihrigen. Alles, was ich erlebt und erfahren habe, alle Studien und Beobachtungen haben dazu beigetragen, meine Ansichten zu befestigen. In einem, glaube ich aber, stimmen wir ganz überein, in dem Ideal, das wir uns von dem Vaterlande machen, in dem glühenden Wunsch, es auf der Höhe zu sehen, auf der höchsten Stufe nicht nur der äußeren Macht, sondern der inneren Gesundheit, der inneren Festigkeit und Kraft, das heißt, des inneren Wertes. Noch manches ist da vorhanden, das erst rechte und geordnete Gestalt gewinnen muß. Armes Deutschland, es hat eine geschichtliche Entwicklung gehabt, die manche seiner großen Eigenschaften gefördert und wiederum andere ganz verkümmert hat. Man muß tiefer schauen als auf die Oberfläche, man muß es erkennen, wie der Mangel an Urteil, an Ruhe und an politischem Sinn vorhanden und wie natürlich das ist, wie unselbständig der einzelne im politischen Denken, daher wie zugänglich einer Lehrformel. Der wilde, giftige Unsinn des Sozialismus, der eine so täuschende und einschmeichelnde Form annimmt, mit seinen hohlen Phrasen und seinen Trugschlüssen, hätte sonst nie so stark die Menschen betört. Die wahre, vernünftige und menschenwürdige Freiheit, die den Menschen im guten Sinne konservativ macht, ist nicht gepflegt und nicht gelehrt und gepredigt worden. Für sie hatte der große Mann, der so Erstaunliches geleistet, keinen Sinn. Sie allein wäre der Damm gewesen gegen die Sturmflut des Wahnsinns, den man Sozialismus nennt, denn sie lehrte selbständig denken und erkennen, wo das wahre Wohl und die Pflicht des einzelnen liegt. Aber das paßte nicht in das Programm, das von oben her und in kurzer Zeit alles schaffen wollte, was sonst langsam und von innen heraus gewachsen wäre. Glauben Sie nicht, daß ich ungerecht sein möchte gegen den großen Mann. Ich will weder seine Leistungen herunterziehen, noch ihn schmähen, noch schelten, er hatte eine ungeheure Kraft, er war ein großer Hebel, er gab, was er hatte. Aber daß er war, wie er war, brachte neben allen glänzenden Erfolgen seines auf schwindelnde Höhe gestiegenen Glückes auch manche Nachteile. Ich kann nicht anders als glauben, daß Kaiser Friedrichs edle, redliche, selbstlose Natur allmählich durch folgerichtiges, vorsichtiges Entgegenwirken, bewußtes, überlegtes Entgegenarbeiten gegen diese Nachteile, die er als feiner und ruhiger Beobachter genügend kennengelernt hatte, Bismarcks großes Werk vollendet und ergänzt hätte. Dies große Geschenk hätte nur er seinem heißgeliebten Volke bringen können. Jetzt liegt es mit ihm im Grabe, und die Dinge müssen nun schwierigere Wege gehen und es muß wahrscheinlich die Weisheit und Erfahrung etwas teurer erkauft werden. Doch wird gewiß endlich sich alles herausrappeln aus der Unklarheit, Verwirrung und Aufgeregtheit, die jetzt sehr verbreitet scheint. Deutschland hat viel zuviel Köpfe und treue Herzen zu seiner Verfügung, um nicht nüchtern und verständig am eigenen Ausbau zu arbeiten. Der Siegesrausch ist vorbei, der Rausch der Bestürzung und übertriebenen Besorgnis wird auch vorübergehen und gewiß eine vernünftigere Stimmung sich aus dieser Gärung heraus entwickeln. Freilich hätte meiner Meinung nach diese Leidenszeit, die wir jetzt durchmachen müssen, der Nation erspart werden können. Aber es gibt nicht immer große Männer und nicht immer Souveräne, die so für ihren Beruf geschult, vorbereitet und geschaffen waren wie der, den wir ewig beweinen werden. Die Nation muß lernen, sich auf sich selbst zu verlassen, und ohne sie fertig werden. Sie wird auch, dessen bin ich gewiß, ihre Aufgabe lösen und einer glücklichen Zukunft entgegengehen. Ein Mann großen Selbstvertrauens, ein Meister, sich die günstigste Lage zu schaffen, war Fürst Bismarck, schnell sein Blick, geschickt sein Griff, groß sein Mut, aber ein schlechter Erzieher und unmöglich nachzumachen. Ich spreche ohne Groll und trage ihm nichts nach. Mein Mann und ich waren nicht nach seinem Sinn. Er fand uns unbequeme Werkzeuge, und die Art und Weise, wie seine Partei uns behandelte und uns unschädlich zu machen suchte, ist bereits in die Geschichte übergegangen. Schön war diese Zeit nicht, und ihre Wirkung ist noch nicht vorbei. Ich habe viel, viel gelitten, aber wenn es im geringsten genützt hat dem, was ich mit vollster Überzeugung als die gute Sache ansehe, so will ich gerne alles getragen und gerne den höchsten Preis dafür gezahlt haben. Daß die Seele meines Sohnes der meinigen entfremdet worden ist, ist das absichtliche und bewußte Werk einer Partei. Sie glaubt, es sei eine vaterländische Tat; sie hat Macht, ich habe keine und werde wohl ungekannt, fremd und unverstanden in mein Grab gehen, weil eine einsame Frau gegen sehr viel stürmische Männer mit ihrem blinden Vorurteil nichts vermag. Das Schicksal hat es nicht anders gewollt, ich schiebe den Menschen, die uns getreten haben, keine schlechten Absichten unter. Sie glaubten dem Vaterland zu dienen und fanden die Mittel, die sie gebrauchten - zu einem guten Kriege! Die Menschen sind vergänglich, die Ideen aber nicht. Was Kaiser Friedrich gehofft und erstrebt hat, wird vielleicht auferstehen, aber noch lange, lange nicht. Vielleicht erst nach schweren Zeiten. Ich werde es nicht erleben! Verzeihen Sie diese lange Auseinandersetzung; in der schönen stillen Nacht in Tartoi habe ich Zeit, all das zu überlegen. Und wenn mir das Herz vor Schmerz und Bitterkeit zerspringen will, sobald ich an Berlin denke, dann sehe ich hinauf zu den goldenen Sternen und werde wieder still und friedlich, denn es geht doch oft alles besser, als man denkt, und ein paar Jahrzehnte sind in dem Leben der Völker wie ein paar Minuten. Und an den ewigen Fortschritt und an die ewige Weiterentwicklung glaube ich fest, ob schneller, ob langsamer, wenn auch die Menschen frühzeitig verschwinden, die ihr Körnlein dazu hätten beitragen und helfen können, manchen Rückschlag dieses Fortschritts zu verhindern und zu vermeiden." Das Jahr 1894 begann mit der scheinbaren Versöhnung zwischen Fürst Bismarck und dem Kaiser Wilhelm. Der Fürst wurde vom Kaiser herzlich und ehrenvoll empfangen; eine vom Volke dargebrachte Huldigung begrüßte den greisen Exkanzler auf seinem Weg zum Kaiser. Wilhelm II. war jetzt fest entschlossen, Deutschland eine so große Ausdehnung wie möglich zu verschaffen; in seiner Kolonialpolitik wurde er von seinem früheren Kanzler unterstützt, der während der letzten Jahre seine Ansichten über dieses Thema geändert hatte. Im Juni 1894 machte Deutschland Einwendungen gegen gewisse Paragraphen eines im vorhergehenden Mai zwischen Großbritannien und dem Kongo-Freistaat unterzeichneten Übereinkommens, durch den ein Streifen Landes an Großbritannien für den geplanten Bau einer Kap-Kairo-Eisenbahn verpachtet wurde. Dies würde einen Gürtel britischen Gebiets zwischen dem Kongo und Deutsch-Ostafrika bedeutet haben; unter dem Druck Deutschlands wurde die Pacht aufgegeben. Die Exkaiserin beobachtete Bismarcks Haltung diesen Fragen gegenüber mit Aufmerksamkeit und schrieb am 21. Juni 1894 an die Königin Victoria:
"Ich glaube, daß die deutsche Regierung eine ganz falsche Ansicht über
den Kongo hat und sich ohne jeden Grund außerordentlich unbeliebt
macht. Es ist zu töricht, England wegen irgendeiner Falschheit oder
eines möglichen Verrates zu beargwöhnen - das liegt nicht in unserer
Art. Ich war immer sehr gegen deutsche Kolonien in Afrika. Sie haben
keinen Sinn für Deutschland, sondern bedeuten nur Ausgaben und
Unruhen. Die Deutschen wissen nicht, wie man Kolonien behandelt und
verwaltet; dort werden sie nur streitsüchtig und eingebildet und sind
immer auf dem Anstand; kurz, es scheint mir ganz überflüssig, sich auf
ein solches Abenteuer einzulassen. Fritz dachte auch so. Fürst
Bismarck war früher diesen Kolonialbestrebungen sehr feindlich
gesinnt, nahm sie dann aber plötzlich auf. Einer seiner Freunde, ich
glaube, es war General von Schweinitz, sprach seine Überraschung über
diesen Wechsel aus, und Bismarck antwortete: 'Ich glaube auch, daß
Deutschland ohne seine Kolonialpolitik besser daran wäre, aber ich muß
ein Mittel haben, um den deutschen Ärger gegen England zu nähren, wenn
ich ihn brauche, weil der Kronprinz einer Freundschaft mit England
allzu geneigt ist, und ich imstande sein muß, ihn durch 'deutschen
Patriotismus' in Schach zu halten. Ich brauche oft Englands Mitarbeit,
aber ich wünsche den Einfluß britischer Ideen in Deutschland nicht,
die den Konstitutionalismus und Liberalismus betreffen, dem die
Kronprinzessin ergeben ist. Ich muß auch ein Mittel haben, um England
verhandlungsbereit zu machen, wenn ich seine Hilfe brauche, und daher
muß ich die deutsche Kolonialbegeisterung anstacheln.' Ich weiß nicht,
ob ich Dir das je erzählt habe - es ist eine Weile her, aber ich
erinnere mich jetzt daran. Es gleicht dem schlauen alten
Fuchs so sehr - es mag für seine selbstherrlichen Regierungsabsichten
sehr günstig gewesen sein, so daß er einer großen Menge erregbarer,
heftiger und kurzsichtiger Deutscher als der größte Patriot ihrer Tage
erschien, dessen größter Wunsch es war, Deutschlands Stellung zu
verbessern, seine Ehre und seinen Ruhm aufrechtzuerhalten und seinen
Namen im Triumph über das Meer zu führen. Wenn man es praktisch und
unparteiisch ansieht, ist es großer Unsinn. Wenn die Deutschen eine
wirkliche, nützliche, gute Kolonie an einem Orte wünschen, an dem sich
viele Deutsche bereits angesiedelt und kolonisiert haben, so wäre der
Süden von Brasilien viel besser, auch hätte man zeitweilig in Paraguay
eine sehr günstige Gelegenheit gehabt, und zwar nach dem Kriege, als
die Bevölkerung dort zusammengeschrumpft war. Dort sind Gebäude,
Straßen, schiffbare Flüsse usw., und man hätte eine nützliche
Tätigkeit entfalten können, während in Kamerun das Klima unmöglich
scheint und die ganze Sache unbefriedigend, ein Fehler und ein
Mißerfolg geworden ist.
Aber das ist nur meine private Ansicht. Ich weiß, daß Du mich nicht
verraten wirst. Mir liegen Deutschlands Belange in jeder Einzelheit
ebenso am Herzen wie dem Fürsten Bismarck, aber ich wünsche nicht,
Deutschland zu allen möglichen Dummheiten zu treiben, indem ich ein
falsches Vaterlandsgefühl errege. Ich möchte sein Volk im ruhigen
Besitz einer größeren Zivilisation, Freiheit, Kultur und größeren
Wohlstandes sehen. Befreit von manchem Joch, das auf ihm lastet. Ich
bin überzeugt, daß dies durchaus möglich ist, während es auf dem
besten Fuß mit England steht, ohne mit irgendwelchen englischen
Notwendigkeiten in Widerstreit zu geraten; die wahre Größe und Macht
liegen in der Entwicklung, liegen im Fortschritt eines Volkes. Da
Deutschland eine so große Armee zu halten genötigt ist, scheint mir
eine unverhältnismäßig große Flotte sowohl vom wirtschaftlichen wie
vom politischen Standpunkte aus ein Mißgriff zu sein.
Wilhelms einziger Wunsch ist, eine Flotte zu haben, die größer und
stärker als die britische ist, aber mir scheint dies der reine
Wahnsinn zu sein, und er wird sehen, wie unmöglich und nutzlos sein
Vorhaben ist. Eine Seemacht, die für Deutschlands Bedürfnisse groß
genug und so gut wie möglich ist, ist alles, was mit Klugheit und
Sicherheit erstrebt werden sollte. Aber er hat verstiegene Pläne, um
ein Peter der Große, Friedrich der Große usw. zu werden, die so viel
aus ihrer eigenen Gedankenwelt heraus schufen, und vergißt, daß
Deutschland nach Freiheit und vielen Verbesserungen
dürstet, und daß diese Aufgabe, die ihm als Erbschaft von seinem Vater
hinterlassen worden ist, eine ganz andere Beschaffenheit hat."
Diesem Brief fügte die Kaiserin eine Nachschrift hinzu, die zeigt, daß sich ihre Ansicht über Bismarck seit seiner Entlassung im Jahre 1890 keineswegs eingreifend geändert hat: "Ich würde an Deiner Stelle dem Lord Rosebery nicht erzählen, was ich Dir in meinem Briefe heute morgen anvertraut habe. Er war und ist noch, wie ich glaube, mit den Bismarcks sehr befreundet, ich kann also nicht wissen, ob Bismarck seine eigenen Worte nicht noch einmal zu hören bekommt. Ich erinnere mich, daß er sie zu Schweinitz äußerte, der ein sehr zurückhaltender, vorsichtiger und taktvoller Mann ist, aber B. würde dann wütend auf ihn sein und ihm nie wieder etwas erzählen. Wenn Fürst Bismarck nicht mehr lebt und Schweinitz nichts Unangenehmes passieren kann, würde es gleich sein, wer es weiß - es würde Lord Rosebery dann Spaß machen und ihn anregen. Fürst Bismarcks hinterhältige, knifflige Art - seine Schlauheit, die sich darin zeigte, daß er alles zu seinem Vorteil, zu seiner eigenen Macht zu wenden wußte, machten es schwierig, ihm die Spitze zu bieten. Deutschland hat man jetzt unruhstiftende und kostspielige Kolonien aufgehalst, die seiner Eigenliebe schmeicheln; das Volk sieht in ihnen in seiner Begeisterung ein anderes Blatt des Lorbeerkranzes, der die Stirne seines größten Wohltäters und Vaterlandsfreundes, des großen Kanzlers umgibt, und nur einige wenige Kluge erkennen, welch zweifelhafte Wohltat er seinem Vaterlande erwiesen hat. Ich kann natürlich meiner Meinung keinen freien Ausdruck geben, da ich mich vielen Mißverständnissen aussetzen und mir Mangel an deutschem Gefühl vorgeworfen werden würde. Da die deutsche Regierung sich einmal auf die Sache eingelassen hat, muß sie natürlich fortführen, was sie anfing, und sie würde es als sehr erniedrigend betrachten, wenn sie eine Politik aufgeben müßte, in die sie sich so schnell kopfüber gestürzt hat. Die Unternehmung ist märchenhaft und entzückt Wilhelm, wie alle überraschenden, ungewöhnlichen, aufsehenerregenden und neuen Dinge. Ich bin sehr froh, daß ein ruhiger, zuverlässiger und kluger Mann wie Hatzfeldt jetzt gerade in London ist - es würde so leicht sein, Unheil anzurichten, und sehr schwer, wieder herauszukommen." Im Oktober 1894 trat General von Caprivi zurück oder wurde, wie man teilweise glaubte, seines Postens als Reichskanzler enthoben; seine Stelle wurde vom Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe eingenommen. Die Kaiserin Friedrich hatte lange eine sehr hohe Meinung von Caprivi gehegt und sprach sie, ohne zu zögern, in ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 18. Dezember 1894 aus:
"Von den meisten klugen und vernünftigen Leuten wurde Caprivi als
Hemmschuh am Regierungsrad und Sicherheit dafür empfunden, daß man
sich in kein plötzliches Abenteuer stürzen würde. Die schnelle,
einfache und unfeierliche Art und Weise, in der er (allem Anschein
nach) entfernt wurde, ließ weite Kreise des Volkes befürchten, was nun
folgen sollte. Fürst Hohenlohe, sicherlich ein kluger, ruhiger und
vorsichtiger Mann, ist offenbar im Sturm erobert und überredet worden
oder hatte keine Zeit, die Folgen seines Schrittes zu überlegen. Der
starke rückschrittliche und ultrakonservative Geist, der für hundert
und mehr Jahre der Grund alles Unglücks in Deutschland war, hat die
Oberhand gewonnen; die Regierung hat einen sehr schnellen Schritt
getan, der, wie ich fürchte, mit einer Niederlage enden wird.
Ich bin nur ein stummer und sehr besorgter Zuschauer der Vorgänge. Man
müßte an Ort und Stelle sein, um die Möglichkeit zu haben, zu warnen
oder einen Rat auszusprechen. Wenn aber Wilhelm etwas falsch
dargestellt worden ist, und er seine Meinung gebildet hat, was er in
zwei Minuten tut, wenn er sich dann entschlossen hat, etwas
auszuführen, und dies sofort Wirklichkeit werden läßt, so hat keine
Einmischung irgendeinen Zweck. Er kann keinen Widerspruch vertragen,
unglückseligerweise macht er auch keinen Eindruck auf ihn und hat auch
nicht die gewünschte Wirkung, ihn aufzuklären oder zu überzeugen. Er
ärgert ihn nur, erfüllt ihn mit Verdacht oder beleidigt ihn..., so
daß, wenn ich auch nur einen Schatten von Einfluß auf ihn hätte,
dieser bei allen möglichen Gelegenheiten oder Fragen mit Sicherheit
ganz zerstört werden würde. Man kann nichts Besseres tun, als den Mund
halten und die guten Gelegenheiten abwarten, so selten sie auch sein
mögen, bei denen man seine Gedanken oder Gefühle aussprechen kann.
Der arme Fürst Hohenlohe hat keine leichte Aufgabe."
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