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Die überraschenden und überwältigenden deutschen Siege während des
Deutsch-Französischen Krieges hatten Deutschland auf einen hohen
Sockel militärischen Ruhmes gestellt. Das Ansehen des Reiches war
schnell gewachsen und Bismarck wurde sich als kluger, aufmerksamer und
ehrgeiziger Mann schnell darüber klar, daß die erste Bedingung für die
Sicherheit des neuen Deutschland auf der Fortdauer der
freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland beruhte. Deutschland war
nicht länger ein zufälliges Gebilde einander bekämpfender Staaten,
sondern eine Macht, mit der man rechnen maßte. In Verbindung mit
Rußland, Österreich und Italien würde sie der beherrschende
Mittelpunkt Europas werden: das war das Ziel, dem Bismarck
zustrebte. Infolgedessen vermittelte 1872 Bismarck im nächsten Jahr
eine Zusammenkunft zwischen den Kaisern von Deutschland, Rußland und
Österreich, aus der jener etwas unbestimmt freundschaftliche
Dreikaiserbund hervorging, den man als Vorläufer von Bündnissen
betrachtete. Im Jahre 1879 wurde das deutschösterreichische Bündnis
geschlossen, dem im Jahre 1882 Italien beitrat, so daß der Dreibund
entstand.
Eine der diplomatischen Veränderungen, die dem Deutsch-Französischen Kriege folgten, war die Versetzung des Lord Augustas Loftus, des englischen Botschafters in Berlin, nach St. Petersburg und seine Ersetzung durch Odo Russell (späterem Lord Ampthill). Die Kronprinzessin hatte mit Lord Loftus nur kühle gesellschaftliche Beziehungen, da seine Sympathie für Dänemark während des Krieges von 1864 ihr nicht angenehm war; mit dem neuen Botschafter verband sie bald eine herzliche, wertvolle und dauernde Freundschaft. Russell hatte seine diplomatische Laufbahn in Wien begonnen und wurde nach kurzen Dienstleistungen in Paris, Konstantinopel und Washington im Jahre 1858 der englischen Gesandtschaft in Florenz zugeteilt, von wo aus ihm als Amtssitz Rom angewiesen wurde. Am Ende des Jahres 1870 wurden sein Takt und seine Geschicklichkeit durch eine besondere Entsendung zur Obersten Deutschen Heeresleitung in Versailles anerkannt, wo er der vertraute Freund des Kronprinzen wurde. Im Jahre 1871 wurde er zum Botschafter in Berlin ernannt. Er hatte kaum sein Amt angetreten, als er vom englischen Auswärtigen Amt die Weisung erhielt, Bismarck (der jetzt Kanzler des Deutschen Reiches war) vertraulich zu verständigen, daß Großbritannien Gefahr laufe, in einen Krieg mit Rußland verwickelt zu werden. Im verflossenen Jahre war die Rivalität zwischen Großbritannien und Rußland in Zentralasien und dem nahen Osten immer schärfer geworden; Bismarck hatte infolgedessen die wachsende Freundschaft zwischen dem Zaren und seinem Onkel, dem deutschen Kaiser, sorgfältig genährt. Im Oktober 1870 hatte der Kaiser von Rußland sich entschlossen, Rußland von einem lästigen Paragraphen des Pariser Vertrages von 1856 zu befreien, der das Befahren des Schwarzen Meeres mit Kriegsschiffen verbot, da er annahm, daß, solange Deutschland und Frankreich in tödlichen Kampf miteinander verstrickt waren, diese Mächte sich wohl kaum in die auswärtige Politik Rußlands einmischen würden. Der englische Staatssekretär des Auswärtigen, Lord Granville, drohte als unmittelbare Antwort auf die rücksichtslose Mißachtung des Vertrages mit Krieg. Bismarck schlug eine Konferenz vor, die in London im März 1871 stattfand; ein neuer Vertrag wurde geschlossen, in dem die Neutralisation des Schwarzen Meeres beseitigt wurde. Die englische Diplomatie erlitt eine völlige Niederlage; weder Deutschland noch Rußland vergaßen, daß bei dieser Gelegenheit die gegenseitige Unterstützung, die sich die beiden Mächte hatten angedeihen lassen, für Großbritannien zuviel gewesen war. Es war nur natürlich, daß Bismarcks Politik im Gegensatz zu denen stand, die ein besseres Verständnis zwischen dem neuen Deutschland und England ersehnten; als Führerin dieser Partei wurde mit Recht oder mit Unrecht die Kronprinzessin angesehen. Zu den internationalen Fragen, die Europa in Verwicklungen zu stürzen drohten, kamen die nicht weniger schwierigen Probleme, die infolge von Mißhelligkeiten innerhalb des deutschen Hofes entstanden. Der herrsch- und rachsüchtige Bismarck war der Kaiserin Augusta keineswegs freundlich gesinnt, da er annahm, daß sie seiner Politik, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Macht der katholischen Kirche in Preußen zu beschränken, Hindernisse in den Weg legen wollte; seine Beziehungen zur Kronprinzessin waren keineswegs besser: er beklagte sich oft dem englischen Botschafter gegenüber in der offensten Weise über den Mangel an Übereinstimmung zwischen ihnen. Lady Emily Russell, die 1873 Gattin Odo Russels, schrieb am 15. März 1873 nach einem offiziellen Diner in der britischen Botschaft, dem das deutsche Kaiserpaar beigewohnt hatte, an die Königin Victoria; sie gibt eine Schilderung der damaligen Spannung:
"Ich benutze die gnädige Erlaubnis, Eurer Majestät zu schreiben, um zu
sagen, von wie tiefer Dankbarkeit wir über den Besuch
Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin erfüllt sind, ebenso wie
über die außergewöhnliche Gnade, die uns zuteil geworden ist, daß Ihre
Majestäten eine Einladung zum Diner in der Botschaft anzunehmen geruht
haben.
Die hohe Ehre, die noch keiner anderen Botschaft in Berlin jemals
zuteil geworden ist, verdanken wir dem tiefen Gefühl ergebener
Bewunderung, dem Ihre kaiserliche Majestät, die Kaiserin Augusta, in
wärmster und beredtester Weise Ausdruck gibt, wenn sie von ihrer
Freundschaft und Sympathie mit Eurer Majestät spricht. Russell sagt,
daß die freundliche Betonung des guten Einvernehmens mit Eurer
Majestät Botschaft, über die in allen deutschen Zeitungen berichtet
worden ist, zur Besserung der freundlichen Beziehungen Englands und
Deutschlands mehr tun wird, als tausend Depeschen und Blaubücher. Die
Kaiserin, deren Unterhaltungsgabe, wie Eure Majestät wissen, glänzend
ist, übertraf sich an diesem Abend selbst. Ihre Majestät wiederholte
mehrere Male 'ich komme mir vor, als ob ich im lieben England wäre'
und trank, bevor sie sich vom Diner erhob, Eurer Majestät Gesundheit
in Ausdrücken liebevoller Hochachtung mit aufrichtigsten guten
Wünschen zu Eurer Majestät Wohlergehen und Glück. Ihre Kaiserlichen
Majestäten wurden von der Menge in der Straße beim Kommen und beim
Verlassen der Botschaft auf das herzlichste gefeiert.
Eurer Majestät ist bekannt, daß Fürst Bismarck auf den Einfluß der
Kaiserin Augusta beim Kaiser politisch eifersüchtig ist, da er glaubt,
daß sie seiner antiklerikalen und nationalen Politik im Wege steht und
die Bildung verantwortlicher Ministerien verhindert, wie sie in
England existieren. Die Kaiserin erzählte meinem Gatten, er (Bismarck)
habe mit Ihrer Majestät seit dem Kriege nur zweimal gesprochen; sie
drückte den Wunsch aus, daß er bei unserem Diner ebenfalls zugegen
sein möge. Nach der Etikette hätte er an der linken Seite der Kaiserin
sitzen müssen und Ihre Majestät würde dann eine Stunde Zeit gehabt
haben, während der er sich der Unterhaltung mit ihr nicht hätte
entziehen können. Fürst Bismarck nahm unsere Einladung an, sagte aber,
daß er vorziehen würde, seinen Platz ungeachtet der Etikette an den
österreichischen Botschafter abzutreten. Am Tage des Diners aber
schickte Fürst Bismarck kurze Zeit vor der festgesetzten Zeit eine
Entschuldigung, die besagte, daß er an Hexenschuß litte. Die
Diplomaten deuten an, daß diese Krankheit diplomatischer Natur sei.
Fürst Bismarck drückt seine Abneigung gegen die Kaiserin
häufig mit so heftigen Worten aus, daß mein Gatte in eine um so
schwierigere Lage gebracht wird, als er sich auch über den zwischen
Ihrer Königlichen und Kaiserlichen Hoheit, der Kronprinzessin, und ihm
selbst bestehenden Mangel an Harmonie beklagt. Er gibt zu, imstande zu
sein, mit dem Kronprinzen übereinzustimmen, fürchtet aber, daß ihm
dies mit der Kronprinzessin niemals möglich sein wird.
Diese Lage ist sehr betrüblich; mein Gatte ist um so unglücklicher
über sie, als er Schwierigkeiten für die Zukunft voraussieht, die sich
der diplomatischen Beeinflussung völlig entziehen. Fürst Bismarck
gebraucht die Presse in vollkommen skrupelloser Weise, um seinen
politischen Gegnern den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wie sein
Brief beweist, welcher der Kaiserin vorwirft, sie habe den aufsässigen
katholischen Priestern durch den Kammerherrn Grafen Schaffgotsch Geld
zukommen lassen.
Mein Gatte fürchtet, daß Fürst Bismarck versuchen wird, die Stellung
der Kronprinzessin in der Öffentlichkeit möglichst zu erschweren, um
bei der Verwaltung Deutschlands, das er ebenso ganz zu einigen
wünscht, wie Cavour Italien geeinigt hat, nämlich durch Mediatisierung
der regierenden Fürsten, völlig freie Hand zu haben.
Der Kaiser drückte seine Freude über die große Ehre, die der Gräfin
Bernstorff durch Eurer Majestät Besuch widerfahren sei, auf das
wärmste aus und sagte, daß er und die Kaiserin tief dadurch berührt
worden seien. Ihre Majestäten wissen noch nicht, wen Fürst Bismarck
als Nachfolger des armen Grafen Bernstorff vorschlagen wird.
Wir wurden vor einer Woche durch einen Besuch der Prinzen Wilhelm und
Heinrich in Begleitung ihres Lehrers, Herrn Hinzpeter, geehrt. Jeder,
der die Freude hat, mit dem Prinzen Wilhelm zu sprechen, wird durch
seinen natürlichen Charme und sein liebenswürdiges Wesen, seine große
Intelligenz und seine bewundernswürdige Erziehung gefangen. Die
Rückkehr Ihrer Kaiserlichen Hoheiten, des Kronprinzen und der
Kronprinzessin, war uns eine große Freude, da wir uns davon überzeugen
konnten, daß die Gesundheit des Kronprinzen wieder vollkommen
hergestellt ist. Wir hatten vorgestern die Ehre, allein mit Ihren
Kaiserlichen Hoheiten zu dinieren und waren entzückt, zu sehen, wie
gut Seine Kaiserliche Hoheit aussieht; mit Ausnahme einer etwas
blassen Gesichtsfarbe hat seine Krankheit keine Spuren
hinterlassen. Ihre Kaiserliche Hoheit sah ausgezeichnet aus."
Seit dem Deutsch-Französischen Krieg waren die Beziehungen zwischen der Kronprinzessin und dem Prinzen von Wales völlig ungetrübt gewesen. Bruder und Schwester hatten sich verschiedentlich gegenseitig besucht. Als im Juli 1874 das kronprinzliche Paar in London war, 1874 wo es in der deutschen Botschaft abstieg, beschrieb die "Times" in einer Sympathiekundgebung den Kronprinzen als "den beständigen Freund einer freien und liberalen Verwaltung Preußens" und gab der Ansicht Ausdruck, daß, wenn der liberal gesonnene Kronprinz den deutschen Thron besteigen würde, die hauptsächlichsten Hindernisse, die sich einer Freundschaft beider Länder in den Weg stellten, überwunden werden würden. Ende August 1874 kamen der Prinz und die Prinzessin von Wales nach Berlin, um der Konfirmation des Prinzen Wilhelm von Preußen beizuwohnen. Nach der Feierlichkeit schrieb der Prinz von Wales am 1. September 1874 aus dem Neuen Palais an die Königin Victoria: "Ich war von der einfachen Feierlichkeit des Gottesdienstes tief ergriffen. Willy bestand sein Examen ausgezeichnet; die Fragen, die er zu beantworten hatte, nahmen etwa eine halbe Stunde in Anspruch. Es war eine schwere Prüfung, die er in Anwesenheit des Kaisers, der Kaiserin und seiner ganzen Familie zu bestehen hatte. Ich war nur zu froh, nach der Zeremonie mit Vicky, Fritz und Willy das Abendmahl zu nehmen; der Gottesdienst ist beinahe ebenso wie bei uns. Willy freute sich sehr über Deine Geschenke, die in meinem Wohnzimmer für ihn aufgebaut waren. Ich las ihm Deinen Brief und die Widmung vor, die Du in die Bibel geschrieben hast; ich finde beide prachtvoll. Alle Deine Worte sind sehr wahr." Der Brief der Kronprinzessin an ihre Mutter vom 1. September lautet:
"Es ist eine schwierige Aufgabe, Dir den heutigen Tag zu be schreiben,
da mein Herz noch so voller Erregung ist, daß ich nicht weiß, wie ich
beginnen soll. Vor allem laß mich Dir herzlichst für all die gütigen
und rührenden Beweise Deiner Zuneigung danken.
Dein lieber Brief kam heute morgen vor der Feier an; natürlich
bedeutete er eine große Freude für mich, da ich Deine Abwesenheit
gerade bei dieser Gelegenheit schmerzlich empfinde. Dein Brief an
Wilhelm und besonders die Worte, die Du in seine Bibel geschrieben
hast, sind prachtvoll und rührten Fritz auf das tiefste. Wir danken
Dir viele tausend Male dafür. Willy war entzückt und überrascht,
plötzlich Besitzer eines so großen und schönen Bildes vom lieben Papa
zu werden. Der liebe Bertie ist voller Freundlichkeit und
Rücksichtnahme, sehr liebenswürdig und allen sehr zugetan - er nimmt
alles, was wir für seine Bequemlichkeit tun können -, es ist nicht
sehr viel -, mit der größten Freundlichkeit auf. Er ist ein ebenso
vorbildlicher Gast wie Wirt - das will viel heißen! Es ist eine große
Freude, ein großes Glück, daß er hier ist, da ich recht bedrückt
gewesen wäre, wenn ich niemanden von meiner eigenen Familie hier
gehabt hätte.
Die Feierlichkeit fand um 11 Uhr statt. Fritz und ich fuhren mit
Willy und brachten ihn in die Sakristei, um dort zu warten, bis sich
die Gesellschaft versammelt und ihre Plätze in der Kirche eingenommen
hatte. Wir empfingen den Kaiser und die Kaiserin sowie diejenigen
Mitglieder der preußischen Familie, die hier waren, vor der
Friedenskirche in dem Kreuzgang, an den Du Dich entsinnen wirst; dann
gingen wir alle zusammen hinein. Die Kirche war mit grünen Kränzen und
Pflanzen sehr hübsch geschmückt. In der Mitte war ein niedriger Aufbau
errichtet, zu dem zwei Stufen hinaufführten; darauf stand der für
diese Gelegenheit errichtete Altar, außerdem waren für Willy ein Stuhl
und ein kleines Pult hingestellt worden. Ein von mir selbst
gearbeiteter Teppich bedeckte die Stufen, und die Decke, die einst
über meines lieben Sigies Sarg lag - ich habe sie der Kirche als
Altardecke geschenkt -, bedeckte den Abendmahlstisch. Sie ist ganz aus
weißem Atlas mit einem S und der Krone in Gold in den Ecken.
Für die Mitglieder der Königlichen Familie waren zwei Reihen Stühle
vorgesehen. Der Rest der Gesellschaft stand im Kirchenschiff (ich
fürchte, daß sie sehr müde geworden sind, da die Feierlichkeit sehr
lange gedauert hat). Wilhelm benahm sich sehr gut und war weder scheu
noch verlegen, sondern zeigte die größte Kaltblütigkeit. Er las sein
Glaubensbekenntnis mit lauter und fester Stimme vor, und beantwortete
die 40 Fragen, die der Geistliche ihm vorlegte, ohne Zögern oder
Verlegenheit. Des Kaisers Interesse ist warm, aber leider ist sein
Einfluß auf die Erziehung des Kindes, wann immer er ihn ausübt, sehr
schlimm. Die Kaiserin meint es
sehr gut; sie war tief bewegt, ebenso wie der Kaiser. Charlotte,
Heinrich und Vicky weinten die ganze Zeit. Die drei langen Ansprachen
des Geistlichen hätten besser und kürzer sein können, aber immerhin
verdarben sie wenigstens die Feier nicht. Die Kommunion folgte
unmittelbar darauf. Der liebe Bertie nahm das Abendmahl mit uns und
Willy, während außer uns nur drei Damen und zwei Herren unserer
Hofhaltung es empfingen. Der Kaiser und die Kaiserin blieben als
Zuschauer.
Da Du Dich auch für Kleinigkeiten interessierst, will ich hinzufügen,
daß ich in Schwarz mit einer einfachen weißen Krepelisse-Haube war und
Willy in Uniform. Manchmal fühle ich mich zu jung, um schon Mutter
eines Konfirmanden zu sein, und dann zuzeiten wieder so alt! Ein
anderer Gedanke macht mir Kummer, obgleich man vor einem Opfer nicht
zurückschrecken darf! Heute gibt es eine Art Aufbruch - in zwei Tagen
verlassen uns die Jungen, um zur Schule zu gehen, wo sie drei Jahre
bleiben und nur zu den Ferien zurückkommen werden; dann wird Willy in
die Armee eintreten und Heinrich auf die Marineschule gehen. Ich
empfinde es sehr hart, sie so aufgeben zu müssen.
Morgen ist Parade in Berlin, und den Tag darauf reist der liebe Bertie
morgens ab. Morgen verlassen uns Charlotte, Vicky und Waldy für drei
oder vier Wochen, um nach Außem zu gehen, so daß ich ziemlich betrübt
bin, aber ich hoffe, es wird ihnen gut tun. Sandown ist ihnen schon
ausgezeichnet bekommen, und ich bin sicher, daß der Aufenthalt sie für
den Winter frisch machen wird. Darf ich Dich um eine Gunst bitten - Du
hast uns schon so viel erwiesen, daß ich kaum wage, Dich zu bitten,
aber es trotzdem versuchen will -, würdest Du so gut sein und an
Willys ausgezeichneten Lehrer, Dr. Hinzpeter, dem der Junge alles
verdankt, einige anerkennende Worte schreiben? Du weißt, daß es nicht
immer leicht für mich gewesen ist, auch habe ich nicht immer in des
Doktors Gunst gestanden. Aber er hat seine Pflicht ausgezeichnet
erfüllt und sich der Erziehung der Jungen mit Herz und Seele
gewidmet. Ein Zeichen der Anerkennung würde ihm sicher das größte
Vergnügen bereiten - etwa ein paar handschriftliche Worte und ein Bild
von Dir. Ich hoffe, Du wirst mich nicht für zu unbescheiden halten.
Ich muß jetzt schließen, da ich in großer Eile bin, und es schon spät
ist. Sei so gut und teile den Inhalt dieses Briefes den Geschwistern
mit, denen es Spaß machen wird, zu hören, wie die erste Konfirmation
in der jüngeren Generation vor sich gegangen ist.
Mit nochmaligem herzlichen Dank für all Deine Güte - für die
prachtvollen Geschenke und die lieben, beherzigenswerten Worte für
Willy."
In den wenigen Jahren, die seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges vergangen waren, hatte sich die Zähigkeit des französischen Charakters in der Schnelligkeit gezeigt, mit der Frankreich sich daran machte, seine Wunden zu heilen. Vor dem Ende des Jahres 1873 war die ganze Kriegsentschädigung bereits gezahlt, die deutschen Truppen hatten die besetzten Gebiete geräumt und Frankreich war auf dem Wege, sich von seiner militärischen Erniedrigung wieder zu erholen. Bismarck beobachtete die Wiederherstellung Frankreichs mit Argwohn; als Gerüchte über eine Vermehrung des französischen Heeres und die Einfuhr von Pferden nach Frankreich in großem Maßstabe auftauchten, fürchtete er einen überraschenden Angriff und veranlaßte die deutsche Presse, dieser Drohung die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Königin Victoria wandte sich in einem handschriftlichen Brief an den deutschen Kaiser Wilhelm I. mit der Bitte, alles zu tun, was in seinen Kräften stünde, um den Ausbruch eines neuen Krieges zu verhindern, und bat den Zaren Alexander II., der zu dieser Zeit in Berlin war, sie mit seinem Einfluß zu unterstützen. Ihr rechtzeitiges Eingreifen war vollkommen gerechtfertigt, denn die Vorstellungen des Zaren hatten zur Folge, daß Bismarcks Pläne durchkreuzt wurden. Inzwischen hatte der Kanzler seine Kräfte darauf verwendet, die Macht der römisch-katholischen Priesterschaft zu vermindern, und war in Gegensatz mit dem Papst geraten, der sich über Bismarcks harte Maßregeln beklagte, die die römisch-katholische Kirche unter die Kontrolle des Staates bringen wollten. König Wilhelm erwiderte auf Bismarcks Anweisung dem Papst mit einer strikten Ablehnung seiner Wünsche; sogar Frankreich und Belgien wurden dazu gebracht, ihre Sympathie mit den katholischen Bischöfen zu verleugnen, die gegen Bismarcks Verfolgung ihrer preußischen Glaubensgenossen protestiert hatten. Die Beziehungen zwischen der Kronprinzessin und Bismarck waren in jener Zeit auf ihrem Tiefstand angelangt. Bismarcks Benehmen war seit seiner Ernennung zum Reichskanzler immer unerträglicher und rücksichtsloser geworden. Seine heimlichen oder offenen Gegner behandelte er in der Art und Weise, die Rom Karthago gegenüber angewandt hatte. Deutschland mußte, ohne nach rechts oder links zu blicken, sein großes Ziel als Führer Europas erreichen; wenn einige wenige Menschen so unbesonnen waren, sich der deutschen Maschine in den Weg zu stellen, mußten sie zerschmettert werden. Die Kronprinzessin gehörte indessen nicht zu der Menge, welche die Straßen bevölkert, sondern saß zu Füßen des Thrones; eine kleine Drehung des Glücksrades würde ihr das Recht geben, diesen Thron an der Seite ihres Gatten einzunehmen. Bismarck konnte nicht auch sie zerschmettern, aber ihre liberalen Ideen, ihre Neigung zur Demokratie, ihr Entsetzen vor der eisernen Faust und der Politik von Blut und Eisen erweckten in ihm Abneigung und einen bitteren Zorn, dessen Echo an den Höfen Europas vernehmbar war. Die Kronprinzessin sah ein, daß Deutschland Ruhe, Frieden und Erholung brauchte; sie verabscheute die Feindseligkeit, die Bismarck innerhalb und außerhalb des Staates anfachte. Ihre Haltung können wir aus ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 5. Juli 1875 ersehen; am vorhergehenden Tage hatte eine lange Unterredung zwischen dem Kronprinzen und Bismarck stattgefunden. Der Brief lautet:
"Fritz sah den großen Mann, der für einige Zeit auf das Land geht,
gestern abend. Er versicherte ihm, daß nach seiner Meinung kein Grund
zur Beunruhigung in Bezug auf die Politik gegeben sei, daß er niemals
den Krieg gewünscht habe, daß alles die Schuld der Berliner Presse
wäre usw. Er behauptete, tief zu bedauern, daß England so unfreundlich
gegen uns sei, und die heftigen Artikel gegen uns in der 'Times'
schmerzlich zu empfinden. Er könne sich nicht denken, warum England
plötzlich eine solche Haltung gegen uns einnähme. Er fügte hinzu, daß
Du außerordentlich gegen uns aufgehetzt worden seist usw., und nannte
sogar den Namen der Kaiserin Eugenie usw.!!! Das scheint mir zu
töricht. Sicher hat er die Welt nicht in dem Maße erregen wollen, wie
er es getan hat (wie Du in dem kleinen deutschen Aperçle;u lesen
kannst), und ist nun über die Folgen unangenehm überrascht. Er bildet
sich auch ein, daß in England große Besorgnis wegen Indien herrscht,
und daß England deswegen versuchen müsse, sich mit Rußland
anzufreunden (à nos dépens). Berties indische Reise wird
als Symptom angesehen! Das scheint mir sehr töricht - aber er denkt
so. Auch Lord Derbys Rede hat ihn beleidigt, was ich gar nicht
begreife. Ich bin sicher, daß alle diese Verstimmungen vorübergehen
werden; aber uns und vielen ruhigen und überlegenden Deutschen scheint
es sehr traurig und hart, immer verachtet und argwöhnisch angesehen zu
werden, wie es uns natürlich so lange ergehen wird, wie Fürst Bismarck
der einzige und allmächtige Leiter unserer Geschicke bleibt. Sein
Wille allein ist hier Gesetz. Von seinem guten oder bösen Willen ist
Krieg und Frieden abhängig. Für die größere Mehrheit der Deutschen und
die meisten Preußen ist dies ein ganz befriedigender Zustand! Er
besitzt ein unvergleichliches Prestige und ist allmächtig! Für mich
ist dieser Zustand, der außerdem sehr gefährlich scheint, einfach
unerträglich! Deutschland braucht Ruhe, Frieden und Erholung - der
Handel und die Entwicklung der Hilfsquellen im Innern machen nicht die
nötigen Fortschritte. Unser Wohlstand vermehrt sich nicht; wir sind in
einer unbehaglichen und ungesunden Lage, die so lange andauern wird,
wie das Kriegsschwert über unserem Kopfe hängt.
Der große Mann verschließt seine Augen nicht völlig dagegen das läßt
mich einige Hoffnung schöpfen. Aber solange er lebt, werden wir uns
niemals sicher und behaglich fühlen können - und wer weiß, was nach
seinem Tode geschehen wird! Er bildet sich ein, daß der Konflikt mit
der römisch-katholischen Kirche im nächsten Frühjahr zu Ende ist. Ich
kenne viele, welche diese
Meinung teilen. Im Augenblick ist Fürst Bismarck geneigt, mit
Frankreich, England, Österreich, Rußland und Italien und allen anderen
Staaten auf möglichst gutem Fuße zu stehen. Er weiß von fremden
Ländern sehr wenig, von England so gut wie nichts, so daß seine
Voraussetzungen falsch sind und er allen Unsinn glaubt, den ihm seine
Günstlinge erzählen. Seine Ansichten über die Presse sind sehr
mittelalterlich - er ist überhaupt ein ganz mittelalterlicher Mensch,
dem die wahren Theorien der Freiheit und der modernen Regierungskunst
wie hebräisch vorkommen, obgleich er ab und zu eine demokratische Idee
oder Maßregel annimmt und zuläßt, wenn er glaubt, daß sie seinen
Zwecken dienlich ist; und seine Gewalt ist unbeschränkt"
Königin Victoria antwortete am 8. Juni:
"Ich habe gerade Deinen lieben langen Brief mit der Einlage erhalten,
die genau zu lesen ich noch nicht Zeit hatte; aber ich möchte Dir die
hauptsächlichsten Punkte Deines Briefes beantworten, obgleich Du
natürlich weißt, wie töricht diese Ideen und Ansichten Bismarcks sind.
Erstens soll ich gegen Deutschland eingenommen sein oder unter irgend
jemandes Einfluß stehen! Ich war es ganz allein, die, als ich von
allen Seiten und von unseren Gesandten im Ausland von der Kriegsgefahr
hörte, diese anwies, daß alles getan werden müsse, um den Krieg zu
vermeiden, daß es unerträglich sei, ein Krieg solle durch die
gegenseitigen Verdächtigungen Deutschlands und Frankreichs ausbrechen,
daß jeder beabsichtige, den anderen anzugreifen, daß wir dies
verhindern und uns mit anderen Mächten in nachdrücklichen Ermahnungen
und Warnungen vereinigen müßten, da der Krieg nicht geduldet werden
könne. Niemand wünscht mehr, wie Du weißt, als ich, daß England und
Deutschland gut miteinander stehen; aber Bismarck ist so anmaßend,
heftig, herrschsüchtig und grundsatzlos, daß niemand das ertragen
kann; alle waren sich darin einig, daß er dem ersten Napoleon ähnlich
wird, zu dessen Niederwerfung sich ganz Europa vereinigen mußte. Das
war unsere Ansicht, und wir waren entschlossen, einen neuen Krieg zu
vereiteln. Gleichzeitig mußte nach meiner Ansicht Frankreich bedeutet
werden, daß es Deutschland keinen Grund zum Ärger oder Verdacht und
keine Ursache geben solle, um es anzugreifen. Frankreich wird viele
Jahre hindurch nicht in der Lage sein, einen Krieg zu führen und
fürchtet auch den Gedanken an einen solchen;
ich weiß, daß dies eine Tatsache ist. Der Herzog Decazes ist ein
vernünftiger und kluger Mann, der sich dessen vollkommen bewußt ist;
er bemüht sich, nur nach dieser Erkenntnis zu handeln.
Ich schrieb damals einen privaten Brief an den Kaiser Alexander und
bat ihn, mit all seinen Kräften im Sinne des Friedens auf Berlin
einzuwirken, da ich weiß, wie sehr er darauf bedacht war, den Krieg zu
vermeiden, und wie sehr er seinen Onkel und dieser ihn liebt.
Daß irgend jemand mich in dem von Bismarck angedeuteten Sinne
beeinflussen sollte, ist zu töricht. Niemand beeinflußt mich; und
wenn ich auch mit der lieben Kaiserin sehr gut befreundet bin, so
enthalten ihre Briefe kaum jemals irgendwelche Anspielungen auf die
Politik, bestimmt jedoch nichts, was gegen sie oder mich gedeutet
werden könnte; sie schickt ihre Briefe entweder durch Kurier oder auf
indirektem Wege, ebenso wie ich es tue.
Du weißt, wie unangenehm mir politische Briefe und Politik überhaupt
sind, daher ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich über solche
Dinge an sie schreiben sollte! Die Kaiserin Eugenie sehe ich ein- oder
zweimal im Jahr, sie schreibt niemals an mich! und spricht niemals
über Politik zu mir. Du siehst also, was das alles für Unsinn ist!
...
Aber Bismarck ist ein furchtbarer Mann, der Deutschland äußerst
unbeliebt macht; niemand kann die übermütige und freche Art und Weise
ertragen, mit der er andere Nationen, z. B. die Belgier, behandelt.
Du weißt, daß die Preußen leider nicht beliebt sind und keiner will
dulden, daß eine Macht ganz Europa ihren Willen aufzwingt. Mein Land
will und kann es nicht gestatten, sosehr es auch wünschen mag, Hand in
Hand mit Deutschland zu gehen."
Auch in diesen Tagen fehlte auf dem Balkan niemals der Funke, der den für Europa bedrohlichen Brand entfachen konnte; als die Christen in Bosnien und der Herzegowina im Jahre 1875 gegen die Türkei rebellierten, wandten sich Rußland und England mit dem Ersuchen an die Pforte, entsprechende Reformen zu garantieren. Aber die Verwirrung wurde größer und größer, und als im Juli 1876 Montenegro und Serbien ihrem Suzerän, der Türkei, den Krieg erklärten, stand die Balkanhalbinsel von Küste zu Küste in Flammen. Gladstone, der seine rhetorischen Kräfte immer auf die von den Türken begangenen Grausamkeiten konzentriert hatte, trat jetzt aus seiner Zurückgezogenheit heraus und wieder an die Spitze einer heftigen Bewegung gegen die Türkei, die sich in Großbritannien erhoben hatte. Ohne jede Rücksicht auf die englischen vertragsmäßigen Verpflichtungen verlangte er, daß die traditionelle Politik, welche die Türkei unterstützte, verlassen werden sollte, und daß die Türken mit Sack und Pack aus den slawischen Provinzen, wenn nicht überhaupt aus Europa vertrieben werden sollten. Die Lage wurde durch die Erfolge der türkischen Armeen erschwert, welche die Existenz Serbiens so stark bedrohten, daß ein Eingreifen Rußlands in den Bereich der Möglichkeit gerückt wurde. Am 16. September 1876 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria: "... Deine Ansichten über die orientalische Frage scheinen mir sehr richtig! Die Schwierigkeit liegt sicher darin, daß es so viele verschiedene Fragen sind, die gelöst werden müssen und die unter dern Kollektivnamen 'die östliche Frage' zusammengefaßt werden, so daß das Publikum in Verwirrung gebracht wird. Gladstone scheint einen so außerordentlichen Wechsel der Politik vorgeschlagen zu haben, daß er nach meiner Ansicht nur alles unsicher machen, dagegen aber nichts befestigen und dauerhaft zu gestalten imstande ist. Es muß sehr schwer für Deine Regierung sein, in so gefährlichem Fahrwasser den richtigen Kurs zu steuern; auf der einen Seite den Frieden zu erhalten, auf der anderen Seite ein wachsames Auge auf Rußland zu haben, was jetzt mehr denn je notwendig ist, und endlich zu einer entschiedenen und vollständigen Lösung einer Frage zu kommen, die so lange eine offene Wunde für Europa bedeutete. Den Russen ist nicht zu trauen! Sie haben die Serben aufgereizt, sie haben gefochten und sie sind, wie es mir scheint, dafür verantwortlich, den Türken Gelegenheit zur Betätigung ihrer barbarischen Sitten gegen die sogenannten Christen gegeben zu haben, die, wie ich fürchte, sich von den Türken nur dem Namen nach unterscheiden - obgleich sie mir sehr leid tun. Würde es nicht klug sein, sich zunächst darüber klarzuwerden, wieweit wir den Russen gestatten wollen, sich unserer indischen Grenze zu nähern und während wir auf dem besten Fuße mit ihnen stehen, ein für allemal zu erklären, daß jeder weitere Schritt in dieser Richtung Krieg bedeuten würde. Würde das nicht jedem ihrer Versuche, uns doch Schwierigkeiten zu machen, erfolgreich begegnen? Und würde es nicht eine ganz harmlose Maßregel sein?" Einen Monat später, am 23. Oktober 1876, schrieb sie:
"Im Osten scheint eine Ruhepause eingetreten zu sein; manchmal
empfinde ich eine unbestimmte Furcht vor dem Gedanken, daß Rußland
sich stärker als die anderen erweisen und seinen Willen, der für
Englands Interessen nicht günstig wäre, in allem durchsetzen
könne. Sind sich die Engländer der ganzen Gefahr bewußt? ... Würde
Rußland die Türken angreifen, wenn die englische Flotte im Schwarzen
Meer wäre und Österreich und Deutschland ihr zur Seite stünden?
... Fürchtet man nicht, die Russen später unmöglich aufhalten zu
können, wenn sie die Türken bekämpfen und schlagen dürfen wie sie
wollen? Siehst Du nicht ein, daß eine bestimmte Entscheidung von
seiten Englands sie vom Anfang eines Krieges, dessen Ende unmöglich
vorauszusehen ist, abhalten würde, obgleich man nur von Herzen dafür
sein kann, daß die türkische Mißwirtschaft in Europa aufhört und man
den Christen und Muselmanen eine bessere Regierung wünschen muß, als
sie bis jetzt gehabt haben. Niemand möchte doch sehen, daß Rußland
nach einem blutigen Kriege sich einfach in den Besitz des Landes und
Konstantinopels setzt und England alle Schwierigkeiten, die es sich
nur immer denken kann, zu machen imstande ist.
Man kann die türkische Sache nicht an sich verteidigen oder wünschen,
daß Blut vergossen und Geld ausgegeben wird, um eine so korrupte und
unmenschliche Regierung zu unterstützen, die keine Bürgschaft gibt,
daß sie fähig oder willens sei, Reformen durchzuführen. Wenn die Sache
zugunsten der türkischen Bevölkerung und der Fürstentümer gegen die
türkische und russische Regierung geregelt werden könnte, so würde es
das richtige sein; aber wie ist das möglich?
Hat man Morier jemals in der Sache gehört? Im Jahre 53 und 54 verstand
er sehr viel davon, als seine ausgezeichneten Berichte auf den lieben
Papa so tiefen Eindruck machten."
Bismarcks Politik des Zusammengehens mit Rußland hatte seit dem Deutsch-Französischen Kriege keine Änderung erfahren. Die Königin Victoria schrieb am 21. Oktober an die Kronprinzessin und gab der scharfsinnigen Überzeugung Ausdruck, daß die russische Politik im nahen Osten, die auf die Oberherrschaft über den Balkan und die Besetzung von Konstantinopel abzielte, nicht zum kleinsten Teile auf die Unterstützung und stillschweigende Billigung Bismarcks zurückzuführen sei. Am 25. Oktober 1876 antwortete die Kronprinzessin, die augenscheinlich Bismarcks Politik falsch aufgefaßt hatte:
"Ich habe gerade mit vielem Dank Deinen lieben Brief vom
21. erhalten. Ich habe ihn Fritz gezeigt und will Dir erzählen, was er
denkt, da er der Meinung ist, daß Du lieber einen englischen als einen
deutschen Brief erhältst und ich unsere liebe anständige Sprache
besser schreibe als er. Du sagst, Deutschland stünde auf Rußlands
Seite. Was heißt das alles nach Fürst Bismarcks Anerbietungen,
Botschaften und Versprechungen? Wir wissen nicht genau, wieweit
Deutschland Rußland unterstützt. Nach allem aber, was wir aus
verschiedenen, gutunterrichteten Quellen erfahren haben, nähert sich
die deutsche Regierung immer mehr Rußland und nicht England und
Österreich. Es ist sicher sehr gegen Fürst Bismarcks Wunsch und
Willen, dessen bin ich sicher, weil er eine Allianz mit Rußland nicht
wünscht, aber irgendein Bündnis haben muß, da er sich in der
unangenehmen Lage befindet, immer auf der Hut gegen Frankreich sein zu
müssen. Im letzten Frühjahr würde er viel dafür gegeben haben, wenn er
eine herzliche Antwort auf seine Annäherungsversuche erhalten
hätte. Er wünschte zu wissen welche Richtung die britische Politik
einschlagen würde und hätte sie dann unterstützt - er bekam aber keine
Antwort oder jedenfalls war die, welche er bekam, sehr unbestimmt -,
so sagte er sich, wie das jeder Deutsche tut: 'Oh! Es hat keinen Sinn,
sich auf England zu verlassen oder mit ihm zu gehen; es hat keine
Politik, will nichts tun und bleibt immer vorsichtig im Hintergrunde,
so daß nichts übrigbleibt, als sich an Rußland zu wenden, obgleich es
nur ein schwacher Ersatz für ein besseres und kongenialeres und mit
unseren Interessen mehr harmonierendes Bündnis ist! Österreich ist zu
schwach, zu unsicher, zu zerbrochen und schwankend, um als Verbündeter
von irgendwelchem Nutzen zu sein. Die einzige starke Macht, die
willens ist, Deutschland zur
Seite zu stehen, wenn es sich in unangenehmer Lage befindet, ist
Rußland. Daher müssen wir, ob wir es wollen oder nicht, auf dem besten
Fuß mit ihm stehen und ihm behilflich sein, so daß es uns wiederum
gefällig sein kann, wie im Jahre 1870.' Bestimmt kann man aus dieser
Ansicht dem Fürsten Bismarck keinen Vorwurf machen; es zeugt nur von
gesundem Menschenverstand, wenn man bemüht ist, sich einen starken
Freund zu sichern, da man jeden Tag angegriffen werden kann! Wenn Lord
Derby im Frühjahr eine offene Erklärung abgegeben hätte und das
Berliner Memorandum angenommen worden wäre, würde die Lage jetzt
anders sein. Bismarck wünschte, daß England allein die östliche Frage
entscheiden und die erste Rolle spielen solle, die jetzt zu meinem
äußersten Mißfallen Rußland übernommen hat. Ich glaube nicht, daß es
jetzt zu spät ist, um zu einem befriedigenden Einverständnis mit dem
Fürsten Bismarck zu kommen, da Rußland jeden Augenblick einen Schritt
tun kann, dem Deutschland nicht ruhig zusehen dürfte.
Ich hoffe, daß, wenn es jetzt zu keinem annehmbaren Frieden kommt und
die Russen Serbien und Montenegro besetzen, England Österreich
überreden wird, Bosnien zu besetzen, und England Lord Napier an die
Spitze der Truppen stellen wird, um Konstantinopel einzunehmen; die
englische Flotte müßte dann in das Schwarze Meer fahren. Ich bin
sicher, dies wäre das beste; dann käme kein Krieg. Die Türkei würde
die ihr auferlegten Reformen ausführen. Deutschland könnte sicher
Österreich und England unterstützen, und Rumänien, das nichts
sehnlicher wünscht, als bei England und Österreich Rückhalt zu finden,
würde dazu helfen, jedes Übergewicht Rußlands
auszugleichen. Schließlich würde man zu irgendeinem befriedigenden und
endgültigen Ausgleich kommen. Fritz interessiert sich so sehr für die
Angelegenheit, daß er wünschte, ich sollte Dir alles sagen, was die in
diesem Briefe ausgesprochene Meinung befestigen könne. Er hat den
Fürsten Bismarck in der letzten Zeit nicht gesprochen. Könnte nicht
ein besonderer Brief, eine Botschaft oder eine Persönlichkeit an den
Fürsten Bismarck gesandt werden - wozu sich niemand so gut eignen
würde wie Lord Odo Russell?"
Es ist ein bezeichnender Zug für die angeborene Großherzigkeit der Kronprinzessin, daß sie trotz ihres früheren Verdachtes jetzt geneigt war, Bismarck die edelsten Motive zu unterstellen. Sie glaubte, sie wären "einfach und anständig" und schrieb am 28. Oktober an ihre Mutter:
"Vielen Dank für Deinen durch Feldjäger überbrachten Brief über die
östliche Frage. Ich kann nur wiederholen, was ich das letztemal über
Bismarcks Berechnungen und Motive gesagt habe, soweit wir mit ihnen
vertraut sind und sie beurteilen können. Ich halte sie für ganz
einfach und anständig. Ich glaube nicht, daß man behaupten kann,
Deutschland unterstütze Rußland, da wir sicher wissen (d. h. was
Feldmarschall Manteuffel sagt), daß der Kaiser Alexander morgen den
Krieg erklären würde, wenn er sicher wäre, daß Deutschland ihm den
Sieg sichere. Das wird er aber von Deutschland nach allem, was uns
bekannt ist, nicht erreichen.
Wir trafen gestern einen sehr netten und intelligenten Offizier
(unseren Militärattaché in Wien, der kürzlich in Belgrad und
Serbien war). Er erzählte sehr interessant und sagte, daß in Serbien
keine Spur von Kriegsbegeisterung zu finden sei, daß das Volk und sein
Herrscher gegen ihren Willen zum Kriege getrieben würden, daß der Plan
seinen Ursprung in Rußland habe und die russische Kriegspartei so
stark sei, daß seiner Ansicht nach der Kaiser Alexander ihr nicht
widerstehen oder seiner eigenen Eingebung folgen könne, und also die
Russen eine Bewegung nicht aufhalten könnten, die so lange vorbereitet
worden sei.
Der Haupteinwand der Österreicher gegen die Besetzung Bosniens scheint
der zu sein, daß sie, die von tiefem Mißtrauen gegen Rußland erfüllt
sind, nicht wünschen, mit den Russen zusammenzugehen, da sie fürchten,
später zur Aufgabe irgendeines österreichischen Gebietes aufgefordert
zu werden, während sie in dieser Hinsicht von England oder Deutschland
nichts zu fürchten haben.
Lieber Gott, was ist das für eine verwickelte Frage, und wie viele
neue Fragen entstehen überall aus ihr! Man kann kein Ende absehen!
Derselbe Offizier sagte, daß die türkische Infanterie sehr gut,
glänzend ausgebildet, tapfer und ausdauernd sei - ausgezeichnete
Soldaten, die nicht einmal murren, wenn sie fünf Monate lang keine
Löhnung bekommen. Dagegen sollen die Artillerie und Kavallerie sehr
schlecht und die Festungen nicht viel wert sein."
Die britische Regierung verlangte nun einen Waffenstillstand und befürwortete eine Politik lokaler Selbstregierung für die türkischen Balkanprovinzen. Während der Dauer des Waffenstillstandes gingen Verhandlungen hin und her, und endlich erzwang Rußland durch ein plötzliches Ultimatum bei der Pforte am 31. Oktober seine Begrenzung auf zwei Monate, obgleich er in der Folge bis zum März 1877 ausgedehnt wurde; dann wurde der Friede zwischen Serbien und der Türkei unterzeichnet. Inzwischen waren zwei wichtige Veränderungen eingetreten. Es hatte sich herausgestellt, daß der Sultan Murad geistesschwach, wenn nicht geisteskrank war; eine Palastrevolution setzte ihn zugunsten seines Bruders Abdul Hamid ab. Außerdem war in England die Bewegung gegen die "bulgarischen Grausamkeiten" abgeflaut und die Gefahr, Rußland ins Feld zu bringen, war drohend. Rußland schlug nun für sich selbst die Okkupation Bulgariens, für Österreich die Besetzung Bosniens vor, während die britische Flotte nach Konstantinopel kommen sollte, um einen weiteren Druck auf die Pforte auszuüben. Der Plan wurde von England abgelehnt, aber man kam überein, daß eine Konferenz der Mächte zur Lösung der Frage in Konstantinopel abgehalten werden solle. Lord Salisbury, der kein Freund der Türkei war, wurde zum Bevollmächtigten Großbritanniens ernannt. Die großen Schwierigkeiten zwischen Großbritannien und Rußland wurden durch Lord Beaconsfields Rede in der Guild Hall am Lord Mayors Day 1876 betont, der sagte, daß, während England sich als nicht aggressive Macht bekenne, seine Hilfsmittel derartige seien, daß "in einer gerechten Sache England einen Krieg anfangen würde, der nicht eher beendigt sein würde, als bis die gerechte Sache gesiegt habe"; während der Kaiser Alexander am nächsten Tage in Moskau aussprach, daß er unverzüglich zu handeln entschlossen sei, wenn er nicht die notwendigen Sicherheiten von der Pforte erhalten könne. Die Kronprinzessin entpuppte sich bei dieser Gelegenheit als begeisterte Parteigängerin Bismarcks; sie beeilte sich, ihrer Mutter den deutschen Standpunkt mitzuteilen und schrieb am 11. November
"Ich glaube nicht, daß man sagen kann, 'der große Mann' habe sich
schlecht benommen. Zum mindesten sehe ich keinen Beweis dafür oder für
eine unzulässige oder unfaire Begünstigung der Russen. Ich erblicke in
ihm kein Hindernis für Englands und Deutschlands Zusammengehen, dem
er, wie ich sicher bin, nichts in den Weg legen würde.
Die Doppelzüngigkeit der Russen nimmt von Tag zu Tag zu. Niemand kommt
ihnen darin gleich, da keiner so wie sie die Kunst meistert, mit
vielem Nachdruck etwas zu sagen und das Gegenteil zu tun. General
Werder, der vor zwei oder drei Tagen mit einem Handschreiben des
Kaisers Alexander an den Kaiser ankam, sagte ganz einfach und offen,
daß der Hof für fünf Tage nach Moskau ginge und dieses eine ganz
ungewöhnliche und demonstrative Maßregel sei; daß Moskau jetzt der
Mittelpunkt der Kriegshetze wäre und wahrscheinlich dort große
Demonstrationen stattfinden würden, um dem Kaiser begreiflich zu
machen, daß er noch energischere Maßnahmen ergreifen müsse. General
Werder, der Russe bis auf die Knochen ist, machte kein Geheimnis
daraus, daß die Russen nicht die Absicht hätten, den Frieden zu
halten, daß sie, wie die Dinge lägen, nicht auf dem jetzigen Punkt
stehenbleiben könnten und daß die Kriegsvorbereitungen mit großer
Energie und Schnelligkeit betrieben würden.
Was hat das alles zu bedeuten? Augenscheinlich sagen sie, und manche
glauben es, d. h. der Kaiser glaubt es, daß sie Konstantinopel nicht
besetzen wollen, aber vielleicht werden sie in wenigen Wochen
behaupten 'die Umstände waren stärker, als wir dachten, und haben uns
gezwungen usw...'
Ich bin sicher, daß sie aus Rumänien und Bulgarien abhängige Staaten
machen wollen, die so gut wie russische sind; dann können sie, wann es
ihnen immer paßt, eine neue Frage aufwerfen, ebenso wie sie diese aufs
Tapet brachten und auf frivole Weise die Serben in einen Krieg
hetzten. Vielleicht werden die Russen dann das nächste Mal die
Gelegenheit zur Besetzung Konstantinopels günstiger finden. Lord
Salisburys Wahl ist ausgezeichnet, da er ein kluger, schnell denkender
und energischer Mann ist..."
Auf seiner Reise zur Konferenz, die am 23. Dezember 1876 ihren Anfang nahm, besuchte Lord Salisbury nacheinander Paris, Berlin, Wien und Rom. In Berlin wurde er vom Kaiser, dem Kronprinzen, der Kronprinzessin und Bismarck begrüßt. Im Laufe eines Interviews mit Bismarck erfuhr Lord Salisbury, daß der deutsche Kanzler die Neutralität Deutschlands zwischen der Türkei und Rußland wünschte. "Ich bekam ein anderes Argument derselben Art", schrieb Lord Salisbury am 25. November 1876 an Lord Derby, "in den Versicherungen, die mir die Kronprinzessin gab, zu hören. Sie ist klug, hält sich hinter den Kulissen und haßt Bismarck wie Gift: mehrere Male sagte sie mit großer Energie, 'Sie können sicher sein, daß Bismarck in Wahrheit den Frieden wünscht'. Sie und der Kronprinz erklärten, daß sie beide antirussisch seien." Aus diesen Interviews gewann Lord Salisbury die Überzeugung, daß Bismarck, während er einen Krieg zwischen Rußland und der Türkei wünschte, der die Kampfkraft Rußlands schwächen würde, einen Krieg zwischen England und Rußland fürchtete, da es für Deutschland schwierig sein würde, neutral zu bleiben. Die Konferenz trat am 23. Dezember zusammen. Zu gleicher Zeit veröffentlichte der neue Sultan eine liberale Verfassung. Auf diese Geste und auf die Mißhelligkeiten zwischen den Mächten gestützt, widerstand er erfolgreich ihren Forderungen. Einen Monat später, am 20. Januar 1877 wurde diese machtlose Konferenz aufgelöst. Rußlands Handlungsweise unmittelbar nach der mißglückten Konferenz war sonderbar. Während es Vorbereitungen für einen Krieg mit der Türkei traf, sprach es die Absicht aus, das europäische Konzert aufrechtzuerhalten, und im März begann der General Ignatieff, der russische Delegierte bei der Konferenz und Botschafter in Konstantinopel, eine Reihe von Besuchen in den Hauptstädten Europas, um die Bereitwilligkeit des Zaren zur weiteren gemeinsamen Arbeit mit den anderen Mächten auszudrücken. Von Paris fuhr der russische General am 14. März nach London, wo er während seines eine Woche dauernden Aufenthaltes freundlich aufgenommen wurde. Während Ignatieff in Paris war, schrieb die Kronprinzessin, die seine Pläne nicht kannte, am 10. März an ihre Mutter: "Es tut mir leid, daß Ignatieff nicht nach England gekommen ist; es hätte vielleicht seine Eitelkeit etwas gedämpft, und es ist immer gut und nützlich zu hören, was er zu sagen hat. Wenn nur alle Regierungen Rußlands Vorschlägen jetzt zustimmen wollten. Es wäre weder gefährlich noch kompromittierend, würde die Russen befriedigen und in ihren Augen ihre Ehre retten, so daß sie keinen Krieg anzufangen brauchen - es würde so viele arme unschuldige Menschen auf beiden Seiten vor dem Tode bewahren und bestimmt das beste für die Christen in der Türkei sein. Wenn der Krieg einmal begonnen hat, kann niemand sagen, wann er wieder zu Ende sein und wer noch alles in ihn hineingezogen wird. Ich bin sicher, daß das Schicksal der Welt jetzt in den Händen Europas liegt und daß die von den Russen geforderte Bürgschaft um so leichter gegeben werden kann, da sie mehr oder weniger eine rein formale Angelegenheit ist, eine Ehrenrettung für die Russen, die sich in übler Lage befinden; niemand handelt gegen seine eigenen Interessen, wenn er ihnen in diesem Falle heraushilft. Es wäre auch das beste für die Türken, da es sie vor einem verderblichen Kriege retten und veranlassen würde, ihre Reformen im Ernst herauszubringen, was sie natürlich niemals tun würden, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Das ist auch des Kaisers und eines klugen Franzosen Ansicht, den wir kürzlich gesehen haben." England war nun ganz geneigt, in Gemeinschaft mit den anderen Mächten die Reformierung der Türkei zu versuchen, vorausgesetzt, daß Rußland und die Türkei, zwischen denen Krieg wahrscheinlich schien, abrüsten würden. Wenn diese Garantie gegeben würde, war England entschlossen, der Pforte ein neues Protokoll bezüglich der inneren Reformen vorzulegen. Inzwischen hatte sich der britische Botschafter in Konstantinopel nicht in Übereinstimmung mit der britischen Regierung befunden. Lord Beaconsfields Wahl eines Nachfolgers fiel auf Austen Henry Layard, der mit der tatkräftigen Politik der Regierung die größte Sympathie hatte. Damals war Bismarck krank und durch die mangelnde Unterstützung, die seine innere Politik in Deutschland fand, tödlich verletzt. Bis dahin hatte sich der Kanzler nicht oft zurückgehalten, und der Ruf "Wolf" rief noch immer Beunruhigung hervor. Am 7. April 1877 schrieb Lord Odo Russell an Lord Derby:
"Ich habe Ihnen in einer Depesche alles über die Krisis mitgeteilt,
die einfach darin besteht, daß Bismarck wirklich nervös und
ruhebedürftig und der Kaiser nicht geneigt ist, ihn zu
verabschieden. Außer physischem Unwohlsein ist Bismarck durch den
Mangel an Unterstützung, an dem seine Politik von seiten des Kaisers
und des Parlamentes leidet, moralisch gekränkt; er schreibt das dem
feindseligen Einfluß der Kaiserin auf Seine Majestät und dem Einfluß
des Papstes auf die katholische Partei im Parlament zu, anstatt es
einfach auf seine sehr unangenehmen Umgangsformen mit seinem König und
seinen Gehilfen und auf die Gewalttätigkeit im Verkehr mit seinen
Gegnern zurückzuführen. Er wünscht sich die Macht, seine Kollegen aus
dem neuen Kabinett nach seinem Gefallen hinauszuwerfen, eine Macht,
die der Kaiser niemals seinem Kanzler zugestehen wird. Der Kaiser
sagte mir, am letzten Donnerstag bei Hofe, daß er ihm soviel Urlaub
als er wünsche, aber nicht seine Entlassung geben würde, während die
Kaiserin meinte, daß Bismarck lernen müsse, seinen Herrschern zu
gehorchen. Der Kronprinz sagte mir, daß er die Lage bedaure, aber
keine Möglichkeit zum Einschreiten habe, da sein Vater ihn niemals um
Rat frage. Die Kronprinzessin meinte, daß sie alles in fünf Minuten in
Ordnung bringen könnte, wenn man sie gewähren ließe. Die Großherzogin
von Baden sagte, sie könnte weinen, wenn sie ihren achtzigjährigen
Vater so bekümmert sähe. Der Großherzog von Baden fand Bismarck
unmöglich zu behandeln. Die Fürstin Bismarck erzählte mir, daß die
Gesundheit ihres Gatten ihr wertvoller sei als seine Stellung; der
Kaiser könne nicht erwarten, daß Bismarck durch Überarbeitung
Selbstmord beginge. Andere gut unterrichtete Leute meinten, daß
Bismarck wahrscheinlich den Urlaub annehmen und im nächsten Winter wie
gewöhnlich in sein Amt zurückkehren würde. Niemand
wird sehr viel mehr vor dem Zusammentritt des deutschen Reichstages
erfahren, wie ich glaube. Die endliche Unterzeichnung des Protokolls
hat in Berlin bei jedermann, vom Kaiser abwärts, die größte
Befriedigung hervorgerufen. Der Friede scheint, soweit Rußland in
Frage kommt, möglich, aber die Haltung der Türkei flößt noch kein
großes Vertrauen ein; man erwartet ängstlich die Abreise der
türkischen Mission nach Rußland, um die Abrüstung zu
bewerkstelligen. Der Kaiser sagte mir am Donnerstag, daß er hoffe,
Layard würde bald in Konstantinopel sein, da England allein die Pforte
zur Vernunft zu bringen und Frieden zu halten imstande sei. Ich habe
immer Layard für den richtigen Mann für die Türkei gehalten und freue
mich sehr über seine Ernennung. Ich hoffe, daß er der Pforte den Rat
geben wird, ihre Schulden aus den durch die Abrüstung gewonnenen
Mitteln zu bezahlen, und ihr moralisches und politisches Benehmen zu
bessern.
Die Unterzeichnung des Protokolls hat uns mit Europa wieder ins
Geleise gebracht; wir können für den künftigen Krieg nicht länger
verantwortlich gemacht werden, wenn die Türken die freundlichen
Ratschläge der Mächte nicht annehmen, obgleich ich gestehe, nicht
einsehen zu können, wie irgendeine Regierung die dauernde moralische
Einmischung sechs wohlmeinender Freunde ertragen kann, ohne verrückt
zu werden! Hiob fand schon drei zuviel."
Alle Hoffnungen, daß der Konflikt auf solcher Grundlage beigelegt werden könne, wurden indessen durch Rußlands Kriegserklärung an die Türkei am 24. April 1877 zunichte gemacht. Eine Woche später, am 3. Mai, schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:
"... Ich kann mir wohl denken, mit wie großer Besorgnis Du die
orientalische Frage betrachtest. Daß Rußland den Schutz der türkischen
Christen zum Vorwand nimmt, ist sicher. Einige sehr gut unterrichtete
Leute, die viel von den Russen wissen, haben mir erwählt, daß die
Russen die Dardanellen und nichts anderes wollten - worauf ich
erwiderte, daß sie gerade diese niemals bekommen würden.
Ob der Kaiser Alexander durch eine Partei zu diesem Kriege, wie
Napoleon III. zum letzten Kriege, gezwungen worden ist, kann ich nicht
herausbekommen. Ich habe große Angst, daß Gortschakoff, Ignatieff und
andere ehrliche Diplomaten dieser Art, den König Victor Emanuel zu
bestimmen suchen, einen Teil des
italienischen Tirols von den Österreichern zu fordern, so daß die
Österreicher darum zu kämpfen haben würden.
Ich vertraue darauf, daß dies nicht eintreten wird; die Masse des
italienischen Volkes würde sehr dagegen sein, da sie so viele
Interessen, Handel usw. im Osten haben... und ihre Kaufleute in der
Türkei, im Osten und in der Levante, wo ihre Sprache gesprochen wird,
eine große Rolle spielen! Wenn die Möglichkeit besteht, die Russen an
der Wegnahme dessen, was sie nicht haben dürfen, durch eine
Vereinigung aller anderen Mächte, ohne daß diese Mächte zu kämpfen
gezwungen sind, zu hindern, würde dies das beste sein. Frankreich,
Deutschland, Österreich, England und Italien müßten gemeinsam sagen:
Ihr sollt die Dardanellen nicht haben! Aber natürlich weiß ich nicht,
wie man das erreichen könnte.
Eine andere Möglichkeit, einen allgemeinen Brand zu verhindern, als
eine enge Vereinigung der anderen Mächte, scheint mir nicht gegeben,
und diese ist für England ganz leicht zu erreichen. Arme Marie (die
Herzogin von Edinburgh), wie traurig ist das alles für sie. Sie tut
mir so leid; und der arme Affie [der Herzog von Edinburgh] muß auch
sehr unglücklich darüber sein."
Während Lord Salisbury sich im November 1876 in Berlin aufhielt, hatte Bismarck ihm vorgeschlagen, daß England Ägypten besetzen sollte. Aber der Gedanke wurde von Disraeli kurz zurückgewiesen, der "den Nutzen nicht einsah", besonders "wenn Rußland im Besitze Konstantinopels sei". Da Bismarck sich immer noch bemühte, England mit Frankreich zu veruneinigen, machte er jetzt der Kronprinzessin denselben Vorschlag, die daraufhin sogleich am 11. Juni 1877 an ihre Mutter schrieb:
"Der Krieg im Orient wird überall viel besprochen; alle, die England
lieben, fürchten, daß es die Gelegenheit, in Ägypten festen Fuß zu
fassen, vorübergehen lassen könne. Es wäre ein so wichtiger, kluger,
nützlicher Schritt. Du wirst Dich entsinnen, wie sich alle, die es mit
England gut meinen, freuten, als die Aktien des Suezkanals gekauft
wurden, weil alle davon überzeugt waren, daß es den ersten Schritt zu
der klügsten Politik, dem wirklichen Interesse Englands und seiner
Herrschaft in Indien bedeute. Niemand versteht, warum das gegenwärtige
Kabinett so lange zögert, einen
Schritt zu tun, der offenbar so verheißungsvoll ist, und den
unterlassen zu haben, England später oft bedauern würde, wenn die
jetzige Gelegenheit versäumt würde... Ich muß gestehen, daß ich von
ganzem Herzen hoffe und bete, Ägypten möge unser werden, da ich in
einem derartigen Wechsel viel Gutes, sowohl für die unglückliche
mißbrauchte Bevölkerung, die eine bessere Regierung, bessere Leiter
und bessere Behandlung verdient, sehe, als auch für die Entwicklung
von Ackerbau und Handel. Der letztgenannte wird eine Menge neuer
Quellen des Wohlstandes eröffnen und das Land ist sehr fruchtbar. Ich
glaube, daß England dort eine große Mission zu erfüllen hat, und
außerdem würde Ägyptens Zukunft gesichert sein; wie sehr wünsche ich,
daß dies unter Deiner Regierung erreicht wird! Wem könnte es Schaden
bringen?
Ich höre, daß in England die Ansicht verbreitet ist, Fürst Bismarck
habe einen Hintergedanken, wenn er der Überzeugung Ausdruck gibt,
England müsse Ägypten annektieren. Er denkt weiter nichts, als daß ein
starkes England für Europa von großem Nutzen ist; man kann sich nur
darüber freuen, daß er so denkt und fühlt. Was den Wunsch betrifft,
Holland zu besetzen und Frankreich Belgien nehmen zu lassen, so kann
ich Dir versichern, daß dies nur eine ganz lächerliche Erfindung
ist. Jeder, der mit dem Stand der Dinge hier genau vertraut ist, weiß,
daß an maßgebender Stelle niemand jemals so wilde und verrückte
Gedanken gehabt hat..."
Ehe die Königin Victoria antwortete, schickte sie den Brief an Lord Beaconsfield, der am 16. Juli meinte, daß der Brief "vom Fürsten Bismarck diktiert worden sein könne. Wenn die Königin von England wünsche, die Herrschaft über Ägypten zu übernehmen, so brauche Ihre Majestät nicht die Anregung oder die Erlaubnis des Fürsten Bismarck. Soweit Lord Beaconsfield unterrichtet sei, bestehe in diesem Augenblick ein Anerbieten der Pforte, ihre Suzeränität über Ägypten, Kreta und Cypern Ihrer Majestät käuflich zu überlassen. Es sei zwar dem Auswärtigen Amt noch nicht förmlich vorgelegt worden, aber über die Tatsache bestehe kein Zweifel." Am folgenden Tage antwortete die Königin Victoria der Kronprinzessin: "Ich will jetzt Deinen Brief vom 11. Ägyptens wegen beantworten. Der Vorschlag hat mich, da er von Dir kam, außerordentlich überrascht und scheint mir Bismarcks Ansicht zu enthalten. Weder die Türkei noch Ägypten haben uns in irgendeiner Weise beleidigt. Warum sollten wir einen mutwilligen Angriff unternehmen, den die Besetzung Ägyptens bedeuten würde? Es ist nicht unsere Gewohnheit, Länder zu annektieren (wie es die anderer Regierungen ist), wenn wir nicht dazu gezwungen werden, wie im Falle der Transvaalrepublik. Fürst Bismarck würde es wahrscheinlich gern sehen, wenn wir Ägypten in Besitz nehmen würden, da diese Handlungsweise einen Schlag in das Gesicht Frankreichs bedeuten würde und hieße, daß wir uns Frankreichs Unfähigkeit, zu protestieren, in niedriger Weise zunutze machen würden. Es wäre eine sehr schmutzige Handlungsweise, ich gestehe, daß ich nicht begreife, wie Du sie vorschlagen konntest. Was wir tun wollen, werden wir ohne Fürst Bismarcks Erlaubnis tun, wenn er auch verschiedentlich zu Lord Odo Russell in diesem Sinne gesprochen hat. Der Kauf der Suez-Aktien ist etwas ganz anderes, und bestand mehr oder weniger in einem rein kaufmännischen Geschäft. Wie können wir gegen Rußlands Handlungsweise protestieren, wenn wir dasselbe tun?" Vier Tage später antwortete die Kronprinzessin: "Es tut mir sehr leid, daß Du mich bezüglich Ägyptens so mißverstanden hast. Natürlich meinte ich nicht, daß ein mutwilliger Angriff auf das Land eines harmlosen Freundes oder eine Annexion vollzogen werden, sondern daß Englands Einfluß (unter der einen oder anderen Form) als ausschlaggebend für Englands Interessen und für das Glück eines unterdrückten und unglücklichen Volkes angesehen werden sollte. Diesen Wunsch haben sehr viele Engländer, Militärs und andere, gehegt, ehe man an diesen Krieg dachte; meiner Ansicht nach haben sie bestimmt nicht so gedacht, weil es Bismarcks Ansicht war, ebensowenig wie ich dies tat. Wie und wann so etwas vor sich gehen wird, ist natürlich etwas ganz anderes. Der englische Einfluß im Osten sollte stärker sein als der russische; dies scheint mir in mehr als einer Beziehung wünschenswert, und kein Mißtrauen gegen den Fürsten Bismarck (sollte er meine Meinung teilen) würde mich veranlassen, meine Ansicht über die Angelegenheit zu ändern.." Die Ereignisse auf dem Balkan erforderten von neuem alle Aufmerksamkeit. Der dramatische Vormarsch der russischen Truppen auf Konstantinopel erfuhr im Juli eine fast wunderbare Unterbrechung durch den heldischen Widerstand einer türkischen Armee unter Osman Pascha bei Plewna. Die Welt war über die plötzliche Erholung des "kranken Mannes von Europa" erstaunt, und Rußland sah sich vor große Schwierigkeiten gestellt. Der weitere Vormarsch war unmöglich, solange Osman Pascha den Weg versperrte, während die militärische Ehre den Rückzug nicht gestattete. Am 19. Oktober 1877 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:
"Nur mit Schrecken denke ich an das Nahen des Winters während die
dezimierten Armeen Rußlands und der Türkei sich noch immer
gegenüberliegen und ungeduldig eine Entscheidungsschlacht erwarten.
Dieser furchtbare Krieg, der mit hochmütigem Sinn schon vor langer
Zeit geplant und beschlossen worden war, läßt jedermann die
Wichtigkeit zweier Fehler empfinden, nämlich im Unrecht zu sein und
die Stärke des Gegners zu unterschätzen.
Die Russen verzeihen Deutschland seine Erfolge in großen Kriegen und
die Wiederherstellung seiner nationalen Macht nicht; infolgedessen
sahen sie sich nach leicht zu erringenden Siegen um und bemühten sich,
den Glauben an den 'Nimbus' der russischen Stärke
wiederherzustellen. Dies war nach meiner festen Überzeugung der
Hauptgrund, der sie dazu brachte, so viel Unheil zu säen, das endlich
zum Kriege führen mußte, für den lange Vorbereitungen gemacht waren
und der trotz des eigenen Willens des Kaisers unvermeidlich
wurde. 'Slawen' und 'Christen' bilden bei dieser Frage nur den
Vorwand, der einem ganz anderen Ziel und einem ganz anderen Zweck
dienen sollte.
Nun steht der arme Zar, der in Wahrheit den Frieden liebt, inmitten
seiner Truppen, ohne sie zu kommandieren, muß seit Monaten der
furchtbarsten Schlächterei beiwohnen, ohne Erfolge zu erringen; er ist
nicht in der Lage, den Frieden zu schließen, weil die Ehre der
russischen Waffen es nicht erlaubt. Es mag zugegeben werden, daß
schließlich die russische Übermacht an Menschen und Hilfsmitteln die
Überhand über die Türken gewinnen wird, aber ich kann mir nicht
vorstellen, welche Art Entschädigung sie für ihre schrecklichen
Verluste finden werden.
Da es mir vom Schicksal bestimmt war, drei Kriege zu erleben, empfinde
ich den größten Schrecken, wenn ich von einem neuen Feldzuge höre; es
bedarf tatsächlich einer Anstrengung von meiner Seite, die Berichte
über den Krieg anzuhören und zu studieren. Als wir selbst im Kampfe
standen, waren unsere Gegner zum größten Teil zivilisierte Völker,
die, trotzdem wilde Leidenschaften ausgelöst wurden, sich doch immer
bemühten, die Gesetze der Menschlichkeit zu beachten; aber dort im
Osten werden die sich bekriegenden Kräfte von Fanatismus und
Zerstörungswut, die mit religiöser Verblendung gemischt sind,
geleitet.
Die Türken sind, wie man ihnen zugeben muß, zur Verteidigung ihrer
Heimat aufgestanden; diese Tatsache trägt ihnen eine ganze Menge
Sympathie ein, die sie sonst nicht verdienen würden. Nachdem sie mit
vollkommener Untätigkeit den Zusammenbruch ihrer Herrschaft in Europa
erwartet haben, sind die Türken selbst über ihren unvorhergesehenen
Erfolg erstaunt, wie die ganze andere Welt auch."
Osman Paschas glänzender, fünf Monate langer Widerstand endigte am 10. Dezember; mit dem Fall von Plewna war die Straße nach Konstantinopel für die Russen frei, die kaum noch ein Hindernis zu fürchten brauchten. Die Stimmung in England gegen Rußland stieg zu fiebrischer Hitze, und der "Jingoschrei" nach Krieg durchhallte das Land. Serbien erklärte, durch den russischen Erfolg ermutigt, der Türkei am 14. Dezember 1877 den Krieg, und es schien, als ob Gladstones stolze Forderung, daß die Türken mit Sack und Pack aus Europa vertrieben werden sollten, durch die Russen erfüllt würde. Am 17. Dezember schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:
"... Was sagst Du dazu, daß die Serben sich jetzt erheben, da die
Türkei in solchem Unglück ist? Der Gedanke an die grausame Art und
Weise, mit der die Türkei überfallen, in den Krieg gezwungen und halb
zerschmettert worden ist, nur weil die Russen auf die deutschen
militärischen Erfolge im letzten Krieg eifersüchtig waren und ihrem
Ehrgeiz und ihrer Eitelkeit Genugtuung verschaffen wollten, macht mich
ganz krank. Es scheint so sehr ungerecht!
Ich möchte wissen, ob man in der richtigen Weise für den armen Osman
Pascha sorgt und alle seine Wünsche erfüllt; sein Verhalten war
heroisch. Die türkische Regierung macht einen denkbar törichten
Eindruck und hindert die Armee in jeder Weise."
Die Tatsache, daß Konstantinopel von den Russen besetzt werden könne, verursachte vielfache Beunruhigung; die Kronprinzessin unterstützte das Verlangen nach Intervention Englands. Am 19. Dezember schrieb sie an die Königin Victoria:
"... Was die Politik betrifft - was soll man dazu sagen? Oh! Wenn ich
Dich nur für eine halbe Stunde sehen und Dir sagen könnte, wessen mein
Herz und meine Seele voll ist. Wenn England sich nicht sehr stark
zeigt, so wird es sich einen Schaden zufügen, den vielleicht Menschen,
die im glücklichen England leben, nicht richtig beurteilen
können. England kann sehr wohl über den Vorwurf der Lächerlichkeit und
über Verachtung erhaben sein; es kann über die Unwissenheit törichter
Menschen lachen, die es nicht besser verstehen; aber England kann
nicht oder zum mindesten dürfte nicht riskieren, seine Stellung in
Europa zu verlieren. Die Ansicht ist im Augenblick sehr allgemein
verbreitet, daß England vollkommen machtlos ist, keine Armee, aber
eine Flotte hat, die zu nichts nütze, da die Zeit der Seeschlachten
vorbei ist, keine Staatsmänner aufzuweisen hat und sich nur bemüht,
noch mehr Geld zu verdienen; weil es zu schwach ist, einen Willen zu
haben, und keine Macht hat, ihm Geltung zu verleihen, wenn es einen
hätte.
Wie sehr sehne ich mich nach einem lauten Gebrüll des britischen Löwen
und nach dem Donner einer britischen Breitseite! Gott weiß, daß ich
genug vom Krieg gesehen habe, um zu wissen, wie schrecklich, wie
verbrecherisch, wie abstoßend er ist; ich weiß, daß diejenigen, die
ihn ohne Grund heraufbeschwören und Tausende in Elend und Verzweiflung
stürzen, mehr als Sünder sind! Aber sind nicht Würde, Ehre und der
gute Ruf Dinge, für die eine Nation wie der einzelne bereit sein muß,
Wohlbefinden, Gesundheit und sogar Blut und Leben zu opfern!
Meine Erfahrung in der Politik und den allgemeinen Verhältnissen auf
dem Kontinent haben mich durch genaue Betrachtung zu der festen
Überzeugung gebracht, daß England allen anderen Ländern in der Höhe
der Zivilisation und des Fortschrittes weit
voraus und das einzige ist, das den Begriff der Freiheit versteht und
Freiheit auch wirklich besitzt, das einzige, das weiß, was wahrer
Fortschritt bedeutet, entfernte Länder zivilisieren und kolonisieren
kann, imstande ist, den Handel und infolgedessen den Wohlstand zu
entwickeln, das einzige wirklich glückliche, das einzige wirklich
freie und über dem allem das einzige wirklich menschliche Land, das
immer bereit ist, in der großherzigsten und klügsten Weise zu geben,
um Leiden zu erleichtern, möge es auch noch so weit entfernt sein!
Also sollte England zu unserer aller und nicht nur zu Europas, sondern
zu der ganzen Welt Nutzen sich kräftig zeigen und darauf bestehen, daß
es gehört wird.
Selbstverständlich sind überall zwei Meinungen über den
russisch-türkischen Krieg verbreitet. Die eine wünscht, daß die Türkei
verschwindet, und will also Rußland das Vernichtungswerk tun
lassen. Die andere vertritt die Ansicht, daß eine Nation, in wie
korrupter und schlechter Weise sie immer regiert werden mag, von einer
anderen Macht nicht ausgelöscht werden dürfe, ohne daß die anderen
gehört werden. Es wäre besser gewesen, die Türkei aufzufordern, ihr
Leben zu reformieren und sie unter Umständen zu zwingen, dies zu tun,
als diesen schmählichen Krieg zu führen. Ich würde es aber jetzt als
eine Beleidigung und einen schweren Schlag für die englischen
Interessen ansehen, wenn Rußland und die Türkei einen Sonder-Frieden
schließen würden, ohne England zu befragen. Wenn England in seinem
Prestige vor ganz Europa leidet, wie wird es ihm dann in den Augen
orientalischer Völker ergehen!! Und was werden die 8o Millionen
Krieger, Englands Untertanen in Indien denken, wenn das Mutterland
jetzt keinen Finger rührt!!
Es gibt in England Leute, die glauben, England solle sich nicht als
Großmacht aufspielen, sondern sich mit der Stellung einer Macht
zweiten Ranges begnügen, sich nicht mehr in Kriege mischen usw. Dies
mag wahr sein, aber dann dürfte England nicht die halbe Welt besitzen,
wie es jetzt der Fall ist! Und weh über die Welt, wenn England von der
Führerschaft und dem Vorrang als erster Vertreter der Freiheit und des
Fortschrittes zurücktritt! England kann sicherlich genug Truppen aus
Indien aufstellen, die noch besser als die Türken kämpfen und jeder
beliebigen Anzahl Russen gewachsen sind!
Wenn man Rußland freie Hand läßt, wird es das Verderben der Welt
werden. Eine Macht muß es in Schach halten, da Rußland weder Freiheit
noch Fortschritt, noch Erleuchtung, noch Menschlichkeit oder
Zivilisation darstellt; wenn es aber zu stark würde
und ein Mann wie der erste Napoleon dort geboren werden würde, könnte
es wirklich eine furchtbare Gefahr bedeuten. Rußland ist die einzige
Macht, die in der Tat zu fürchten ist - nicht das arme Deutschland,
das niemals oder vermutlich niemals über seine Grenzen hinaus wachsen
wird.
Wir haben gehört, daß die Serben von den Russen sehr heftig gedrängt
worden sind, ihnen beizustehen, und daß Karl von Rumänien den Krieg
nicht weiter fortzusetzen wünscht!
Ich glaube, daß britische Truppen die Einnahme von Batum verhindern
könnten. Ich hoffe, liebste Mama, Du wirst diesen Brief sofort
verbrennen und über meine Offenheit nicht ärgerlich sein. Ich kann zu
niemand anders darüber sprechen.
Ich höre, daß hier die Stimmung allgemein prorussisch ist. Am Rhein
fanden wir es nicht so. Hier vermeide ich über das Thema zu sprechen!
Ich habe für Alfred und Marie das tiefste Mitgefühl, es muß sehr
schmerzlich für sie sein.
Die 'Times' verstehe ich nicht. Sie scheint mir eine sehr sonderbare
Ansicht über die Lage zu haben. Wie oft denke ich an Dich und
überlege mir Deine Ansicht über alles.
Fürst Bismarck ist ein Mythos geworden, man sieht und hört nichts von
ihm."
Das Schicksal der Türkei war eine Angelegenheit der Parteipolitik in England geworden, und Lord Beaconsfield, dessen Sympathie für die Türken kein Geheimnis war, entschied, daß England diesen zu Hilfe kommen sollte: eine Politik, die keineswegs der gesamten konservativen Partei gefiel. Die Meinungsverschiedenheiten im Kabinett waren allgemein bekannt, und als befohlen worden war, die englische Flotte zum Schutze Konstantinopels zu entsenden, wurde die Weisung am nächsten Tage zurückgenommen. Lord Derby war gegen diese ganze Politik; es wurde gesagt, daß er und Lord Carnarvon zurückzutreten beabsichtigten. Am 26. Januar 1878 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:
"... Hat es jemals etwas Traurigeres gegeben als die jetzige Politik?
Die Russen - ich finde kein passendes Wort für sie versuchen mit allen
Mitteln, die Welt glauben zu machen, daß der
Waffenstillstand nur durch das englische Eingreifen verhindert worden
und England für all das Blutvergießen verantwortlich
ist. Augenscheinlich streben sie mit aller Macht auf Konstantinopel
zu. Nach meiner Ansicht hat der Leitartikel im Daily Telegraph vom 21.
den Nagel auf den Kopf getroffen! Welch schreckliche Verwicklungen!
Wir wissen genau, daß die Griechen direkte und strikte Befehle hatten,
sich zu erheben und gegen die unglücklichen Türken zu fechten - die
elenden Serben ebenso.
Mein Schwiegervater ist russischer als ich beschreiben kann, und
obgleich die Mehrzahl der Gardeoffiziere ebenso empfindet, gibt es
doch in Deutschland und sogar hier eine Menge Menschen, die den Russen
von ganzem Herzen abgeneigt sind und sich über den Erfolg ihrer
falschen lügnerischen Politik und ihrer ehrgeizigen und gewalttätigen
Methoden grämen. Die Kaiserin und ich sitzen oft zusammen und klagen
uns unser Leid. Die Anklagen gegen England in der russischen Presse
sind in einer über alle Maßen heftigen Tonart gehalten. Wenn nur die
englische Flotte nach Konstantinopel und eine Armee nach Gallipoli und
Konstantinopel und Schiffe nach den Dardanellen gesendet würden, dies
würde den Russen Einhalt gebieten, die sich jetzt auf Englands
Untätigkeit zu verlassen scheinen und jeden Tag kühner und frecher
werden. Ich glaube ganz sicher, daß sie dadurch genötigt wären, von
ihrem Marsch auf Konstantinopel abzulassen, den sie jetzt
vorhaben. Wir (England) haben immer noch Zeit, vor ihnen dorthin zu
kommen, haben es immer noch in der Hand, ihnen einen anständigen
Frieden aufzuzwingen, aber es ist die letzte Stunde und in einigen
Tagen wird es zu spät sein. England wird es immer bedauern, wenn
Rußland die Türkei vollkommen verschlungen hat und dann jeden
Augenblick ein Bündnis mit den Franzosen schließen, den Suezkanal in
Besitz nehmen und unsere Straße nach Indien versperren kann.
Ich habe das sichere Gefühl, daß, wenn unsere Flotte unmittelbar nach
der Belagerung von Plewna nach Konstantinopel geschickt worden wäre,
die Russen schnell Schluß gemacht hätten und manch armer Kerl noch am
Leben wäre, der nun eines grausamen Todes gestorben ist. Wenn eine
Armee unter Lord Napier in Konstantinopel gelandet wäre, würden wir
die Friedensbedingungen viel leichter bestimmen können - ohne daß ein
Tropfen englischen Blutes vergossen oder ein kostbares Leben verloren
würde, weil unsere Gegenwart und unsere Festigkeit die Russen zur
Besinnung bringen würden.
Wir haben gerade die Nachricht bekommen, wissen aber natürlich nicht,
ob sie begründet ist, daß Lord Derby und Lord Carnarvon zurückzutreten
beabsichtigen! Jede entschlossene und schnelle Handlung ist in den
gegenwärtigen kritischen Zeiten von Nutzen; alles Gegenteilige kann
ich nur bedauern, da wir unsere Interessen dadurch auf das schwerste
schädigen.
Nach meiner Ansicht wird man hier, was auch immer geschehen mag,
nichts tun. Ich habe mit Dir das stärkste Mitgefühl, weil Du in dieser
Zeit der Angst nicht den lieben Papa zur Seite hast, der die Arbeit,
die Verantwortung mit Dir teilen und Dir in jeder Weise behilflich
sein könnte. Aber Du hast von Anfang an die Gefahr klar erkannt und
wirst, wie ich hoffe, die Genugtuung haben, daß der richtige Kurs
eingeschlagen und Europa von der Einbildung befreit wird, England
wolle oder könne keinen Finger in politischen Fragen mehr rühren,
sondern sei von seiner früheren Stellung abgetreten."
Fünf Tage später schrieb die Kronprinzessin, sie sei "fortwährend in Kampfstimmung". Als sie von dem Gegenbefehl erfuhr, den die englische Flotte in Malta erhalten hatte, schrieb sie am 30. Januar sofort:
"Wegen der Politik bin ich voller Schrecken und Verzweiflung. Der
Gegenbefehl für die Flotte hat eine beklagenswerte Wirkung gehabt -
alle Feinde Englands lachen, reiben sich die Hände und sind entzückt,
während seine Freunde überzeugt sind, daß Rußland sich neuer Lügen und
neuer Tricks bedient, daß der Waffenstillstand Humbug ist, daß sie
weiter nach Konstantinopel streben und daß England über die
Friedensbedingungen völlig falsch unterrichtet ist. Ich fürchte, dies
kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Natürlich benimmt sich Ignatieff so
schlecht wie möglich, ebenso Prinz Reuß in seiner Art. Graf Schuwaloff
scheint vermitteln und sein Bestes tun zu wollen. Lord Augustus Loftus
horcht scharf auf Rußlands Pläne, und Graf Münster versucht alles, um
die englische Politik in ihrem besten Licht erscheinen zu lassen,
worüber der Kaiser (und viele andere) sehr ärgerlich ist, ihn für 'zu
englisch' und antirussisch hält. Österreichs Spiel kann ich nicht
durchschauen. Die österreichische Presse hat sich sehr scharf und
bitter geäußert, und die russische Presse kennt keine Grenzen in ihren
Ausfällen gegen England.
Hier läuft das Gerücht um, daß die englische Flotte vor den
Dardanellen umkehrte, weil ein türkisches Geschütz abgefeuert wurde
und die Türken die Engländer nicht haben wollten! Natürlich wissen
wir, wie falsch das ist.
Der arme Sadullah Bey äußerte gestern abend auf dem Hofball - als ich
nicht umhin konnte, ihm zu sagen, wie leid er und seine Landsleute mir
täten: 'Notre seul espoir est l'Angleterre' - je mehr ich höre und je
mehr Zeit vergeht, desto mehr bedauere ich, daß die englische Flotte
und die englischen Truppen nicht schon lange in Konstantinopel,
Gallipoli und den Dardanellen sind. Ich bin sicher, daß die Russen vor
Schreck ihre Besinnung wiedergefunden hätten und wenn auch nicht
vernünftig, so doch fügsam genug geworden wären, günstigere
Friedensbedingungen anzunehmen; während sie jetzt tun werden, was
ihnen gefällt.
Ich möchte der Friedenspartei in England weder Selbstsucht noch Mangel
an Patriotismus vorwerfen - bestimmt hat sie keine Ahnung von dem
Schaden, den sie ihrem Vaterland im Ausland zufügt. Nicht nur deshalb
wird die britische Politik schwach, unbestimmt, pfuscherisch genannt,
sondern es wird ein ganz falscher Eindruck von Englands Macht und
Rücksicht auf seine eigene Würde und seine Interessen erweckt!
Ich habe hoffentlich nicht unrecht, wenn ich das sage, aber mein Herz
fühlt wie das einer ergebenen und loyalen Britin bitter die Vorwürfe
und Verwünschungen, die man einem in jedem Sinne überlegenen Lande zu
machen wagt, das die Leitung übernehmen und sich Gehör verschaffen
müßte.
Ich weiß, daß Du das alles auch empfindest und über alle Maßen besorgt
sein mußt.
Ich bin fortwährend in kämpferischer Stimmung, da ich so viel kaum
Erträgliches zu hören und zu lesen bekomme und nicht die Genugtuung
haben kann, jemand zu Boden zu schlagen."
Drei Wochen später schrieb die Kronprinzessin im Februar 1878 an die Königin Victoria: "Die politische Lage scheint sehr trübe. Die Russen glauben, daß sie den Engländern doppelt überlegen sind, aber nicht England und einem Alliierten; und diesen Verbündeten zu bekommen, scheint mir wichtig! Es ist zweifelhaft und schwer zu erkennen, ob man sich auf die Österreicher verlassen kann. Fürst Bismarck wünscht indessen nicht, wie Du sagst, mit irgend jemand zu streiten; im Gegenteil, er darf mit Rußland keinen Konflikt bekommen, sondern kann nur alles bedauern, was Rußland stärkt oder Englands Kraft schwächt. Das ist selbstverständlich und bedarf keiner Erklärung. Er würde verrückt sein, wenn er etwas anderes wollte. Nach meiner Ansicht glaubt er, daß der jetzige Zeitpunkt der schlechteste für England ist, einen Krieg anzufangen, und daß die Zeit vorbei ist, in der man mit einiger Aussicht auf einen günstigen Ausgang Rußlands Vorgehen ein Ende bereiten könnte, was Österreich und England vor einiger Zeit noch hätten tun können."... Inzwischen war am 13. Februar der Befehl für die britische Flotte in Malta zur Fahrt nach Konstantinopel wiederholt und dieses Mal tatsächlich ausgeführt worden; fünf Tage später aber wurde der Flotte befohlen, Konstantinopel zu verlassen und sich fünfunddreißig Meilen südlich der Stadt vor Anker zu legen. Der Vertrag von San Stefano wurde am 3. März 1878 unterzeichnet, nachdem ein Waffenstillstand geschlossen worden war; Serbiens Unabhängigkeit wurde erklärt und Bulgarien zu einem autonomen Fürstentum unter russischem Einfluß gemacht. Drei Wochen später trat Lord Derby, der für die Regierungspolitik niemals Sympathie gehabt hatte, zurück; sein Nachfolger war Lord Salisbury. Nun wurde die englische Politik, die nicht mehr von einem uneinigen Kabinett geleitet wurde, zu kräftiger Tätigkeit angespornt, und Lord Salisbury verlangte nicht nur in einem meisterhaften Rundschreiben, daß der Vertrag von San Stefano dem Urteil Europas unterbreitet werden sollte, sondern zeigte, daß er entschlossen sei, Ernst zu machen; er kündigte an, daß siebentausend Mann indischer Truppen unterwegs nach Malta seien. Natürlich widersetzte sich Rußland heftig, während die anderen europäischen Mächte Lord Salisbury unterstützten. Nach vielem Hin und Her wurde eine Konferenz beschlossen. Die Nachricht von Lord Derbys Rücktritt und die Art der Abfassung von Lord Salisburys Rundschreiben an die Mächte begeisterte die Kronprinzessin, die am 5. April an ihre Mutter schrieb:
"Seit Lord Derbys Rücktritt und Lord Salisburys Rundschreiben kann man
den Kopf wieder hoch tragen und fühlt sich nicht länger durch das
Gefühl der Angst und des Mißtrauens vor der Zukunft
niedergedrückt. Jetzt wissen wir, daß England eine klare und richtige
Politik hat; dadurch ist bereits das Gesicht der ganzen Frage
vollständig verändert worden.
Mit Ausnahme der geschworenen Rußland-Freunde stimmen nach meiner
Ansicht alle dem Eingreifen und den Ansichten Englands zu; überall
herrscht ein Gefühl der Erleichterung, daß endlich England
hervorgetreten ist und gesprochen hat. Die Österreicher sind entzückt,
und was die unglücklichen Türken und die anderen Staaten empfinden
müssen, kann ich mir wohl denken. Welcher Segen, daß ihr Geschick
nicht mehr allein von Rußland bestimmt wird, dessen verräterisches
Benehmen ihnen allen die Augen über die wahre Natur der Ziele Rußlands
geöffnet hat. Weder England noch Österreich können den Krieg
wünschen, dürfen aber auch nicht vor ihm zurückschrecken, wenn er
ihnen aufgezwungen wird.
Ich komme nicht von dem Gedanken los, daß die Russen nachgeben werden
und alles in befriedigender Weise ohne Krieg eingerenkt wird.
Zu dieser Wendung der Dinge muß ich Dir meiner Glückwünsche
ausdrücken. Du mußt Dich jetzt sehr erleichtert fühlen. Der atme Lord
Derby scheint mit großer Freundlichkeit und Achtung behandelt worden
zu sein, so daß man kein Mitleid mit ihm zu haben braucht! Er ist für
sehr vieles verantwortlich und hat durch seine Unentschlossenheit viel
Unheil angerichtet! ...
Ich wünschte, Du könntest die Artikel in der Augsburger Allgemeinen
Zeitung, der Kölnischen Zeitung und dem Journal des Débats
gerade jetzt lesen, da es interessant ist, die große und wohltuende
Wirkung festzustellen, die Lord Salisburys Rundschreiben gehabt
hat..."
Im Mai nahmen die Mächte Bismarcks Anerbieten an, als "ehrlicher Makler" zu dienen, und Vorbereitungen wurden getroffen, den Berliner Kongreß einzuberufen. In Präliminarverhandlungen, die vor Anfang des Kongresses stattfanden, erzielte man Verständigung über die Hauptpunkte. Rußland stimmte der Trennung des großen, aus dem Vertrag von San Stefano hervorgegangenen Bulgarien in zwei Provinzen zu, und Österreich war damit zufrieden, daß ihm erlaubt sein sollte, Bosnien und die Herzegowina zu besetzen. Für Bismarck war nun der Weg geebnet, die förmlichen Einladungen für den Berliner Kongreß herausgehen zu lassen, und am 2. Juni 1878 händigte der deutsche Botschafter in London, Graf Münster, dem Sekretär des Auswärtigen, Lord Salisbury, in dessen Hause zu Hatfield Fürst Bismarcks offizielle Einladung an England aus, am 13. Juni an dem Berliner Kongreß teilzunehmen. Unter den vornehmen Gästen, die gerade zu dieser Zeit im Hause des Staatssekretärs weilten, waren der deutsche Kronprinz und die Kronprinzessin, die von Marlborough-House herübergekommen waren, wo sie einen Besuch erwiderten, den ihnen der Prinz und die Prinzessin von Wales in Potsdam abgestattet hatten. Die ruhige Stimmung, welche die Einladung hervorgerufen, wurde indessen einige Stunden später durch die Nachricht von der versuchten Ermordung Kaiser Wilhelms I. auf das heftigste erschüttert. Das kronprinzliche Paar brach sofort nach Deutschland auf. Der Kaiser war zwar schwer, aber nicht tödlich verwundet worden; als der Kronprinz in Berlin ankam, wurde ihm die Regentschaft über das Deutsche Reich übertragen. Während der Kronprinz dieses verantwortungsvolle Amt verwaltete, tagte der Berliner Kongreß. Der Kronprinz hatte während der kurzen Zeit seiner Regentschaft wenig Gelegenheit, seinen liberalen Wünschen praktische Wirkung zu verleihen; der mächtige Wille des Fürsten Bismarck, der mit Entschlossenheit seines Amtes waltete, behielt seine volle Wirksamkeit. Am 13. Juli beendigte der Berliner Kongreß seine Tätigkeit. Eine schwere Last war auf die Schultern des englischen Bevollmächtigten, Lord Beaconsfield, gelegt worden, der viele Gelegenheiten hatte, die Kronprinzessin zu treffen. Am Tage der Auflösung des Kongresses schrieb die Kronprinzessin an Königin Victoria:
"Der Kongreß hat seine Tätigkeit beendet! Ich fürchte nur, daß die
Eile, die Arbeit zu beendigen, zu groß war, so daß die Dauerhaftigkeit
darunter leiden könnte; er ist vom Fürsten Bismarck mit verzweifelter
Hast vorwärtsgehetzt worden, und das ist nicht gut! Die Angelegenheit
ist zu ernsthaft, um eine so flüchtige Behandlung zu vertragen.
Niemand kann sich ehrlicher und aufrichtiger als ich über den Vertrag
mit der Türkei und die Okkupation der Insel Zypern freuen. Unter allen
Freunden Englands hat diese Maßregel den besten Eindruck gemacht, und
viele der deutschen Zeitungen haben sie außerordentlich gelobt.
Ich halte sie ebenfalls für ausgezeichnet und glaube bestimmt, daß die
einst so fruchtbare Insel wieder aufblühen und daß der Vorgang der
türkischen Regierung zur Mahnung dienen wird, ihre armen Untertanen
besser zu regieren und ihr entsetzlich verwüstetes Land besser zu
verwalten; außerdem wird es sehr gesund für die Russen sein, denen zum
Bewußtsein kommen wird, daß sie bewacht werden und keinen neuen Krieg
heraufbeschwören können - so wie sie diesen heraufbeschworen haben.
Ich bin sicher, daß Du Dich glücklich und erleichtert fühlst, weil
alles gut zu Ende gegangen ist; wenn man weiß, daß England immer auf
dem Posten und entschlossen sein wird, alle seine Mittel und Kräfte
stets an der Hand zu haben und nicht mit sich spielen zu lassen, dann
wird und kann der europäische Frieden nicht wieder so schnell gestört
werden. Es ist von ganz außerordentlichem Nutzen gewesen, daß die
Minister des Auswärtigen der verschiedenen Völker sich gegenseitig
kennengelernt haben; in Zukunft wird der schriftliche Verkehr zwischen
ihnen ganz andere Formen annehmen. Fürst Bismarck hat den besten
Eindruck von Lord Beaconsfield, der ihm sehr gut gefallen hat,
erhalten."
Gerade vor Auflösung des Kongresses machte Lord Beaconsfield dem Prinzen von Wales schriftliche Mitteilung von dem geheimen Übereinkommen, laut dem Großbritannien die Verteidigung der übrigbleibenden asiatischen Gebiete der Pforte übernahm und die Erlaubnis erhielt, Zypern zu besetzen, während der Sultan versprach, die nötigen Reformen zum Schutz der Christen einzuführen. "England", schrieb der Premierminister, "tritt in ein Defensivbündnis mit der Türkei bezüglich ihrer asiatischen Besitzungen ein und erhält vom Sultan die Erlaubnis, die Insel Zypern zu besetzen. Sie ist der Schlüssel zu Asien und liegt nahe bei Ägypten. Malta ist als militärische Basis für solche Zwecke zu weit entfernt." Die anglo-türkische Konvention, deren Einzelheiten zwei Tage nach Lord Beaconsfields Mitteilung an den Prinzen von Wales veröffentlicht wurden, verstimmte zwar die Franzosenfreunde, wurde aber von der Kronprinzessin auf das wärmste begrüßt, die am 16. Juli an ihre Mutter schrieb: "Ich bin voller Ungeduld, von Dir zu hören, welchen Eindruck die englisch-türkische Konvention und die Okkupation von Zypern auf Dich gemacht hat. Ich halte es für ein ganz großes Ereignis, und wie ich bereits schrieb, für eines, das allen Freunden Englands gefallen muß! Lord Beaconsfield hat sich wirklich Lorbeeren verdient, sich einen Namen gemacht und vor allen Dingen seinem Lande das Prestige der Kraft und Würde wiedergegeben, das es dank Lord Derby und Gladstone auf dem Kontinent verloren hatte. Du mußt nach all der ausgestandenen Angst und Sorge außerordentlich froh sein. Es tat mir sehr leid, von Lord Beaconsfield Abschied zu nehmen, der bei näherer Bekanntschaft einen außerordentlichen Charme entwickelt, ebenso von Lord Salisbury, der ein in Wahrheit liebenswürdiger Mann ist. Von den anderen habe ich leider wenig oder nichts gesehen. Schuwaloff ist mit dem Ergebnis des Kongresses zufrieden, Fürst Gortschakoff gar nicht. Die Rumänen verließen Berlin in tiefster Verstimmung und Niedergeschlagenheit - aber ich sehe nicht ein, wie etwas mehr für sie hätte erreicht werden können, nachdem sie ihr Schicksal in Rußlands Hände gelegt hatten. Ich habe mich sehr gefreut, Sir Henry Elliot zu treffen, den ich seit 1857 nicht mehr gesehen hatte... Der Kaiser sieht sehr gut aus, ist aber immer noch schwach, und die Ärzte wollen noch keinen Tag zum ersten Ausgang bestimmen oder ihn hierher übersiedeln lassen usw. Sie überlassen es ihm, was mir sehr leid tut, da er nicht im geringsten geneigt ist, Berlin zu verlassen und seine Kräfte dort niemals zunehmen werden. Ich finde, daß die Kaiserin gut aussieht, hoffe aber, daß sie in der Lage sein wird, bald nach Baden und zu ihrer Kur zurückzukehren." Nach wenigen Monaten war der Kaiser wohl genug, um die Pflichten der Regierung wieder zu übernehmen; am 5. Dezember 1878 gab der Kronprinz die Regentschaft auf. Neun Jahre später sollte er die ganze Last der Souveränität nach dem Tode seines greisen Vaters übernehmen; aber nur während dieser kurzen sechs Monate kostete der Kronprinz in Wahrheit Herrscherfreuden. |