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Kaiser Wilhelm II

Aus meinem Leben

Verlag K.F. Koehler, Berlin, 1927

Auszug: Erinnerungen an seine Mutter, Seite 8...13

Eine weit kompliziertere Natur als mein Vater war meine Mutter. Sehr klug, sehr scharfsinnig, nicht ohne Sinn für Humor, mit einem ungewöhnlich guten Gedächtnis ausgestattet besaß sie ein großes Wissen und eine umfangreiche Bildung. Ihr Charakter zeigte unbeugsame Energie, große Leidenschaftlichkeit und Impulsivität, sowie Neigung zu Debatte und Widerspruch; eine heiße Liebe zur Macht kann ihr nicht abgesprochen werden. Im ersten Jahrzehnt ihrer Ehe lebte meine Mutter, wie ich von Hinzpeter weiß, ganz ihrem geliebten Manne, da war sie mehr liebende Frau als Mutter, und ließ ihre ersten drei Kinder mit gewollter Härte und bewußter Strenge erziehen. Erst mit den Jahren, als der Kronprinz sich mehr um die Politik zu bekümmern begann, fand sie den Weg zur Kinderstube. Die jüngeren Kinder haben sie weit mehr als fürsorgende Mutter gekannt und sie abgöttisch verehrt. Vielleicht hat auch der Tod meines Bruders Sigismund, bei dem ihr warmes Mutterherz durchbrach, viel zu dieser Wandlung, die nach 1870 eingetreten ist, beigetragen; sie hat den Verlust dieses Sohnes und den 13 Jahre später erfolgten Tod meines Bruders Waldemar nie verwunden.
Man muß sicherlich bei einer Würdigung meiner Mutter berücksichtigen, daß sie als ganz junge englische Prinzessin in die ihr fremden preußischen Verhältnisse kam und sich erst umstellen und eingewöhnen mußte. Da sie aber bei ihrem Widerspruchsgeist wenig anschmiegsam veranlagt war, sie andererseits auch auf keine Bereitwilligkeit stieß, die ihre Eigenart anerkannt hätte. So wollte sich der Verschmelzungsprozeß nicht vollziehen. Typisch für ihr ganzes Wesen ist da das Wort, das ihr Bruder, König Eduard, von ihr gesagt hat: in Deutschland lobte sie alles Englische, in England alles Deutsche.
Ihr weitgespannter Interessenkreis umfaßte die verschiedenartigsten Gebiete: Politik, Philosophie Kunst und Kunstgewerbe, soziale Fragen, Frauenbildung, charitative Bestrebungen, Gartenkunst und vieles andere mehr.
Politisch war sie bekanntlich ganz von englisch-liberalen Ideen erfüllt, so daß sie sich am Wesen des Altpreußentums stoßen und dieses sie abstoßen mußte. Sie hat im Gegensatz zu vielen deutschen Prinzessinnen, die ins Ausland geheiratet haben, ihre Heimat immer am höchsten gestellt, nichts ging ihr darüber. Man wird das subjektiv nicht nur verstehen, sondern sogar ehren müssen, auch wer, wie ich, in allem rein deutsch und rein preußisch gedacht und gefühlt hat; aber es hat das doch, wie ich hier nur andeuten will, zu Gegensätzlichkeiten geführt, die zwischen Mutter und Sohn besser vermieden werden.
Eine gute Kennerin war meine Mutter auf dem Gebiete der bildenden Kunst, die meisten Gemäldegalerien Europas waren ihr bekannt und vertraut. Sie hat an Gemälden selbst vieles zusammengebracht, das den Grundstock für das nachmalige Kaiser-Friedrich-Museum gebildet hat. Sie hat die Kunst auch selbst ausgeübt und hübsche Aquarell- und Ölbilder geschaffen: italienische Landschaften, Porträts und Stilleben, besonders Blumenstücke. Ich entsinne mich noch der schönen Stunden, wenn meine Mutter in ihrem Atelier, das im ersten Stock des Kronprinzenpalais an der Ecke nach der Oberwallstraße, mit dem Fenster nach der Neuen Wache zu, gelegen war, an der Staffelei saß und malte. Ich mußte ihr dabei gewöhnlich vorlesen, meist lustige englische Geschichten, und ich habe es dann oft erlebt, wie sie die Palette hinwarf, um recht herzhaft zu lachen. Es war übrigens auch in ihrem Bibliothekszimmer, das ihr gleichzeitig als Wohnzimmer diente, immer sehr hübsch. Der Raum lag nämlich sehr eigenartig in dem Schwibbogen, der vom Kronprinzen- zum Prinzessinnenpalais führt. Die Fenster gehen nach beiden Seiten hinaus. sowohl nach den Linden wie nach der Oberwallstraße, und es war für mich als Kind immer höchst interessant, von dort aus das Leben und Treiben auf den Straßen zu beobachten. Zwischen den Fenstern standen in offenen Regalen die zahlreichen Bücher meiner Mutter, in denen zu "schmökern" ebenfalls ein besonderer Genuß für mich war.
Italien war das Land, wohin sie immer wieder ihre Sehnsucht zog, sie ist wohl jedes Jahr dort gewesen. Die Kunstschätze, die Bauten und Bilder waren ihr heimatlich vertraut. Sie sprach Italienisch in gleicher Vollkommenheit wie Englisch, Deutsch oder Französisch. Ich habe bei den wenigen Gelegenheiten, die ich mit ihr unter der südlichen Sonne sein durfte, immer bemerken können, wie tief sie das Land, seine Bewohner und seine Geschichte liebte. Unvergeßlich sind mir in dieser Beziehung einige Episoden, die ich im Oktober 1887 in Baveno am Lago Maggiore erlebt habe. Wenn ich dort mit meiner Mutter allein spazieren ging, pflegte sie gern einen Verladeplatz für steinerne Bauteile zu besuchen, auf dem Steinmetzen und Marmorarbeiter damit beschäftigt waren, Kapitelle, Friese und Reliefs für größere Gebäude herzustellen, wobei sie sich in der lebhaften Art des Südländers unterhielten. Meine Mutter konnte sich nicht genug verwundern über die Geschicklichkeit und Sicherheit, mit der diese Leute ohne Modelle, gewissermaßen aus dem Gefühl heraus, den Marmor zu bearbeiten verstanden. "Welch ein Kulturvolk", rief sie aus, "das sind geborene Künstler! Sie wissen intuitiv, wie die Sachen sein müssen. Das ist die alte Kultur, die noch von den Römerzeiten her in diesen Menschen steckt." Unvergeßlich auch, wie mich meine Mutter ein andermal nach den Borromeischen Inseln hinüberbrachte. Als wir dort aus der Terrasse des prächtigen alten Palastes und durch den duftenden Orangenhain wandelten, sagte sie voller Andacht: "Hier entstand das schöne Gedicht: 'Kennst du das Land'", und, auf den Palast hindeutend: "Den hat der Dichter besungen, als er schrieb: 'Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach'". Es war in der Tat ein herrliches Stückchen Erde, wert, durch den größten deutschen Dichter gefeiert zu werden.
Hochverdient hat meine Mutter sich zweifellos um die Verbreitung des Kunstgewerbes in Deutschland gemacht. Das Kunstgewerbemuseum in Berlin, das am 21. November 1881, ihrem Geburtstage, eröffnet wurde, kann geradezu als ihre Schöpfung bezeichnet werben. Ich habe als Kind noch bei uns zu Hause die ersten Schränke mit Majolikatöpfen u. a. gesehen, die den Grundstock zu dem späteren Museum gebildet haben.
Ein weiteres Verdient hat meine Mutter sich um die Hebung der damals noch im argen liegenden weiblichen Bildung und Erwerbsfähigkeit erworben, sie ist hier unablässig tätig gewesen. Eine Frucht dieser Tätigkeit war die Begründung des Viktoria-Lyzeums in Berlin, das die Keimzelle für weitere Bildungsanstalten geworden ist.
Bahnbrechend hat sie damals in Verfolg ihrer charitativen Bestrebungen besonders auf hygienischem und sanitärem Gebiet gewirkt. Was sie für die Verbreitung heute uns selbstverständlich erscheinender Einrichtungen, wie z.B. Badeeinrichtungen, getan hat, ist gar nicht abzuschätzen. Die Krankenpflege betrachtete sie als ihr ureigenstes Feld, sie rief hier u. a. die Vereinigung der Viktoriaschwestern ins Leben, richtete auch in den Kriegsjahren in ihrem Berliner Palais, in Homburg wie im schlesischen Erdmannsdorf Lazarette ein und gab Anregungen, denen das Reichsgesundheitsamt seine Entstehung verdankt. Übrigens ist bemerkenswert, daß sie den preußischen Armeeärzten große Wertschätzung entgegenbrachte; so verband sie eine sozusagen berufliche Freundschaft mit den Generalärzten Wilms und Böger.
Schließlich wäre noch auf ihre große Naturliebe hinzuweisen; sie schwärmte für Blumen, Parks und Gärten - wohl nicht das einzige Erbteil, das ich von ihr habe! In Homburg konnte sie in gartenarchitektonischen Schöpfungen schwelgen; es ist ganz erstaunlich, was sie aus diesem Stück Erde gemacht hat. Und daß sie eine unermüdliche Fußgängerin, eine passionierte Reiterin gewesen, ist an dieser Stelle wohl auch erwähnenswert.
Es ist jedenfalls nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß meine Mutter eine hochbegabte Frau voller Ideen und Initiative gewesen ist, daß die Schuld aber nicht nur bei den andern gesucht werden darf, wenn sie nicht das Verständnis gefunden hat, das sie wohl verdient hätte. Ich bin jedoch überzeugt, daß eine spätere Geschichtschreibung ihr einmal voll die Anerkennung zuteil werden lassen wird, die ihr im Leben versagt geblichen ist - versagt, wie so manches andere. Denn die Tragik im Leben meines Vaters ist in vielleicht noch höherem Maße auch die ihre gewesen.

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